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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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ureigentlichen Sinne, wonach uns die genannten Erdstriche als heilige Quellen unserer göttlichen Religion gelten und ewig gelten werden. Ohne den Sinai, d. i. der Urquell der jüdischen Religion, wären Zion und Jerusalem, mochte auch ein. David seinen Thron dort gegründet haben, keine Heiligthümer Israels. Anstatt nun dem Glauben, der Sittenlehre, der Entwickelung der ethischen Ideen des Judenthums in der Menschheit, kurz, dem Universalismus der prophetischen Messiaslehre das Wort zu reden, so wft Zion über die Lippen kommt, lehrt der Zionismus das Aufgeben der heiligen Sendung des Judenthums, sein Herabsinken zu einem partikularistischen Kleinstaate, ideenfremd, weltflüchtig sein Heil suchend im Brode der Palästinaerde und in der Esauwaffe, die prahlerische Zeugnisse von Muth und Ehre der Welt überliefern. Den Bekennern des Judenthums in Deutschland zum Schaden, sage ich ferner, denn seit Mendelssohn und Rießer glaubten wir uns frei von den Fesseln des Ghetto, seiner geistigen Beengniß, seiner Dürftigkeit itub Leere, seines dumpfen Druckes und der Ab- und Ausschließung; wir lernten eins sein mit den uichtjiidischen Bürgern des Staates, eins in der Liebe und Aufopferung für Kaiser und Reich, eins also in der nationalen Idee; wir lehren und lernen, seit Rießer die denkwürdigen Worte gesprochen: „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm aller Orten angehören. Es kann uiib darf von uns fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig opfern wir ihm alles, mir nicht Glauben, Treue, Wahrheit und Ehre. Denn Deutschlands Helden und Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird", wir lehren und lernen vor Alt und Jung auf Kanzeln und Kathedern, in Wort und Schrift: Es giebt keine jüdische Nation! Wir verwerfen die Lehrbücher, die bei der Rubrik Nation neben Deutschen, Polen, Zigeunern auch noch Inden registriren. Wie sind nationale Deutsche, aber keine Nationalitäten, und mögen trotz der deutschen Verfassung, trotz den Gesetzen vom 6. April 1848 und vom 3. Juli 1869 Manche außerhalb Israels wie die Zionisten unsere deutsche Nationalität bezweifeln oder bestreiten: wir sind Nationaldeutsche, aber als solche treu unserer göttlichen Religion vom Sinai! So lehren wir und lernen wir — und da gewahren wir, wie trotz alledem der politische Zionismus überhand nimmt. Es vereinigen sich Fanatiker aus Rußland und Oesterreich, junge, heißblütige Studenten an verschiedenen Hochschulen zu agitatorischen Versammlungen, verbreiten in Wort und Presse und Broschüren: wir Juden seien nicht Deutsche, sondern Nationaljuden, senden Redner nach England und Deutschland, um eine Propaganda der That in Szene zu setzen, um glauben zu machen, der Zionismus sei keine Utopie, sondern wahrhaftige Auferstehung des einst gefürchteten alten Bar Cochba, der durch sein nationales Messiasthum die Propheten mit ihrem Universal-Messiasthum desavouiren wollte, dessen Helden und Bewunderer sich aber überzeugt hatten: Der Stern trügt, er warein Kind der Lüge — Bar Cochba — jüdische Soldaten und jüdische Bauern stellen den alten Judenstaat nicht wieder her, wenn Gott den Messias der allgemeinen Menschenkenntniß und Menschenverbrüderung zur Erde zu schicken noch nicht gewillt ist. . Was aber geschieht um uns her? Die Feinde der Juden nutzen diese Bewegung zu unseren Uugunsten aus, sehen in ihr „erneute Beweise" ihrer „richtigen" Beurtheilung der vaterlandslosen, heimathlosen jüdischen Nation." In der Tagespresse einer gewissen Richtung werden spaltenlange Artikel über den in Aussicht gestellten National-Judenstaat gebracht, Meldungen über Verbindungen mit großen Kapitalisten, die riesige Summen zum Ankauf des heiligen Landes geschenkt, über die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft der Inden, welche durch sogenannte Kolonisationen im heiligen Lande auszufüllen ist, über das Umsichgreifen der zionistischen Ideen, über einen großen Zionisten- Kongreß in München auf deutschem Boden, ja sogar über einen Preis von 500 Mark, den die Zionisten ausgesetzt hatten, um recht bald eine jüdische „Nationalhymne" einüben zu können. Vielleicht erhebe ich zur rechten Zeit meine Stimme vor meinen Glaubensgenossen in Deutschland und Oesterreich, wenn ich Ihnen, den berufenen geistigen Körperschaften der deutschen Judeuheit, ans Herz lege, was folgt: 1. Veranlassen Sie alle Gemeinden zu einer öffentlichen Protesterhebung gegen den politischen Zionismus. Das deutsche Gesammtisrael muß sich verwahren gegen den unberechtigten Vorwurf, sie seien keine Deutschen, sondern gravitiren nach Kanaan. 2. Verhindern Sie die Agitationen der Zionisten in Deutschland, die Ausbeutung der ursprünglich wohlthätig sein sollenden Kolonisationsidee durch Verbreitung der trefflichen Schrift „Nationaljudenthum" von M. Güdemann (Leipzig und Wien 1897, bei M. Breitenslein) und durch Aussendung von religiösen und wissenschaftlich tüchtigen Gegenagitatoren u. a. 3. Fordern Sie die Rabbiner- und Lehrerverbände zur öffentlichen Stellungnahme resp. Erklärung gegen den politischen Zionismus auf! Die Sache hat Eile. Eben ist von uns das Fest der Religion gefeiert worden — eine günstige Zeit das Panier von Sinai zu erheben, gegen den politischen Judenstaat und den Zionisten zur Seele zu führen, daß die Musik ihrer neuen Nationalhymne verstummen muß vor den uralten Harfentönen und Zitherklängen der religiösen Zionshymne der Psalmisten; aber auch aller Welt bei dieser Gelegenheit zu sagen: Wir sind als treue Bekenner unserer jüdischen Religion treue Bürger unseres Staates, opferwillige Unterthanen des deutschen Kaiserreiches, ehrliche Söhne und Glieder der deutschen Nation! Die KliUerather und der Jude. fa wo die Salm, die durch ein tiefes und enges Felsenthal des Eifelgebirges fließt, in die Mosel einmündet, liegt das Dorf Klüsserath. Hier ereignete sich vor mehr als 100 Jahren ein Vorfach welcher im Jahre 1853 in der W. O. von Horn'schen „Spinnstube" veröffentlicht wurde und heute noch verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden. „Am 28. Februar waren infolge eines plötzlich eingetretenen Thauwetters die mächtigen Schneemassen der Eifel so rasch geschmolzen, daß die Salm über ihre Ufer trat und ihre brüllenden und schäumenden Wogen in unaufhaltsamem Laufe gegen Klüsserath wälzte. Das Dorf hat etwa 800 Seelen, und die Häuser sind auch nicht so gebaut, daß sie einer so gewaltigen Fluth und ihrer Wucht zu widerstehen im Stande waren. Das Wasser kam wie ein Blitz, so schnell und mit solcher Macht und Gewalt, daß den armen Leuten nichts anderes übrig blieb, als alles preiszugeben und nur ihre Kinder, Weiber und das eigene Leben zu retten. Das arme Vieh banden sie schnell los und überließen es dem eigenen Triebe, sich zu retten. In der Hoffnung, daß sich die Fluth bald tgjeder verlaufen würde, flohen 40 Menschen von allen Altersklassen und Geschlechtern

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