Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 319

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228230--53815-3267760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

und portugiesischen Entdeckungen durch seine Schrifteir und Tabellen wesentlich gefördert hat. Abraham Zacuto, dessen Ahnen dem südlichen Frankreich entstammten und trotz aller Verfolgungen in ihrer Glaubenstreue ausharrten, widmete sich dem Studium der Mathematik und Astronomie. Er gewann die Gunst des Bischofs von Salamanca, seiner Geburtsstadt, der ihm gestattete, die dortige Universität zu besuchen und dann als Professor der Astronomie an derselben zu lehren. Im Aufträge seines Gönners, des Bischofs, bearbeitete er das Almanach perpetuum mit den Sonnen-, Moud- und Sternentafeln, das, auch ins Lateinische beziehungsweise ins Spanische übersetzt, weite Verbreitung fand. Außer biefeit Tabellen, deren Gebrauch viel einfacher war als der aller bis dahin bekannten und welche Kolumbus , auf seinen Fahrten beständig bei sich trug, soll Zacuto Verfasser einer Schrift sein, in welcher für die Schifffahrt die Allfertigung eiiles Instruments zur Messung der Steruenhöhe allgegeben wird. Diese Schrift hat jedoch nicht Zacuto, sondern einen anderen jüdischen Gelehrtell, und zwar den als Theologen, Religionsphilosophen und Astronomen gefeierten Levi ben Gerson, auch Leon - de Banolis oder Gersonides genannt, zum Verfasser. Levi bell Gerson, der in Südfrankreich lebte und beiilahe hundert Jahre vor Zacntos Geburt starb, beschrieb in dem im Jahre 1328 verfaßten astronomischen Werke roiSFi 'ö ein von ihm erfundenes Jllstrument zur Beobachtung der Sterne, welches er „Entdecker der Verborgellen Dinge" benannte, und das er selbst in zwei hebräischen Gedichtchen besungen hat. Diese Schrift, welche nur handschriftlich vorhanden ist, zog auch die Aufmerksamkeit christlicher Gelehrten auf sich; sie wurde 1342 lloch bei Lebzeiten des Verfassers, von Petrus de Aleffandria, einem Augustinernlöllch, der in Südfrankreich lebte, ins Lateinische übersetzt und dem Papste Clemens VI. gewidmet. Die Erfindung dieses Jnstrumellts, bestehend aus einem gleichmäßig gearbeiteten Stabe mit verschiebbarem, kürzerem Querholze, wurde lange Zeit Regiomontan zngeschrieben; erst in allerjüngster Zeit hat Moritz Steinschlieider gefundell und Professor S. Güllther in München überzeugend nachgewiesen, daß der „Jakobstäb", so wird das mehrerwähnte Instrument genannt, von Levi bell Gerson wenn nicht erfunben, so doch zuerst beschriebeil worden ist?) Nachdem nunnlehr der eigentliche Erfinder des Instruments, um die Polhöhe eines Sternes zu messen, des kreuzartig geformten Jakobsstabes, wieder entdeckt ist, muß man sich wundern, daß diese Entdeckung so lange hat auf sich warten lassen! In dem Gedichtchen, das „An den Stab" überschrieben ist und in dem Levi ben. Gerson seinen Stab besingt, ist Forln und Gestalt, Zweck und BestimnlUllg desselben ganz gellau angegeben: Mit mir ist in der Finsterniß strahlende Helle, Mit mir fährt man über Gewässer und Meereswelle, Durch mich erkennt der Wanderer den Weg?) Levi. ben Gersons astronomisches Werk und Erfindulig war von Zacuto nicht unbeachtet geblieben; er zitirte es in seinem Almanach und rühmte es in seiner Chroilik als eine .sehr bedeutende Leistung. Seill Verdienst ist es, den „Jakobsstab" bei der Seefahrt eingeführt und derart das Unternehmen Vasco da Gamas außerordentlich *) Steinschneider, Bibi. Mathematica, 1889, S. 35 ff., 1890, S. 107. S. die interessante Schrift „Der Jakobsstab" von A. Schück (S.-A. ans dem Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft in München), München 1896. 2) vibre Hephez, herausgegeben von H. Edelmann (London 1853), S. 7 ist das' Gedicht mitgetheilt; Z. 7 muß es 13 statt heißen. Auf die Kreuzform des Jakobsstabes deutet der Vers: nrria '2 mnns>’ iv'x ’a rwe ’b’n ans TDinn lxtDirnna’ y* ’a pöx’ xb gefördert zu haben. Der zeitgenössische Chronist Gaspar Correa, dessen Werk erst vor einigen Jahrzehnten veröffentlicht wurde/) berichtet, daß nachdem Zacllto die messingenen Astrolabien eingeführt und ihren Gebrauch den portugiesischen Seefahrern gelehrt habe, er dabei nicht stehen geblieben sei; er habe vielmehr die Tafeln der Sonllenbahn mit solchen für den Umlauf des Nordsterns vereint, wofür er eine andere Vorrichtung anbrachte, so daß man den Punkt messen konnte, in welchem der Nordstern sich befand, und zwar so gut, daß alle Schiffsführer in ihrer Kenutniß der Schiffsführung sehr geschickt blieben. Dies klingt etwas konfus, heißt aber nichts anderes, als Zacuto habe gelehrt, zur Bestimmung der geographischen Breite außer Meridiailhöhen der Sonne auch Nachts die jeweilige Höhe des Polarsterns zu benutzen und dafür ein Instrument angefertig't beziehungsweise in Gebrauch gegeben, d. h. den „Jakobsstab" eillgeführt zu haben. Fünf Jahre ehe Vasco de Gama seine Entdeckungsfahrt antrat, stand Zacuto schon im Dienste. der portugiesischen Könige. Mehrere Monate vor der Vertreibuilg der Juden aus Spanien hatte er nämlich die alte Heimath in Begleitung seines greisen Lehrers, des frommen Rabbiners Isaak Aboab, verlasseil und sich in Lissabon angesiedelt; fortan widmete er dem Lande, das ihm gastliche Aufnahme gewährt, seine Dienste. Wegen seiner großen Kenntllisse wurde er sowohl von dem Köilige Johailn II. als von seinem Nachfolger Donl Malluel, dem die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, sehr geschätzt; dieser ernannte ihn zu seinem Mathematiker nnb Astrologen. Als dann D. Maliuel, angetrieben durch die glänzenden Resultate des kühlleil gelluesischen Seefahrers, die unter seinem Vorgänger unterbrochene Entdeckungsarbeit wieder beginnen wollte, beriet!) er sich zuvor mit seinem jüdischen Astrologen über die Fahrt nach Indien; Zacuto verhehlte ihm nicht, daß die Reise nach einem so fernen Lande mit großen Gefahren unb Schwierigkeiten verbunden sei. daß aber seiller Ansicht nach, er bald einen großen Theil Jndieils unter seine Botmäßigkeit bringen würde. Der König ließ eine Flotte ausrüsteil und betraute ben noch nicht dreißigjährigen Vasco da Gama mit bem Oberbefehl. Nachdem Vasco da Gama in Gegenwart der gesammten Schiffsmamlschaft mit dem auch von ihm hochverehrten Zacuto Rücksprache und von ihm Abschied genommeil hatte, ging er am 8. Juli 1497 von Lissabon aus unter Segel. Wie sonderbar! Columbus trat den 3. August 1492, einen Tag nach dem Trauertage der Zerstörung Jerusalems, der damals auch der Tag der Vertreibung der Juden aus Spanien war, im Aufträge der spanischen Majestäten die Entdeckungsfahrt an; Vasco da Gama verließ am 8. Juli 1497, einen Tag vor dem Natioualtrauertage der Juden den Tajo, wenige Mollate bevor die Jllden Portugal verlassen mußten. Als da Gama sich im Dezember 1498 auf der Insel Anchediva, zwölf Meilen von Goa, befand, näherte sich seinem Schiffe in einer Barke mit geringer Mannschaft ein Europäer von hoher Statur, um im Aufträge seines Gebieters Sabayo, des Herrschers von Goa, mit den fremden Seefahrern in Unterhandlung zu treten. Es war dies ein Jude, welcher nach dem Berichte einiger Chronisten aus Posen, nach anderen aus Granada stammte. Des Bekenntnisses wegen vertrieben, wanderten seine Eltern nach der Türkei und Palästina; er selbst begab sich von Alexandrien über das Rothe Meer nach Mekka und dann nach Indien; dort gerieth er in Gefangenschaft und wurde später von Sabayo zum Hafenkapitän (Capitao mor) er- 9 Correa, Lendas da India in Coli, de Monumentos ineditos para ä liistoria das Conquistas das PorLuguezes (Lisboa 1858) I, 10, 261 ff; s. auch Schück, a. a. 0. 170.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.