Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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Quell verschütten möchten, stehen zusammen, um den Bestand-der Thora zu untergraben. Für/ den kampfesfrohen Mann mag -der Trost gelten < viel Feind, viel Ehr; aber für eine Lehre des Friedens, der Versöhnung ist es bitter, überall Feinde zu sehen, und wie innig wir auch um ein Gottesreich der Erkenntniß und her geeinten Menschheit beten, so beschleicht uns dennoch bange Furcht ob Israel Stand halten kann gegenüber einer Welt von Widersachern. Denn, die Veste wird nicht nur von mächtigen Feinden umlagert, sie wird leider auch nicht besonders gut vertheidigt. Der Abfall reißt große Lücken. in unseren Reihen; ob auch die Abtrünnigen vielfach von Denen verhöhnt und verachtet werden, zu welchen sie übertreten, obgleich sie sich vielen Schimpf gefallen lassen müssen, dennoch giebt es Leute aus jüdischem Stamme, denen die Wahrheit um ein paar Brosamen feil .ist, die die Fußtritte der Herrschenden ertragen, nur um in deren Reihen zu stehen. Unendlich Viele aber . sind gegen die Religion gleichgiltig, sie sprechen mit Hiskia, dem der Prophet den Untergang Jerusalems geweissagt hatte: Wenn es nur Friede bleibt in meinen Tagen; sie denken sich: so lange wir leben, wird wohl der alte Bau noch Vorhalten. Es geschieht nichts, um die Schäden auszubessern, um nach innen und nach' außen einen größeren Zusammenhalt, eine größere Würde zu zeigen. Viele entschuldigen ihre Gleichgiltigkeit damit, daß ihnen unsere religiösen Formen nicht Zusagen, daß noch zuviel Alterthümliches dem Bau anhafte. Aber warum ziehen sie sich müde -zurück, warum sind sie nicht bestrebt, ihren Ueberzeugungen Geltung zu verschaffen? Lautet doch ein Haupteinwand gegen jede ernstere Reform, v daß man damit nur die Altgläubigen abstoße und die halb Entfremdeten doch nicht s zurückgewinne. Und die Strengen und - Frommen, die den ganzen Tag' von Religion reden und, wie sie meinen, Religion üben, wie wenig sind sie oft in den Kern des sinatischen Wortes eingedrungen. Das Gemeindeleben selbst gebildeter und aufgeklärter jüdischer Genossenschaften wird ausgefüllt durch ein Hin- und Herreden, durch ein.Streiten um Bräuche, die ja ihren Werth haben, aber doch nur die Außenwerke der Religion sind. Wenn nun Einer alle diese Vorgänge ins Auge faßt, Feindschaft von außen, Lässigkeit im Inneren, wenn er dann sicht, wie das Studium der Thora im Argen liegt, wie nichtjüdische Kreise uns in letzter Zeit häufig bessere Arbeiten über unsere Religionsquellen geliefert haben als jüdische, sollte da nicht auch der Weheruf sich seiner Brust entwinden: „Dereinst pird einmal die Thora in Israel und damit Israel selbst ganz vergessen werden." In bösen Zeiten kann der Frömmste die bösen Ahnungen nicht bannen. 7 Dieses Wort wurde ausgesprochen, wie der Talmud berichtet, als unsere Lehrer in Jamnia zur Lehrversammlung zusammenkamen. Jamnia ist eine Stadt in der Nähe von Jerusalem, und - zweimal kamen die Lehrer dort zusammen, einmal kurz nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus und sodann nach der furchtbaren Verfolgung, die Kaiser Hadrian über die Inden verhängt hatte, als die Thora in Bann und Acht erklärt und jede Beschäftigung mit ihr mit martervollem Tode bestraft wurde. Beide Mal war die Meinung erklärlich, daß man am Grabe des JudenthumS stünde. Ein Judenthum ohne Jerusalem und ohne den Tempel konnten sich die Meisten nicht denken. Von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem; ist aber der Quell verstopft, dann muß auch der Strom versiegen. - Als die Lehrer kurz nach der Zerstörung der glänzenden Hauptxstadt in Jamnia zusammenkamen,. preßte ihnen der Gegensatz zwischen dem einstigen Glanze und dieser Armuth und Verödung den Seufzer, aus, daß die Thora dem Untergange verfallen sei. Noch schlimmer war es, als das zweite Mal unter Kaiser- Hadrian einige Gelehrte unter dem jungem Patriarchen Rabbi Simon ben Gamaliel sich in Jamnia vereinigten. Nächst der Thora gab es im Judenthum eine mündliche^eberlieferung, die von - Geschlecht zu Geschlecht sich verpflanzte, und die in. hoher Achtung stand. Nun hatte Hadrian so viele.- Gelehrte getödtet, die Fäden 'der Ueberlieferurrg waren zerrissen, nur wenige lebten, die von den alten Meistern Unterricht und Weihe empfangen, hatten. Konnten die zerrissenen Fäden der Ueberlieferung wieder verknüpft werden, und wenn es das eine. Mal gelang, mußten nicht neue Stürme, die unausbleiblich schienen, doch das Ende herbei führen? Und . wieder sprachen sie in Jamnia: Die Thora wird vergessen. werden. . Aber der Bericht des Talmud ist damit noch nicht abgeschlossen. Die Kleinmüthigen und Kurzsichtigen, die an der Zukunft des Judenthums verzweifelten, sind nicht ohne Widerspruch geblieben. Es war nur'.Einer im ganzen Kreise, der nicht verzagte; aber Einer hat auch zur Zeit des Abraham, des Moseh, des Elias genügt, um das Banner Gottes aus dem Staube zu erheben. R. Simon ben Jochai sagte: Gott verhüte, daß die Thora vergessen werde, denn es steht geschrieben: Sie wird nie vergessen werden im Munde von Israels Sprossen; der Sturm der Zeiten kann nur die Formen der Religion antasten. Was unterschied R. Simon ben Jochai von seinen Genossen? Diesen war die Thora Satzung und Brauch und praktische Uebung; wären, diese gefährdet, dann war, so glaubten sie, auch die Thora in Gefahr; und ob auch die religiösen Formen in Israel eine zähe Lebenskraft bekunden, wer kann verbürgen, daß diese Formen ewig dauern werden. Aber die Anschauung ist beschränkt, daß das Judenthum stehe und falle mit diesen Formen; R. Simon ben Jochai, freien Geistes, ist unbekümmert um den Wandel der Formen; er weiß, daß die Gewalt den Geist nicht unterjochen könne, er sieht, wie wir, die Gefahren, welche von innen und von außen‘ dem Judenthum drohen; aber als Moseh die steinernen Tafeln zerschlug, so heißt es in der Legende, schwebten die Buchstaben in der Luft; sie vergingen nicht mit dem Stein, in den sie gegraben waren. So kann es sich ereignen, daß das ganze äußere Gerüst zusammenbricht; das ist Vielen gleichbedeutend mit dem völligen Untergang. Aber niemals untergehen werden die Thora und ihre welterlösenden Gedanken. Die Woche. Berlin, 30. Juni. ine Angelegenheit, die unserem Jntereffenkreise eigentlich fernliegt, die uns aber durch die Prinzipien- und Personenfragen, die diesmal in Betracht kommen, sehr nahe geht, hat in dieser Woche die Zeitungen viel beschäftigt, nämlich ,die Frage der Besetzung des Lehrstuhls für Physiologie an der Berliner Universität, den Du Boys-Reymond lange Jahre eingenommen hat. Die Vorgänge bei dieser Besetzung sind hinlänglich bekannt. Zweimal hat bereits die Fakultät Herrn Profesior Dr. Hermann Munk, einen der hervorragendsten.Vertreter des betreffenden Faches, für diesen Lehrstuhl vorgeschlagen, das zweite Mal sogar primo loco. Beide Male wurde aber mit allen anderen Vorgeschlagenen, nur nicht mit Professor Munk, der auch Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften ist, unterhandelt. Und als sich sämmtliche Unterhandlungen zerschlugen, wurde die Fakultät zum dritten' Male aufgefordert, Namen zu nennen. Der Vorgang giebt zu denken. Es -sind auch