Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228230--53817-3267762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

321 [• t r i i ) e e it i n r i,!C :§ ä) :r n tu er tb er er ib der Nische befand. Die Mitte des Zimmers war ganz kahl, damit die Arbeiter sich frei bewegen konnten, aber der Wand gegenüber bot den Hintergrund für eine luxuriöse Einrichtung. Zuerst, dem Fenster zunächst, stand ein Sopha, auf dem Flatterentchens Gatte sogar in den ersten Jahren ihrer Ehe manchmal ausgestreckt lag , wenn er zu unwohl war, um mehr thun zu können, als bie Oberaufsicht über die Arbeit zu führen, denn er war von schwindsüchtiger Beschaffenheit. Ueber dem Sopha hing ein großer Spiegel mit einem Goldrahmen; die Vergoldung war von einer Muffelindraperie beschützt, in deren Ecken fliegenbeschmissene Papierblumen wuchsen. Zunächst dem Sopha befand sich eine hohe, mit staubigen Gläsern gekrönte Kommode, und nach einem Zwischenraum kamen die auf Rechen hängenden, mit einem weißen Tuch bedeckten Sabbathkleider; den übrigen Raum nahm das Bett ein, dessen Kopfende und eine Seits die Wände berührten, während das Fußende sich nach dem Küchenherd zu streckte. An der Wand über diesem Herd hing ein zweiter Spiegel voll welliger, wässeriger Reflexe; auch er war mit Musselin eingerahmt, obwohl er diesmal zum Verhüllen des Schmutzes, nicht zum Schutz der Vergoldung diente. Die mit rothem Papier geschmückte Küchenkredenz befand sich in. einem rechten Winkel mit. dem Herd, und gegenüber stand der Küchentisch, auf dem Flatterentchen Fische abschuppte, Kartoffeln schälte und das Fleisch koscher machte, indem sie es, wie es das rabbinische Gesetz forderte, einsalzte und einwäfferte. Am Fußende des Bettes in der schmalen Wand gegenüber dem Fenster befand sich eine Thür, die in ein winziges Zimmer führte. Jahrelang blieb diese Thür geschloffen; eine andere Familie wohnte hinter ihr; denn der Pelzmacher hatte weder die Mittel zu einem Extraschlafzimmer, noch das Bedürfniß danach. Das Zimmer war für Entführungen und Romantik wie geschaffen; die Verbindung mit dem Hinterhofe bildete eine steile Leiter, auf der man die Familie hinauf- und hinunterklettern sah, und von der man in einen Wafferbottich fallen oder durch einen geschickten Fall in einen Mistkasten gelangen konnte. Die Nachbarn nannten sie die Jakobsleiter, obwohl die Familie Isaaks hieß. - Und über allem lag eine Spur von Pelz. Die Luft war von einem Flaum erfüllt. Millionen Härchen schwebten im Zimmer umher, bedeckten alles, drangen unbemerkt in alles ein, krochen unter die Kleider der Arbeiter und kitzelten sie, krochen in ihre Lungen und brachten sie zum Husten, krochen in ihr Essen und Trinken und machten sie krank, bis sie Unempfindlichkeit lernten. Sie erwachten mit bepelzten Zungen, gingen damit schlafen. Die erregenden Fasern sammelten sich auf ihren Kleidern, ihren Gesichtern, dem Geschirr, dem Sofa, den Spiegeln (dem großen wie dem kleinen), dem Bett, den Gläsern, dem Leintuch über den Sabbathgewändern an.' ein ganz zarter Flaum lag über allem, drang sogar in das Trinkwaffer, in den Zinnschaff mit dem hölzernen Deckel und überzog „Rebbittin" die Hauskatze mit einem fremden Fell. In diesem Zimmer nun, solchen Lebensodem einathmeud, saßen sie, Mann, Frau, und Lehrjunge, und beugten sich über Boas, in denen bezaubernde, junge Damen Schlittschuh laufen würden; stich, stich ging es von Acht bis Zwei und von Drei bis Acht mit gelegentlichen Ueberstunden, die dann und wann bis spät in den nächsten Tag hinein dauerten, bis ihre Augenlider nicht länger offen bleiben wollten, und sie sich auf dem Boden, auf einem Haufen fertiger Arbeit niederlegten; stich, stich ging es Winter und Sommer den ganzen Tag hindurch, wobei sie um neun Uhr ein haariges Butterbrod verschlangen und zur Vesperzeit eine Pause machten, um den Jünfuhrpelz einzunehmen. Wenn dann die Dämmerung kam, wurde in dem überfüllten Zimmer Gas angezündet, das die mit menschi lichem Athem und. Straßengerüchen, Düften aus der Küchenecke und dem Ledergeruch der gefärbten Felle belastete zähe Luft noch dicker machte; manchmal schlich sich der gelbe Nebel herein, um seine;! feuchten Dünste beizutragen. Und zur Winterszeit kam der Nebel j oft schon früh Morgens herein; dann brannte das Gas, das die ersten Arbeitsstunden erhellt hatte, den ganzen Tag in der dicken; Luft, flackerte mit jenem seltsamen Schein, den Gaslicht bei Nebel besitzt, über den orientalischen Gestalten, warf schwere Schalten über die kahlen Breiter, überglaste die herabhängenden Pelzschlangen mit einem Atlasglanz, erhellte die gebeugten Köpfe der Arbeiter und das kränlliche Gesicht des Meisters unter dem bezunfteten Hauskäppchen und frischte den verblichenen Putz Flatterentchens auf, während sie, schwatzend und kochend, umherflatterte. In diese Atmosphäre nun führte Flatterentchen eines Tages eine Tochter ein, wobei die Gehilfen — nicht zu Ehren der Gelegenheit, sondern um des Anstandes willen — einen freien Nachmittag bekamen. Danach wurde Kindergeschrei in der Kürschner" Werkstätte ein MerkmaU des Lebens; allmälig wurde es seltener, da die kleine Rahel aufwuchs' und sich mit dem Leben versöhnte- Aber ganz trocken wurde die Quelle der Thronen niemals. Rahel war ein leidenschaftliches Kind und erfreute sich nicht der besten Eltern. Flatterentchen, die dem Himmel für diese höchste, zu einer Zeit' sehr zweifelhafte Gnade sehr dankbar War, ließ das Kind jeden Morgen die Gebete hersagen. Flatterentchen sprach , sie Wort für Wort vor, und Rahel wiederholte sie. Es waren hebräische Gebete, und weder Flatterentchen noch Rahel hatte die leiseste Ahnung, was sie bedeuteten. Diese Gebete waren jahrelang die Vorläufer stürmischer Szenen. „Modiani!" begann Flatterentchen.; „Modiani!" lispelte Rahel mit ihrer piependen Stimme. Es. j waren zwei Worte, aber Flatterentchen bildete sich ein, daß es nur eines sei. Sie sprach die Silben im Singsangton aus, das „am" gerade um zwei Töne höher als das „Modi", und der Accent war ganz falsch. Als Rahel zum ersten Mal verständlich wurde, war Flatterentchen über das Echo des kleinen Mädchens so hoch erfreut, daß sie sich öfters zu ihrem Gatten umdrehte und rief, „Hörst Du, Ludwig, mein Herz?" Worauf er ungeduldig entgegnete: „Nu, nu, ich hör'!" (Fortsetzung folgt.) Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) osef fuhr in seiner Erzählung weiter fort: „Was bedeutete denn bei dem Reichen jene Hilfsleistung, die ich von ihm erfleht?! Bei Weitem weniger als das Stückchen Brod, der Teller Suppe, den meine Mutter sich entzogen, um eine noch Aermere damit zu erquicken. Ich kam mir um Jahre gealtert vor, als ich mich endlich entschloß. nach Hause zu gehen. Als ich die Hobelbank, all das Handwerkszeug sah, das mein armer Vater fast zwanzig Jahre benutzt, ohne dabei die Freude am Schaffen, ohne irgend welchen Erfolg zu haben, da durchschauerte es mich. Nein, lieber todt und begraben sein, ehe ich mein Leben so hinbrachte, ehe ich matt und müde von der Arbeit in Stumpfsinn versank; all die großen, schönen, erhabenen Gedanken, die mein Geist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.