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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-02 · Heft 27 (2.7.1897) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und verliest zwei Schreiben von den Herren Dr. Nosenberg - Thorn und Braun - Dt. Krone, die ihre Abwesenheit zu entschuldigen bitten, da wichtige Reisen ihr Erscheinen unmöglich machten. Da Herr Braun als Schriftführer des Vereins das Protokoll zu führen hätte, so ersucht der Vorsitzende Herrn Mannheim-Graudenz, dieses Amt zu übernehmen. Punkt 1 der Tagesordnung. Der Vorsitzende begrüßt die Versammlung mit herzlichen Worten und berichtet über die Thätigkeit des Vereins im ersten Jahre seines Bestehens. Der Vorsitzende konstatirt, daß der Verein leider keine Fortschritte gemacht habe, was von der schwachen Betheiligung der Kollegen herrühre. Er drückt auch sein Bedauern darüber aus, daß die Herren Rabbiner der Einladung zur Versammlung nicht Folge geleistet haben. Herr Dr. Rosenstein führt zur Entschuldigung der Rabbiner an, daß dieselben zum größten Theil sehr in Anspruch genommen sind, so daß es ihnen vielfach nicht möglich ist, solcher Versammlung beizuwohnen. Punkt 2. Kassenbericht. Der Rendant, Herr Geisenberg-Marienwerder theilt mit, daß der Verein aus 17 Mitgliedern besteht. 16 Mitglieder haben ihren Beitrag von 1 Mark entrichtet, die Einnahmen betrugen mithin 16 Mark. Die Ausgaben beliefen sich auf 16,50 Mark (Druckkosten 9,00 Mark, Verbandsbeitrag 7,50 Mark). Es ergiebt sich ein Minus von 50 Pf. Die Versammlung beschließt, dem Rendanten Decharge zu ertheilen. Punkt 3. Nochmalige Durchberathung der Statuten. Mit Rücksicht auf die schlechten Kassenverhältnisse des Vereins beantragt Herr Mannheim-Graudenz, den Beitrag von 1 Mark auf 2 Mark zu erhöhen. Herr Schreiber - Danzig erwiedert, der Verein wolle keine Kapitalien sammeln; es genüge, wenn die nothwendigsten Ausgaben bestritten werden können. Ueberhaupt sind Herr Schreiber-Danzig und Herr Kadisch-Gollub der Ansicht, daß man von einer Aenderung der Statuten vorläufig absehen solle, da der Verein erst kurze Zeit besteht. Die Versammlung beschließt auch in diesem Sinne. Punkt 4. Borstandswahl. Herr Jaffe - Dt. Krone wurde zum Vorsitzenden, Herr Braun - Dt. Krone zum Schriftführer und Herr Geisenberg-Marienwerder zum Rendanten — sämmtlich einstimmig — .wiedergewählt. Punkt 5. „Die definitive Anstellung sämmtlicher jüdischen Lehrer, ihre Pensionirung und die Versorgung ihrer Hinterbliebenen" (Verbandsthema). Der Referent, Herr Geisenberg-Marienwerder, giebt ein anschauliches Bild über die trüben Zustände, wie sie in den Kreisen der nicht im öffentlichen Schuldienste stehenden jüdischen Lehrer herrschen, wie die Unsicherheit der Stellung dieser Lehrer vielfach Unsicherheit ihres Auftretens und Wirkens, ihrer Gesinnungen und ihres Charakters erzeugt, wie die Abhängigkeit von der Gemeinde und deren Vertretung in ihnen oftmals einen unwürdigen knechtischen Sinn, Heuchelei und Kriecherei züchtet und sie unfähig macht, der ihnen anvertrauten Jugend mit der nöthigen Energie und mit jener sittlichen Autorität gegenüberzutreten, die unbedingt erforderlich sind, um segensreich wirken zu können, wie bei einer solchen Stellung die Achtung des Lehrers und seines ganzen Standes leidet, und wie endlich dem Lehrer jede Schaffensfreudigkeit fehlen muß, wenn er an seine unsichere Stellung und an die traurige Lage der Seinen bei seinem Tode denkt. Der Referent fordert die definitive Anstellung sämmtlicher jüdischen Lehrer, ihre Pensionirung und die Versorgung ihrer Hinterbliebenen und zeigt in längerer Ausführung den Weg, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Zum Schluffe faßt Herr Geisenberg seinen reiflich - durchdachten Vortrag in mehrere Leitsätze zusammen, die nach lebhafter Debatte, an der sich alle Anwesenden rege betheiligten, folgenden Wortlaut erhielten: 1. Die traurige Lage der nicht im öffentlichen Amte stehenden jüdischen Lehrer und Religionslehrer, hervorgerufen durch deren unsichere Stellung in den Gemeinden, durch den Mangel einer Versorgung ihres Alters und ihrer Hinterbliebenen, erfordert dringend eine durchgreifende Besserung, die nur in der definitiven Anstellung sämmtlicher jüdischer Lehrer, deren Pensionirung und der Versorgung ihrer Hinterbliebenen bestehen kann. 2. Da auf die Hilfe des Staates jetzt nicht zu rechnen ist und auch von den Einzelgemeinden eine Regelung der Anstellungs- und Versorgungsverhältnisse der Lehrer nicht erwartet werden kann, so bleibt als einziger Ausweg eine Vereinigung sämmtlicher Provinzialgemeinden unter Leitung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes mit der Aufgabe, das Religionsschulwesen zu regeln und darüber zu wachen, daß keine Gemeinde einen Religionslehrer anstelle, der nicht vor einer staatlichen Behörde seine Lehrbefähigung nachgewiesen. 3. Um eine Entlastung der Gemeinden bei der Pensionirung ihrer Beamten und der Versorgung ihrer Hinterbliebenen herbeizuführen, möge der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, den Beamten den Beitritt zu den bestehenden Hilfskassen durch Zahlung von Zuschüssen erleichtern. 4. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund möge dahin streben, daß jeder geprüfte Lehrer nach einer provisorischen Dienstzeit von 3—5 Jahren von den Gemeinden definitiv angestellt werde. Zum Punkt 6 der Tagesordnung: „Besprechung über die bestmögliche Einrichtung einer Wittwen- und Waisenkasse für die israelitischen Religionslehrer", erhält Herr Schreiber-Danzig das Wort. Herr Schreiber hebt die vorzüglichen Leistungen der „Hilfskasse für israelitische Beamte der Synagogen - Gemeinden Pommerns, Ost- und Westpreußens" hervor und empfiehlt den Mitgliedern den Beitritt zu dieser Hilfskafse. Der Vorsitzende drückte den Wunsch aus, der neugegründete Verband der Rabbiner Westpreußens möge mit dem Verein jüdischer Religionslehrer Westpreußens Fühlung nehmen, weil das gemeinsame Ziel durch vereinte Kräfte leichter erreicht werden könne. Herr Dr. Rosenstein gab als Vorsitzender des westpreußischen Rabbinerverbandes die feste Versicherung, mit aller Energie darauf hinzuwirken, daß eine Annäherung und gemeinsames Zusammenwirken der beiden Vereine erzielt werde. Vor Schluß der Versammlung theilte der Vorsitzende noch mit, daß der Verbandsvorstand unserem Verein eine Reisesubvention von 50 Mark zur Vertheilung überwiesen habe. Da die Versammlung schwach besucht ist, so werden den anwesenden Mitgliedern die ganzen Reisekosten ersetzt. Der Vorsitzende: In Vertretung des Schriftführers: gez. Jaffe. gez. Mannheim. Gegen den Zionismus. Bon Dr. D. Leimdörfer, Prediger in Hamburg. ls ein für die Ehre des Judenthums kämpfender Lehrer in Israel halte ich es für meine Pflicht, auf eine drohende Gefahr sowie auf die Mittel, ihr zu begegnen, dringend aufmerksam zu machen. Seitdem das traurige Kapitel des sogenannten Antisemitismus vor uns aufgeschlagen liegt, hat sich eine von Rußland ausgehende politische Idee des Nationaljudenthums an den uns allen heiligen Namen „Zion" geknüpft und bemächtigt sich in weiten Kreisen der Gemüther. Sie weist auch gelehrige Schüler — im Unterrichte von dem Nationalitäts-Chauvinismus — auf das „Nationäljudenthum" hin, auf den „Zionismus" — der Religion des Judenthums und ihren Bekennern in Deutschland zum Schaden. Der Religion vor allem. Denn unsere Religion hat ihren siegreichen Zug durch die Welt vom Sinai aus angetreten, wie ganz Israel am Wiegenfeste seiner Religion es ausgesprochen hat; der flammende Sinai und nicht die Scholle von Kanaan ist die Gebnrtsstätte des Juden thums. Was aber ist den Zionisten die jüdische Religion? Der Judenstaat soll gegründet werden aus sozialen, wirthschaftlichen, national-ökonomischen Gründen. Die Religion ist Nebensache, als ob das Judenthum — mit Judenstaat identisch — auch ohne jüdische Religion von Bestand wäre. „Von Zion geht die Gotteslehre aus, das Gotteswort von Jerusalem!" Die Zionisten vergessen aber über „Zion" der „Thora" und über „Jerusalem" des „Gotteswortes". Auch für die Gesammtheit der Juden in Deutschland bleibt dieses Wort fortbestehen, aber im

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