Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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denn sie können sich ihrer gut bedienen. Der französische Jude, ist wie der deutsche im Allgemeinen Bourgeois, so viel es auch sozialistisch . angehauchte Männer, besonders unter der jüngeren Generation, geben mag.. Und bei der Wahl machen die Juden , ihren Einfluß für dse alte Partei Gambettas und Cremieux geltend,- und da, wo ihr Einfluß und ihre Zahl im Verhältniß groß sind, verhelfen sie wohl auch dem Bourgeois-Republikaner, dem Opportunisten zum Siege. So geht es,in Algier, wo fast-alle Juden Opportunisten, das heißt Regierungsrepnblikaner sind und fast alle eingewanderten Franzosen Sozialisten. . Da wenden sich nun die Sozialisten gegen die Juden und bilden die Spielart antisemitischer Sozialisten. Noch eins kommt hinzu. Ueberall verstehen die Massen das Argument ad hominem am besten, und das beste Mittel, ihren Theorien Ausbreitung zu verschaffen, ist, der Hinweis der sozialistischen Agitatoren auf die reichen Leute. Wenn sie aber hierbei Namen nennen muffen, so nennen sie natürlich die reichsten und bekanntesten. Das sind aber immer noch Rothschild und Hirsch, obwohl es sehr viele ungeheuer reiche Nichtjuden giebt, und sie werden deshalb immer als Beispiele der Lösen Reichen genannt. Auch dadurch wird der Masseninstinst des Volkes gegen die Juden aufgeregt, vielleicht oft, ohne daß der Agitator dies gerade beabsichtigt. Nicht überall hat die judenfeindliche Bewegung gleiche Ausdehnung. Am stärksten ist sie zur Zeit in Algier, und da erleben wir ein Schauspiel, das beschämend ist für alle Theile. Das lärmende. Auftreten der antisemitischen Sozialisten hat .zuwege gebracht, daß die Regierung ihnen die dortigen Juden, ihre eigene festeste politische Stütze, fast ganz preisgab. Sie hat zugelassen, daß sie zum großen Theil aus den Wählerlisten gestrichen wurden, daß man sie aus dem Kommunaldienste verdrängte, daß auf allen Plätzen gegen sie gehetzt wurde, und sie ist erst eingeschritten, als es zu Straßenexzessen kam. Die Juden selber aber, die sich alles dies rkoch nicht erklären können, sind-kurzsichtig genug, die algerischen Juden selbst zu verurteilen. Wie man in Deutschland einst glaubte, die hessischen Juden seien schuld, daß der Antisemitismus bei ihnen'zuerst zur Macht gelangte, so glaubt man thörichterweise heute in Frankreich selbst unter den Juden an die Schuld der algerischen Juden, und man wird dieselbe Erfahrung machen, wie man sie in Deutschland gemacht hat,. daß es für die Entwickelung der antisemitischen Ideen nur auf ihre Vertreter ankommt, nicht darauf, ob die Juden gut oder schlecht sind, ja, ob sie überhaupt vorhanden sind. Es scheint, als ob allmälig bei den französischen Juden die Nothwendigkeit, sich zur Verteidigung zu organisiren, begriffen würde; hoffen wir, daß es bald geschieht, damit die judenfeindliche Bewegung sich nicht zu weit ausbreiten kann. Zweierlei Lehre aber kann man aus der Entwickelung des Antisemitismus in Frankreich ziehen. Vor dem Judenhaß schützt auch die Assimilation nicht, sie macht ihn nicht einmal milder oder ungefährlicher. Und noch eins: Man hat immer gesagt, daß der Antisemitismus abhängig sei von der Zahl der Inden, daß er bei einem geringen Prozentsatz nicht vorkomme, erst dann, wenn die Zahl der Juden eine gewisse Höhe erreicht. Auch dies ist ein Jrrthnm! Möge man es einsehen und nicht mehr aus solchem Grunde die Einwanderung fremder Juden selbst von jüdischer Seite zu Hintertreiben suchen, wie dies in dem Jahre 1891 mehrfach zur Beschämung der ganzen Judeuheit geschehen ist. Die Woche. . Berlin, 7/ Juli. ' Sfirfrn dieser Woche ist an die hervorragendsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde das folgende Rundschreiben verschickt worden: An unsere Glaubensgenossen! Die Unterzeichneten wenden Sch an ihre hiesigen Glaubensgenossen mit der Bitte, durch die Beantwortung der umstehenden Fragen zur Klarstellung einer sür das Judenthum wichtigen Angelegenheit beitragen zu helfen. Wir brauchen kaum darauf hinzuweisen, daß die religiösen Zustände und Verhältnisse, die innerhalb unserer Gemeinde herrschen, jeden wahren Freund des Judenthums mit Besorgniß für die Zukunft erfüllen müssen. Es sind nicht leere Klagen, die wir hier Vorbringen, wir weisen auf Thatsachen hin, die nicht bestritten werden können. In allen Kreisen nimmt die Gleichgiltigkeit überhand, die Gotteshäuser werden zumeist nur an den drei hohen Festtagen besucht; der Sabbath wird nicht mehr geheiligt, weder im Hause noch durch Theilnahme am Gottesdienst. Das sind Zustände, die wir aufs Tiefste beklagen, denn wir sind überzeugt, daß viele Hunderte, ja Tausende unserer Glaubensgenossen das Bedürfniß empfinden, dem Gottesdienste ^'beizuwohnen und ihre Kinder in die Synagoge zu führen. Aber in der großen Mehrheit zwingt sie ihr Beruf mit unabweisbarer Nothwendigkeit, am Sonnabend zu arbeiten. Ein Gang durch die Straßen unserer Stadt, ein Blick in die leeren Synagogen und andererseits in die offenen Geschäfte, Werkstätten, Büreaus und Schulen müssen Jeden überzeugen, daß an unserem Ruhetage die Mitglieder der Gemeinde in voller Arbeit sich befinden. Kein Wunder daher, daß. unsere Kinder aufwachsen, ohne das Judenthum kennen und lieben zu lernen und ohne jenewahre Religiosität zu gewinnen, zu der ein erhebender Gottesdienst uns führt. Wir wollen und dürfen nicht theilnahmslos und unthätig ferner zuschauen, wie der Glaube, der das Glück und die Seligkeit unserer Väter war, mehr und mehr aus unserer Mitte schwindet. Wir müssen sorgen, daß Maßregeln ergriffen werden, die, ohne den Geist und das Wesen unserer Religion irgendwie zu verletzen, eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen im Stande sind. Wir wollen nicht, daß an dem Sabbath, der heilig ist, und der eine der Grundvesten des Judenthums bildet, gerüttelt werde, aber wir wollen für Diejenigen sorgen, die, ohne auf dem Boden der Reform-Gemeinde zu stehen, nicht in der Lage sind, am Sabbath das Gotteshaus zu betreten. Und für diese verlangen wir, neben und außer dem Gottesdienste am Sabbath, die Ausgestaltung des Sonntag- Morgengottesdienstes zu einer erhebenden religiösen Feier mit Predigt. Wir haben kein anderes Mittel, den in erschreckender Weise zunehmenden Jndifferentismus zu bekämpfen, und selbst die orthodoxesten unserer Glaubensgenossen können hiergegen nichts einzuwenden haben, wie hervorragende Rabbiner uns bestätigten. Es mag sein, daß die religiöse Feier am Sonntag Anfangs wenig besucht werden wird, aber wenn die Thore der Synagoge offen stehen, wenn wir vor uns selbst keine Ausflüchte haben, das Haus Gottes zu betreten, dann wird sicher im Laufe der Zeit das in der Brust Vieler schlummernde religiöse Gefühl wieder zum vollen Bewußtsein gelangen. Die jetzigen beklagenswerthen Zustände sind auf die Dauer unhaltbar, weil dem größeren Theil unserer Glaubensgenossen die Möglichkeit vollständig entzogen wird, den wöchentlichen Gottesdienst, allein oder mit ihren Kindern zu besuchen. Um eine Besserung dieser Verhältnisse herbeizuführen, beabsichtigen wir, dem Vorstande der Jüdischen Gemeinde einen Antrag zu unterbreiten: „er möge neben dem Sabbath-Gottesdienst eine feierliche Andacht mit Predigt an den Sonntagen in den Synagogen einrichten". Falls eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen sich für diesen Antrag. erklärt, dann wird auch der Vorstand, diesen Wünschen gerecht werden.