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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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in sich ausgenommen, als Ballast wegwerfen sollte, da ein Denkender, wenn das Denken keine goldenen Früchte trägt, ein Träumer genannt wird, — ein spottschlechter Arbeiter wird. Weder meine Mutter noch meine Schwester durften eine Ahnuffg davon haben, wie es in meinem Inneren aussah.; Daß auch diese geliebten Menschen mit einem, schweren Entschlüsse rangen, bemerkte ich in meiner verzweifelten Stimmung nichts" „Wie bereits erwähnt," fuhr der Doktor nach einer flehten Pause fort, „war mir der Direktor wie der Oberlehrer sehr geneigt. Meine traurige, an Verzweiflung grenzende Stimmung siel den beiden Herren aus, und das Resultat ihrer Theilnahme war die Erlaubnis;. Vas Gymnasium weiter besuchen zu dürfen. Das Schulgeld wurde gestundet, bis ich soweit war,- dasselbe entrichten zu können. Gott Lob, es ist bereits geschehen," setzte er hochaufathmend hinzu. „Durch schwere persönliche Opfer erkauft/" warf Frau Milde gerührt, aber vorwurfsvoll ein. Er lachte leise ans. „Ja, allzu üppig konnte ich' allerdings nicht leben, aber das thut ja nichts. Ich bin noch jung; neunundzwanzig Jahre — in der Vollkraft des Mannes —, das ganze Leben liegt noch vor mir, und wenn das Glück, dessen Launenhaftigkeit in meinem speziellen Falle verheißungsvoll erscheint, den Einfall bekommt, mir zuzulächeln, dann kann ich noch viel nachholen." „In der Vollkraft des Mannes!" Sophie ließ bei diesen Worten ihre forschenden Blicke über die allzu schlanke Gestalt, über das - schmale, vergeistigte Antlitz, das sich infolge der seelischen Erregung ein wenig gefärbt hatte, schweifen. „Ehe Sie weiter erzählen," meinte sie, „müssen Sie sich ein wenig stärken. Die Männer, auch die klügsten und gelehrtesten, bleiben in gewisser Beziehung immer unpraktisch, während wir Frauen, auch wenn wir außerhalb unserer Sphäre stehen, den Sinn für bienothwendigen Lebensbedürfnisse behalten. Kraft und Stoff gehören zu unserem Dasein. Eines kann ohne das Andere nicht bestehen. Bitte, mein Herr Philosoph, fernerhin diese Wahrheit nicht vergessen zu wollen." Sie hatte ihm während der kleinen Standrede ein Bntterbrödchen, reichlich mit Fleisch belegt, hingeschoben und sein Glas von Neuem gefüllt. Nachdem er den so guten Rath der jungen Dame befolgt, fuhr er fort: „Bald bin ich mit meiner Erzählung zu Ende; wahrscheinlich geht es Ihrer Geduld, meine Damen, ähnlich. Der von der Noth gebotene Entschluß meiner Schwester, eine ganz untergeordnete Stellung bei einer im Städtchen wohnenden Familie an- Zunehmen, war der bittere Wermuthstropfen in dem Kelche der Freude. Unsere zarte, schöne Emilie, unser Stolz, dienstbar! Die bitterste Armuth zwang sie dazu. Emilie hatte nicht den Muth, die Vorschläge, die mau ihr machte, zurückzuweisen. Daß sie weit über unseren Stand gebildet, daß sie ein körperlich schivaches, geistig überaus zart besaitetes Menschenkind war, welches des Sonnenscheins bedurfte, um sich ganz entfalten zu können, mußte unberücksichtigt bleiben. 'Arme Menschen dürfen nicht zartbesaitet sein; wenn mau ihnen Arbeit, Brod verschafft, da darf doch das Wo und Wie keine Rolle spielen. Was sie unter den Verhältnissen gelitten, erfuhren wir nach einen! halben Jahre, als sie todesmatt in das mütterliche Haus zurnckkehrte. Ein hitziges Nervensieber, erzeugt durch inneren Gram und allzu schwere Arbeit bei mangelhafter Ernährung, warf sie auf das Krankenlager, das sie nicht mehr verlassen hat. Lassen Sie mich schweigen über jene Zeit. Meine Selbstvorwürfe waren gering gegen jene, die meine arme Mutter sich niachte. Tag und Nacht irrte sie in Verzweiflung umher. „Ich bin schuld an Emiliens Tode," klanges immer wieder von ihren zuckenden Lippen. „Ich habe auf den Rath fremder Menschen gehört, die kein Herz für Seelenleiden haben. Sie glaubten, wenn der Magen befriedigt ist, dann sei alles gut; ich aber kannte mein Kind, ich mußte es wissen, daß sie dabei zu Grunde gehen mußte." Ein Jahr nach Emiliens Tode stand ich allein, ganz allein auf der Welt; auch meine gute Mlltter war eingegangen in das Land, wo es keine Wiederkehr giebt. Als ich das Abiturientenexamen glänzend bestanden, freute sich Niemand mehr darüber. An den Gräbern meiner geliebten Angehörigen habe ich, unter brennenden Thränen, das ehrende Zeugniß gelesen, das mir meine Lehrer ausgestellt. Mit einer winzig kleinen Summe, die ich aus dem Verkauf der kleinen Habe meiner Elten: erhielt, bin ich nach Berlin gegangen. Eine Hilfe, die mir von Seiten eines wirklich guten und edlen Mannes angeboten wurde, er hatte von meinen Lehrern von mir gehört, wagte ich nicht, anzunehmen. Die Worte jenes Anderen : „Natürlich will man sich auf fremde Schultern stützen, da erklimmt sich die Höhe leichter", schwirrten mir vor den Ohren und hinderten - mich, die helfende Hand zu ergreifen. Ich selbst, ich ganz allein mußte den Kampf ausftchten, ihn gewinnen." Ein fieberhafter Glanz war während der Erzählung in die Augen Kleins getreten. Bei den letzten Worten erhob er sich, um ein paar Mal aufgeregt das Zimmer zu durchmeffen. Als Klein seinen ehenialigen Platz wieder eingenommen, begann Frau Milde: „Ihr Stolz war am unrichtigen Platze, mein lieber Doktor. Wenn es sich um so Großes handelt, soll man sich nicht von kleinlichen Rücksichten beherrschen lassen. Der erste Herr war nicht fähig, Sie zu begreifen. Von seinem Standpunkte ans hat er auch Recht; aber um eine Individualität, wie die Ihrige ist, beurtheilen zu können, gehört eine Ihnen verwandte, und deren giebt es nur wenige. Der Andere aber, lieber Freund, war eine edlere, feinfühligere Natur, und da er Ihnen die stützende Hand reichen wollte, so mußten sie dieselbe dankbar ergreifen; nicht, um sich Wohlleben zu bereiten, sondern um das Ziel, das Sie sich gesteckt, früher erreichen zu können. Nicht nur noblesse oblige, — sondern auch ricliesse lioblige. Sagen Sie mir, wodurch können sich die Reichen dem Schicksale gegenüber wohl besser abfinden, Gott ihre Dankbarkeit besser beweisen, als indem sie von deu Schätzen, die ihnen in den Schooß gefallen, ein Scherflein an Solche abtragen, die zu deu Stiefkindern des Glückes gehören? Wohlthun ist eine Pflicht der Neichen. Leider giebt es nur Viele, welche mit einer Wohlthat zugleich demnthigen; die Jene, denen sie geholfen, mit hochmüthigen Angen betrachten; ihnen nicht mehr die Achtung beweisen, welche der Arme tausendfach verdient, der muthig weiterkämpft; der das Leben ohne Sonnenschein erträgt, hungernd an der reich gedeckten Tafel Gottes steht, ohne das Recht zu haben, mitgenießend sich daran niederzulassen. Da Reichthum Macht giebt, so wagt es selten Einer, den Neichen ihre Pflichten gegen die Annen vor die Seele zu führen; ihnen zu zeigen, was ihnen alles geboten sein sollte, wenn sie sich des großen Vorzuges würdig machen wollen, den ein mit Reichthümern gesegnetes Leben bietet. Ich gehe weiter, ich finde, die helfende Hand zu ergreifen, ist nicht nur eine Pflicht der'Selbsterhaltung, sondern auch gegen Jene, welche durch edle Thaten sich ihr Erdenglück verdienen wollen. — Das ist meine Auffassung, und wenn ich das Talent hätte, meine Gedanken und Empfindungen klarzulegen, aufznschreiben, so würde ich mir dies Thema wählen. Uebrigens zeichnen sich ja die Inden durch ihren Wohlthütigkeitssinn aus," setzte sie lebhaft hinzu, „was vielleicht daraus resultirt, daß sie größtentheils selbsterworbenes, nicht ererbtes Vermögen besitzen und daher aus eigener Erfahrung wiffen, was

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