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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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323 Arbeit, Noth und Sorge bedeutet. O, wer doch geben könnte, wie beseligend muß dos Gefühl sein." „Für Denjenigen, der wirkliches Mitgefühl kennt," warf Sophie herb ein. „Gutes thnn! — Die Auffassung dieses Begriffs ist so verschieden, daß man kaum das Recht hat, darüber zu diskutiren. Wollen Sie jetzt die „Pathetique" hören." wandte sie sich freundlich an Klein, der nachdenklich vor sich hinstarrte, „dann spiele ich sie Ihnen vor." Bald darauf klangen die herrlichen Töne der Beethovenschen Sonate-perlenreitt unter ihren Fingern hervor. Sophie beherrschte das Instrument vollkommen, und sie legte ihre ganze Seele in ihr Spiel. Anfangs schien Klein nicht ganz bei der Musik zu sein. Die Erinnerungen waren zu mächtig in ihm geworden. Die Vergangenheit mit all ihren großen Leiden und Schmerzen war zu lebhaft vor ihm aufgetaucht; die Unterhaltung zitterte noch in ihm nach, allein Sophie hatte das beste Heilmittel für die seelische Erschütterung gefunden. Nach und nach besänftigte sich der Aufruhr in seiner Brust; gespannt lauschte er dem meisterhaften Spiele des Mädchens. Sein Kopf, der tief auf die Brust herabgesunkeu war, hob sich; seine Augen wurzelten fest auf der Gestalt des jungen Mädchens, welches er glaubte heute zum ersten 'Male zu sehen. Immer wärmer hafteten seine Blicke auf Sophiens Antlitz, welches sich während des Spieles wunderbar belebte und jetzt keine Spur mehr von jener Kälte und Strenge zeigte, die so oft beengend auf ihn eingewirkt. Wie aus einem wundersamen Traum erwachend, schrak er aus seinem Sinnen ans, als Sophie den letzten Akkord gespielt; ihre Augen begegneten seinen auflelichtenden Blicken; eine flüchtige Röthe huschte über ihr Antlitz, — aber ihre Stimme klang ganz so ruhig, wie sonst, als sie, ihren Platz am Instrument verlassend, sagte: „Mir kommt es immer wie eine Entweihung vor, wenn ich nach Beethoven noch etwas Anderes spiele. Es freut mich, daß Sie in der Musik wie in manchem Anderen unseren Geschmack theilen. Ich liebe die alten Meister in der Musik, wie. Sie die Alten des klassischen Zeitalters lieben. Wer in ihren Geist eingedrungen ist, mnß es thnn." Ihre Augen irrten zu dem Regulator hinüber, der die zwölfte Stunde auzeigte. Seine Blicke folgten den ihren. „Zwölf Uhr, — Mitternacht!" klang es leise aus seinem Munde. „Ein neuer Tag, — Gott gebe, daß für mich eine neue Zeit beginnt." Ueberhastig griff er nach seinem Hut und Stock. „Haben sie Dank, — tausend Dank für den schönen Abend. Sie haben mir wirklich wohlgethan," setzte er leise hinzu. Er reichte Frau Milde die Hand, in die sie die ihre mit herzlichem Druck legte; vor Sophie machte er nur. eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung. „Auf Wiedersehen!" klang es im freundlich nach, während er rasch die Treppen hinabftieg. „Auf Wiedersehen!" rief er leise, in seltsam bewegtem Tone zurück. Als sich heute Sophie zur Ruhe begab, lag ein tiefer Ernst auf ihrem Antlitz. „Nein, nein," flüsterte sie vor sich hin, „es wäre ein Unglück für uns Beide! Also fort mit allen thörichten Gedanken." (Fortsetzung folgt.) Fitterarische Mittheilungen. --- Je mehr in unserem Jahrhundert, das man auf rein geistigem Gebiete wohl dereinst als das der exakt-positiven Wissenschaften bezeichnen wird, auf allen Gebieten menschlicher Geistesarbeit eine immer systematischer durchgeführte Arbeitstheilung Platz gegriffen hat, je größer dadurch die Fortschritte gerade in der Einzelforschung geworden sind, um so schwieriger wird selbst dem Fachgelehrten, wie viel mehr aber dem Laien, der sich nur über die vornehmsten Ergebnisse der Forschung unterrichten will, eine schnelle und zuverlässige Orientirung über den gegenwärtigen Stand der letzteren auf irgend einem Wissensgebiete. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, ja oft von Jahr zu Jahr häufen sich die neuesten Forschungsergebnisse in den verschiedenen Wissenschaften mit einer Schnelligkeit, die es kaum noch dem Fachmann möglich macht, dieselben auf dem ganzen Gebiete seiner Wissenschaft mit voller Klarheit und erschöpfender Vollständigkeit zu übersehen. Aber auch an diejenigen Kreise des Publikums, welche nicht selbstthätig forschend Mitarbeiten an der Förderung wissenschaftlicher Erkenntniß, tritt doch in unserer an die selbständige Theilnahme Aller am öffentlichen Leben so hohe Anforderungen stellenden Zeit sehr oft die Nothwendigkeit heran, sich über irgend eine Erscheinung des wissenschaftlichen, geistigen, technischen oder politisch-sozialen Lebens kurz und schnell unterrichten zu müssen, ohne selbständige Forschungen weiter anstellen zu können. Diesem in allen am öffentlichen Leben unserer Zeit in irgend einer Weise theilnehmenden Kreisen unseres Volkes lebhaft empfundenen Bedürfniß einer schnellen und zuverlässigen Orientirung über die verschiedensten Fragen und Gebiete unseres Kulturlebens wollen die encyklopädischen Sammelwerke abhelfen. Sie alle verfolgen das Ziel, durch das Zusammenarbeiten einer großen Zahl geistiger Arbeiter aus den verschiedensten Wissensgebieten der Gesammtheit gleichsam einen Mikrokosmus des gesammten geistigen Besitzes unserer Zeit in handlicher und übersichtlicher Form darzubieten. Unter diesen encyklopädischen Sammelwerken nimmt schon seit langer Zeit das „Meyer sche Konversations- Lexikon" einen hervorragenden, ja in mehr als einer Beziehung den hervorragendsten Platz ein. Es darf in jeder Beziehung als ein würdiger und den großen Fortschritten unserer Zeit auf wissenschaftlichem, technischem wie politischem Gebiete in mustergiltiger Weise Rechnung tragender Fortsetzer der großen encyklopädischen Meisterwerke früherer Zeiten, wie des Zedlerschen „Universal-Lexikons", der „Encyklopädie der Encyklopädisten", der „Encyclopedie des gens du monde“ rc., bezeichnet werden. Was es aber zu seinem Vortheile von diesen älteren Werken wie von den gleichzeitigen Schöpfungen verwandter Art unterscheidet, ist neben der Reichhaltigkeit und erschöpfenden Vollständigkeit des Inhalts der zur Erläuterung und Verständlichkeit des Textes in diesem Werke zum ersten Male in systematischer Weise verwerthete illustrative Theil. In beiden Beziehungen werden die Vorzüge dieses Werkes nicht blos von uns Deutschen, sondern auch von den benachbarten Kulturvölkern neidlos anerkannt. In der That leuchten dieselben Jedem, der sich in den zahlreichen Fällen, in denen er einer schnellen Orientirung über irgend eine Frage bedarf, dieses vortrefflichen Nachschlagebuches bedient, sofort ein: sie sind so augenfällig, daß man wohl behaupten darf, daß das „Meyersche Lexikon" für Jeden, der selbstthätig an der Entwickelung unseres Volkslebens mitarbeitet, ein geradezu unentbehrliches Hilfsmittel geworden ist. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich diese allbekannte und schon gegenüber den früheren Auflagen des Werkes von der Kritik in seltener Einmüthigkeit hervorgehobene Thatsache noch weiter im Einzelnen begründen. Auf jedem Gebiete menschlichen Wissens erhalten wir in dem Texte des Werkes eine von fachmännischer Hand in genügender Kürze und für den Nachschlagebedarf mit erschöpfender Vollständigkeit abgefaßte Belehrung, die durch künstlerisch wie technisch gleich vollendete zahlreiche Illustrationen vortrefflich unterstützt wird. Aber auch wenn man sich über irgend eine Einzelfrage eingehender, als das in einem encyklopädischen Sammelwerke möglich ist, unterrichten will, wird man als erstes Hilfsmittel dieses ausgezeichnete Nachschlagebuch nicht entbehren wollen. Denn es ermöglicht durch seine mit verständiger Auswahl hinzugefügten Litteraturangaben dem Leser auch ein eingehenderes Studium. Die Frage nun, ob die neue Auflage dieses monumentalen Werkes erfolgreich bestrebt gewesen ist, den seit der früheren Auflage erreichten Fortschritten der Forschung auf allen Wissensgebieten und allen seitdem erfolgten Veränderungen und Umwälzungen unseres

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