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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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in ein ziemlich hochgelegenes Haus. Da hielten sie sich sicher rjnd blickten getrost in die wild tobende Fluth, die Bäume, Sträucher und Steine von ansehnlicher Schwere rauschend daherwälzte. Anfangs waren sie guter Dinge in ihrem Zufluchtsort; aber bald kehrte denn doch Angst und Sorge in ihre Herzen ein, denn das Wasser stieg von Minute zu Minute; die Wellen wurden wilder und gingen höher mit ihren weißen Schaumkämmen; der ganze Strom wendete sich gegen das gebrechliche Haus, wo die 40 jetzt laut aufjammernden Menschen saßen, und brach sich wild an den Fachwänden und Balken. Lange konnte solchem Andrange das Haus, ofjneljiir alt und wackelig, nicht widerstehen, und dann begrub die wilde Fluth vierzig Menschenleben! Sie ringen jetzt die Hände! Ihr Jammergeschrei ist herzzerreißend — denn das Haus krachte in seinem Gebälke unter den Stößen der Fluth. Bald muß es sinken. Auf einer. erhöhten Stelle, die völlig sicher war, stand eine große Zahl Einwohner, und es war gar nicht weit von dem Hause, wo das Jammergeschrei mit jedem Augenblicke größer wurde; aber Alle hatten nur Wehklagen, Keiner Muth, Umsicht, Aufopferungsfähigkeit, für die Rettung der Unglücklichen das eigene Leben einzusetzen. Unter der Menge stand auch ein Jude aus Klüsserath, Moses Gumperich, dem die Lage der Verzweifelnden durch das menschenliebende Herz ging, und dem es weder an Umsicht, noch an Muth und Aufopferungsfähigkeit gebrach. „Mit dem Jammern," rief er plötzlich aus, „werden sie nicht gerettet, und wenn wir länger zaudern, sind sie ohnehin alle Kinder des Todes! Auf, folgt mir, Ihr Männer und Bursche! Mit Gottes Gnade und Hilfe retten wir sie, ehe das morsche Hans bricht!" Das Wort des braven Kindes Israels traf Alle wie ein Blitz, der durch die Seele fuhr. Ohne weiter ein Wort zu reden, eilt der brave Mensch die Anhöhe hinab und schreitet durch die tobende Fluth. Es gelingt ihm, das Haus zu erreichen, Ohne zu säumen, ergreift er dort eine junge Frau und trägt sie zur Anhöhe, wo er sie kaum niedergesetzt, als er schon wieder den Rückweg zu dem Hause des Jammers antritt. Dies Beispiel wirkt so gewaltig, daß in demselben Augenblick alle Männer 'und Bursche in dem Haufen die Höhe hinabgleiten und in das Wasser waten. Sie erreichen das Haus, und Jeder ergreift einen oder eine der Bedrohten und trägt sie ans Ufer; aber das können sie sich nicht verhehlen, daß mit jedem Augenblicke der Gang gefährlicher wird, weil der Boden aufgelöst, der Tritt unsicher und die drängende Gewalt der Fluth immer heftiger wird. Das Haus aber kracht immer drohender, das Jammergeschrei'wird herzzerreißender! — Die Gefahr für die Netter wie die zu Rettenden wird mit jedem Augenblick augenscheinlicher! — „Vortvörts!" ruft der brave Jude, und zum dritten Male schreitet er durch die wachsende Fluth, und Alle mit ihm. Auch jetzt gelingt der Rettnngsgang — aber es ist kaum ein vierter möglich.— Aber — dort jammern noch Einige! Verzweifelnder wird ihr Hilferuf! Die Retter zaudern! — Sie vermögen es kaum mehr. Es ist dem reißenden Strome kein Widerstand mehr zu leisten. — „Sollen die dort nmkommen? Soll unser Werk nur ein halbes sein?" ruft Moses Gumperich aus. „Soll ihr Tod auf unserem Gewissen brennen? Gott lebt noch! Der uns bis jetzt half, hilft auch noch einmal. Auf mit Gott!" Das Wort schlägt auch dieses Mal ein und durch; der brave Jude ist wieder der Erste voran. Mit riesenhafter Anstrengung und sich an den Händen haltend, damit sie gemeinsam stärkeren Widerstand leisten, erreichen sie endlich das wankende Hans und retten auch die Letzten; aber kaum haben sie die Höhe erreicht, so schlägt, vom Winde gepeitscht, eine mächtige Sturzwelle wider das Haus. Es kracht, wankt und stürzt dann auseinänderbrechend in die tobende Fluth, welche Dach, Wände, Giebel in ihrer Wuth mit sich fortreißt und in ihrem tiefen Schooße begräbt. ' . Jetzt aber sinken,. überwältigt von der Macht. des gewaltigen Eindrucks, Alle auf die Knie nieder, erheben Herzen, Augen, Hände zu dem Gott aller Gnade, und Christ und Jude Preisen den Herrn. Groß und herzlich war der Dank der Geretteten und ihrer Familien gegen ihre Netter, besonders gegen den wackeren Moses Gumperich, dem sie nächst Gott ihre Rettung verdankten; aber auch die Gemeinde Klüsserath hat sich ein Denkmal der Ehre gesetzt durch die Art und Weise, wie sie den edlen Juden auszeichnete. Moses Gumperich wurde mit seiner Fanulie von allen Abgaben befreit, und allgemeine Liebe und Achtung wurde ihm, wohlverdient, weit und breit bewiesen. Noch heute leben seine Nachkommen in Klüsserath, und da die Steuerfreiheit später nicht mehr durchzusetzen war, so that die Gemeinde, was sie vermochte. Diese Nachkommen beziehen noch heute als dankbares Anerkenntniß der edlen That ihres Vaters und Großvaters, auch wohl Urgroßvaters, die Gemeinde- Nutzungen um die Hälfte der Taxe, welche alle übrigen Einwohner dafür zahlen müssen. Der Name Moses Gumperich wird dort nicht vergessen, und der Spinnstubenschreiber, der von Herzen sich jeder menschlich edlen Gesinnung und That freut, will ihn auch im weiteren Kreise bekannt machen, daß das Gedächtniß dieses Gerechten in Segenbleibe." Nach dem mir vorliegenden statistischen Jahrbuche des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes 1894 besteht in Klüsserath keine jüdische Gemeinde. Die wenigen dort wohnhaften Familien beerdigen ihre Todten auf dem jüdischen Friedhofe zu Neumagen im Regierungsbezirk Trier. Nach Obigem wäre es immerhin wünschenswerth, zu erfahren, ob noch Nachkommen von Moses Gumperich in Klüsserath ansässig sind, und ob auf dem Friedhofe zu Neumagen noch die Stätte deutlich ist, in welcher der edle Menschenfreund begraben liegt. Vasco da Gama and dir Juden. Zum 8. Iuli 1897. Bon Dr. M. Kayserling. Mn Lissabon und anderen Städten Portugals werden Vorbereitungen getroffen zur Feier des vierhnndertjährigen Gedenktages der Auffindung eines Seeweges nach Indien, eine Entdeckung, welche der der neuen Welt durch Columbus an Wichtigkeit nicht nachsteht. „Wird man bei der Vasco da Gama- Feier wohl Dessen gedenken, der den Ausschlag gab für dieses Unternehmen, der schon damals mit der MeteoroliWe des Meeres sich beschäftigte?" schrieb mir vor mehreren Monaten ein hervorragender deutscher Gelehrter nichtjüdischen Bekenntnisses, der mit idealer Begeisterung dem Dienste der geographischen und nautischen Wissenschaft sich weihet. „Ich bezweifele, daß es geschieht, und wenn es geschieht, gewiß nur nebenbei, und doch verdient der Mann bleibende Ehrung." Der Mann, dessen Andenken Portugal besondere Ehrung schuldet, und Dessen bei einer Vasco da Gama-Feier in vorderster Reihe gedacht werden muß, ist der als Astrolog, Astronom und Chronist berühmte Abraham Zacuto, der sowohl mit Columbus als mit Vasco da Gama persönlich bekannt war und der die spanischen

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