Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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iianlit. - Sobald er in die Nähe der'buntbeflaggten portugiesischen Schiffe gelangte, entbot er ihnen in kastilianischer Sprache den Schiffsgruß: „Gottsegne die Schiffe und die Herren Kapitäne und die gesummte Mannschaft!" Groß war die Freude der Portugiesen, in einemso fernen, fremden . Lande heimische Laute zu vernehmen; groß aber auch das Verlangen des Juden, Nachrichten.aus der ihm theuern Heimath zu erhalten. Im Vertrauen aufdas ihm von den Portugiesen gegebene Versprechen vollkommener Sicherheit bestieg er ihr Schiff. Er wurde mit allen Ehren empfangen,, lind die Schiffsmannschaft lauschte mit Vergnügen seinen interessanten Erzählungen. Er zog aber dadurch die Unterhandlungen so sehr in die Länge, daß Vasco da Gama Verdacht schöpfte und ihn für einen Spion hielt. Nichts Arges ahnend, wurde er auf einen Wink des Oberbefehlshabers plötzlich an Händen und Füßen gebunden, entkleidet und von zwei Schiffsknechten unbarmherzig gegeißelt. Vasco da Gama schwor beim Leben seines Königs, daß er ihn so lange peitschen lassen-würde, bis er die volle Wahrheit eingestanden hätte. Um den Qualen der Tortur zu entkommen, ging er endlich zu den Portugiesen über, und um sein Leben zu retten, versprach er, sich taufen zu lassen: er erhiel den Namen Gaspar da Gama, nach dem Oberbefehlshaber, der sein Taufpathe war. Der „jüdische Pilot" Gaspar, auch Gaspar de las Jndias genannt, wurde von Da Gama nach Lissabon gebracht und vom König Manuel, der besonderes Gefallen an ihm fand und sich gern mit ihm unterhielt, mit Kleidern, Rossen und Dienern reich beschenkt, auch durch einen Freibrief ausgezeichnet. Er leistete Vasca da Gama mib anderen Befehlshabern der portugiesischen Flotte unersetzliche Dienste; er war es auch, „der die Portugiesen auf die günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt der portugiesischen Macht werden sollte." Dieser erfahrene, sprachkundige und mit den Verhältnissen in Indien, vertraute Mann,' welcher die auf seinen Reisen gemachtem wissenschaftlichen Beobachtungen auch niedergeschrieben hat, begleitete' im Jahre 1500 Pedro Alvares Cabral auf seiner Expedition nach Indien und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des Königs, welches Cabral die Weisung ertheilte, in allen wichtigen Angelegenheitelt Gaspars Rath einzuholen. Cabral bediente sich seiner hauptsächlich' als Interpret. In Calecut ertheilte Gaspar dem Admiral den Rath, nach dem südlich gelegenen Cochin zu fahren, daß bei günstigem Winde in einem Tage zu erreichen wäre; dort gäbe es einen guten Hafen und weit mehr Pfeffer und andere Gewürze als in Calecut. Auf Gaspars Weisung setzte auch Cabral die Fahrt in der eingeschlagenen Richtung fort und gelangte an die Küste eines Landes, welches bis dahin weder die Spanier noch die Portugiesen kannten; es war Brasilien. Columbus suchte einen Seeweg nach Indien und fand unbewußt Amerika; Cabral fand einen Weg nach der Neuen Welt, indem er dem Rathe des jüdischen Piloten Gaspar folgte und gleichsam über Brasilien stolperte. Eine zweite Fahrt trat Vasco da Gama, von Gaspar begleitet, den 10. Februar 1502 an. In Cranganor traf er viele Juden an, die dort ansässig waren und wie die des ganzen Landes unter ihrem eigenen Fürsten standen, und in Cochin fand Gaspar — seine Frau wieder; dieselbe war nicht zu bewegen gewesen, das Judenthum zu verlassen und stand im Rufe der Gelehrsamkeit. Einige Jahre später vermittelte sie den Verkauf von dreizehn Thorarollen, welche aus den zerstörten Synagogen Portugals herrührten und welche durch den 0 M. s. mein Christoph Columbus und der Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen (Berlin, Cronbach, 1894), S. lio ff. Sohn des Doktors Pinheiro, des Richters am obersten Gerichtshöfe .. in Lissabon, dorthin gebracht waren. - . Gaspar kehrte zum zweiten Male mit Vasco da Gama nach Lissabon zurück. In Anerkennung seiner bedeutenden Verdienste, verlieh ihm D. Manuel den Titel und Rang eines „Cavalleiro de sua Casa“. —-i MlOTtlll l—l l! . —-—-! :!öWWWWuWMMwtIMMMkIW1MMWMMllWWUMMMMWnMMM l—l - t 1 * 1 [FEUILLETON 1 1 i m MtMM, WWM -—I I—- II---^—---1 l—l mwDmnim MWW 1- Flattrrentchen. Von I. Zangwill. I. Flalterenlchen. „So wohl bedieut^von Mann und Magd, Schlag ihr das Herzchen höher." . Tennyson: „Die Gans." bwohl heutzutage Jedermann sie „Flatterentcheu" nennt, gab es eine Zeit, da der Erfinder dieses Spitznamens ausschließliche Rechte darauf besaß und ihn nur in der Stille -seines Gemaches gebrauchte. Die Zeit währte nicht lange, denn der Erfinder war Flatterentchens Gatte, und^sein Gemach war unter anderem auch eine öffentliche Werkstätte. Er gab ihr den Namen im Jargon — Flatrerkatschki — darstellende Musik in Silben, voll von dem Geflatter und dem Geqnake des Geflügelhofes. Er wollte damit seine Unzufriedenheit mit ihren flatterhaften, flüchtigen Nei- : gungen, ihrer Liebe zu Putz und Klatsch ausdrücken. Sie war ein leichtbeflügelter Schmetterling, ging fast jeden Monat einmal auf Bälle und Gesellschaften, und das ärgerte ihn, den selbstbewußten Enterich. Auch vom Standpunkt der Frömmigkeit stand es schlimm mit ihr, denn sie verschmähte die Perrücke zu Gunsten der Stirnlöckchen. In den schwachen Augenblicken der ersten Liebe hatte sich ihr Gatte in die Ruhelosigkeit ergeben, aber später bot der Gewinn, den ihre weichliche Schönheit dadurch erhalten, keinen Ersatz für seine Gewissensbisse. Flatterentchens Gatte war ein Kürschner, und zwar ein Kürschnermeister; besaß er denn nicht eine eigene Werkstätte? .Die Werkstätte war auch sein Wohnzimmer, und dieses Wohnzinlmer war auch sein Schlafzimmer. Es war ein großes Vorderzimmer im ersten Stock und lag über einem Kramladen in einem altmodischen Hause in MoutagUe Street, Whitechapel. Es hatte eine sonderbare Form; ein längliches Rechteck streckte sich nach der Straße zu. und eine der längeren Wände war durch einen viereckigen Vorsprung unterbrochen, der an und für sich als Zimmer gelten konnte (so sagte der Hausherr). In der That ward er auch als Küche benutzt. Daß der Herd in diesen Winkel gebaut worden war, erwies sich daher als ein Vortheil. Wenn mail von der großartigen Treppe aus durch die Thür trat, befand man sich neben dem Fenster, während der Haupttheil des Zimmers links und die viereckige Nische am anderen Ende der Wand lag, so daß man sie zuerst nicht sehen konnte. Am Fenster, das natürlich auf die Montaguestreet hinausging, stand der kahle, hölzerne Tisch, an dem die Arbeiter — Mann, Frau und Lehrjunge — saßen und stichelten. Die fertige Arbeit, ein wirrer Haufen von Pelzmützen, Boas, Kragen und Besatz — hing über der schmutzigen Verkleidung, die sich zwischen der Thür und