Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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<VT> Berlin, 29. Juni. Das von dem hiesigen verstorbenen Rentier Simson Simon gestistete Stipendium.von' jährlich 1200 Mark soll für das Jahr 1. April 1897/98 von Neuem verliehen werden. Nach den testamentarischen Bestimmungen muß der Bewerber zur Erlangung des Stipendiums': 1. in Preußen geboren und jüdischen. Glaubens sein, 2. mit einem unbedingt guten Zeugniß der Reife von einem hiesigen Gymnasium abgegangen und 3. auf hiesiger Universität als Studirender der Medizin immatrikulirt fein sowie 4. ein Zeugniß seiner Bedürftigkeit vorlegen. Außerdem muß derselbe,-vom Beginn des zweiten Semesters feines Studiums ab, bei Erhebung des Stipendiums, welches in vierteljährlichen Raten pränumerando gezahlt wird, in jedem Semester ein Fleiß- und Sittenzeugniß vorlegen. . Bewerbungen sind schriftlich unter Beifügung der Zeugnisse bis zum 15. Juli d. I, bei dem königlichen Universitäts-Kuratorium einzureichen. c. Aus Ober-Schlesien, im Juni. Am 9. Juni fand in Zabrze unter dem Borsitze des Herrn Rabbiners Dr. Cohn-Kattowitz eine Versammlung der Mitglieder des oberschlesischen Rabbinerverbandes statt. Nach verschiedenen anderen Mittheilungen gelängte zur Kenntniß, daß unter Zustimmung sämmtlicher Mitglieder der Verband sich korporativ dem neu organisirten deutschen Rabbinerverbande angeschlossen habe. Der Vorsitzende erstattete einen ausführlichen Bericht über die am 11. Mai in Berlin stattgesundenen Verhandlungen des Central-Ausschusses des deutschen Rabbinerverbandes und ersuchte die Kollegen im Hinblick auf die in der erwähnten Versammlung besprochene Ministerialverfügung, nach welcher den in Zuchthäusern internirten jüdischen Gefangenen nicht mehr wie bisher rituelle Kost gewährt werden soll, Erkundigung über die Beköstigung der jüdischen Untersuchungsgefangenen in den einzelnen Städten einzuziehen. Es wurde beschlossen, vor jeder Trauung an zuständiger Stelle anzufragen, ob nicht religiöse Ehehindernisse vorliegen. Fortan soll in jeder Verbandssitzung ein Referat über ein vorher zu bestimmendes Thema auf die Tagesordnung gesetzt, beziehungsweise ein Vortrag über ein religiqnsgesetzliches oder jüdisch-wissenschaftliches Thema gehalten werden. Die nächste Verbandssitzung soll am 17. November stattfinden. In derselben wird Herr Dr. Kopfstein-Beuthen ein Referat über „Seelsorge" halten. Nach Erledigung weiterer Punkte der Tagesordnung und lebhaftem Gedankenaustausch wurden die anregenden Verhandlungen geschlossen. , 1. Schwerin i. M., 26. Juni. „Der 18. Juni ist ein Feiertag für die israelitischen Gemeinden des Großherzogthums," so sprach der Deputirte des israelitischen Oberraths, Herr Moritz Bonhain, in seinem Glückwünsche an den Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld, welcher an diesem Tage sein 70. Lebensjahr vollendete. Und fürwahr, ein Hauch der Freude ging durch alle Gemeinden, deren geistiger Führer unter der herzlichsten Theilnahme weiter Kreise den denkwürdigen Tag begehen durfte. Die Feierlichkeiten, welche sich über drei Tage erstreckten, legten ein herrliches Zeugniß von der Beliebtheit und der Verehrung ab, deren sich der Jubilar in allen Ständen der Bevölkerung und bei allen Bekenntnissen erfreuen darf. Und die Ehrungen waren wohlverdient. Denn unser Landesrabbiner, der seit 21 Jahren hier amtirt, ist seiner Gemeinde ein leuchtendes Beispiel rastloser Arbeit, hingebendster Pflichterfüllung, reinster Glaubenstreue, ein echter Priester im edelsten Sinne des Wortes. Der Jubilar wollte in seiner Bescheidenheit jede Feier des Tages abwehren, aber die Gemeinden des Großherzogthums ließen es sich nichknehmen, den Tag festlich zu feiern. Bon allen Seiten liefen Glückwünsche, Adressen, Geschenke ein. Der Oberrath ließ eine kostbar ausgestattete Adresse und ein größeres Kapital als Ehrengeschenk durch eine Deputation überreichen. Der Jubilar bestimmte das Kapital, das die männlichen Mitglieder seiner engeren Familie noch erhöhten, zu einer „Dr. Feilchenfeld- Äiftung" behufs weiterer religiöser und wissenschaftlicher Ausbildung der israelitischen Lehrer des Großherzogthums. Eine kostbare Stickerei überreichte eine Deputation der ehemaligen Schülerinnen. Glückwünsche sandten unter vielen anderen Gemeinden die Vertretungen der Gemeinde Dresden, wo den Jubilar 1857—1839 unter Leitung seines Schwagers. des Oberrabbiners Dr. Landau, an der Religionsschule gelehrt, ferner Culm> wo Dr. Feilchenfeld 17 Jahre vorher gewirkt, Ratibor, dessen Litteraturverein der Jubilar auch in einer künstlerisch ausgestatteten Adresse zum Ehrenmitglieds-ernannte. Die Alliance isra&ite in Paris sandte dem verdienstvollen Mitarbeiter herzliche Glückwünsche. Die wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner beglückwünschte den „bewährten Altmeister auf dem Gebiete jüdischer Pädagogik", der Central vereindeutscheuStaatsbürger jüdischen Glaubens schickte herzliche Wünsche. Fast alle deutschen Rabbiner in Rang und Ansehen stellten sich mit telegraphischen Grüßen ein. Am Sonntag kamen die israelitischen Lehrer, des Großherzogthums, deren Senior, Lehrer Frank aus Tessin, eine Adresse überreichte, welche dankbar hervorhob, welche unendlichen -^Verdienste der Jubilar um den jüdischen Religionsunterricht und seine Vertreter sich erworben. Den Mittelpunkt der Festlichkeiten bildete die gottesdienstliche Feier, welche am Freitag Abend in der blüthengeschmückten Schweriner Synagoge stattfand. Die Fesipredigt hielt, einer Einladung des Oberraths folgendder Schwiegersohn des Jubilars, -.Herr Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor. Dr. Blumenthal knüpfte an das; Textwort?n, welches der. Jubilar vor 21 Jahren in seiner Antrittsrede behandelte: „Ein Jeder bei seinem Dienste, und ein Jeder bei seiner Last." Der Redner zeichnete das Lebens- und Charakterbild des Jubilars. Sein Leben sei ein treuer Priesterdienst gewesen, er habe wahrhaftig und begeisterungsfroh immer das Licht des Glaubens entzündet. Er war nie ein Mann der religiösen Partei. Für ihn gebe es nur einen Gott und einen Sinai, nur eine Wahrheit und ein Judenthum: nach dem Muster, das Gott ihm am Sinai gezeigt, machte er den Leuchter. Er sei sein Leben lang ein Wahrheitssucher gewesen, seine Begeisterung war nie Unduldsamkeit, seine Flammen kein verzehrendes Feuer, sondern stille, heilige Gluthen, die erwärmen, erleuchten und befruchten. Er habe stets jede ehrliche Ueberzeugung geachtet und nie die entgegengesetzten Meinungen Anderer verdammt, denn er wisse es, die reine Wahrheit sei nur bei Gott allein. Seine bedeutsamen Erfolge als Seelsorger und Jugendbildner, seine Wirksamkeit, sein Ansehen habe er erreicht „nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch seinen Geist". . Die Rede, die selbst nur flüchtig zu skizziren uns schwer möglich ist, machte einen großen, nachhaltigen .Eindruck. Nicht minder tief berührten die edlen und gedankenreichen Worte, die der Jubilar nun an die Gemeinde richtete. Fromme Absicht und ehrliches Wollen hätten ihn erfüllt. Die großen Ehrungen würden ihm ein Sporn zu weiterem Streben sein. Herr Dr. Feilchenfeld schreitet mit seinen siebzig Jahren noch jugendfrisch einher, und so wünschen wir, daß er noch lange in Körper- und Geisteskraft in seinem heiligen Berufe segensreich fortwirken möge! U. Aachen, 24. Juni. Eine ebenso seltene wie erhebende Feier fand heute hier statt; sie galt der 25 jährigen ununterbrochenen Wirksamkeit des Herrn Adolf Marx als Mitglied des Borstandes der Synagogen-Gemeinde. Zur Beglückwünschung war die Gefammtvertretung der Synagogengemeinde (Vorstand und Repräsentanten) mit dem Rabbiner Herrn Dr. Jaulus in der Wohnung des Jubilars erschienen. Namens der Gemeinde gab der Herr Rabbiner den Gefühlen des Dankes und der Anerkennung für das unermüdliche und segensreiche Wirken des Jubilars beredten Ausdruck und schloß mit dem Wunsche, daß es demselben vergönnt sein möge, seine hervorragenden Kenntnisse noch lange dem Wohle der Gemeinde widmen zu können. Die Glückwünsche der Repräsentanten brachte deren Vorsitzender, Herr Herz, dar; .er hob besonders das gnte Einvernehmen der beiden Kollegien hervor und überreichte als Ehrengeschenk der Gemeinde einen silbernen Aussatz mit entsprechender Widmung. Herr Jacob Lippmann sprach als Vorsitzender des Vorstandes dem langjährigen Kollegen und Mitarbeiter seinen Dank für die allzeit zielbewußte und segensreiche Thätigkeit im Vorstände aus, gedachte der seltenen Pflichttreue des Jubilars, auf welchen er ein dreifaches Hoch ausbrachte, in welches die ganze Versammlung begeistert einstimmte. Sichtlich bewegt dankte Herr Marx für die ihm dargebrachten Ovationen, lehnte in seiner bescheidenen Weise jedes Verdienst seinerseits ab und versprach, seine Kräfte wie bisher dem Wohle der Gemeinde zu widmen, welcher er ein kräftiges vivat, floreat creseat zurief. Möge es dem verehrten Manne vergönnt sein, seines Ehrenamtes noch lange Jahre zum Wohle der Gemeinde zu walten. @itt$, 27. Juni. Der neunte Bericht der „Emser Heilquelle" (Majne hajeschuoh), . Unterstützungsverein für arme jüdische Kurbedürftige, auf das Jahr 1896 ist eben ausgegeben worden. Der Verein wird in diesem Jahre sein zehnjähriges Stiftungsfest feiern; er ist dem Ziele, sich unabhängig von den Sammlungen bei.den Kurgästen zu machen, um ein Bedeutendes näher gekommen. Frau Baronin Hirsch hat gleich bei dem ersten Appell ihrsn nie versiegenden und versagenden