Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 27. Berlin, 2. Inli 1897. Mn unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig PHNippson-Konn Verlags-EepeöMorr: Lertin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zujendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »SMgem. Zeitung deS Iudenthums*, Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste» Berlin. Inhalt-. Leitartikel: Die Zukunft des Iudenthums — Die Woche. — Protokoll der Versammlung des Vereins jüdischer Religionslehrer Westpreuszeus zu Grciudeuz. — Gegen den Zionismus. Von Dr. D, Leimdörfer. — Die Klüsserather und der Jude. — Vaseo da Gama und die Juden. Von Dr. M.Kavserling. — Feuilleton: Matterentchen. I. VonJ. Zangwill.— Weder Glück noch Stern. Von Q. Bach (Fortsetzung). — Litterarische Mittheilnnaen. — Sprechsaal. Der Gerneiirdebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Ober-Schlesien, Schwerin i. M., Aachen, Ems, Hachenburg, Frankfurt a. M., München, Wien, Budapest, Jerusalem. — Don Nah und Mern. — Miscellen. Vre Zukunft des Iudenthums. Berlin, 1, Juli. in Mann, der nie einen Blick in den Talmud gethan hat, hat mit dem, hochbegabten Menschen zuweilen eigenen, instinktiven Gefühl für das Richtige und Wahre das Urtheil ausgesprochen, daß wir im Talmud alles lesen können. Dieser schlichte, einfache Satz belehrt besser über das Wesen dieses wunderlichen und wunderbaren Buches,' als lauge Abhandlungen selbst der kundigsten Männer. Es giebt vielleicht Leute, die in überspannter . Gläubigkeit den Grundsatz verkünden, daß sie jedes Wort im Talmud für wahr uiib gut halten; aber diese sind entweder wegen ihres krassen Aberglaubens gar nicht zurechnungsfähig, oder sie werden, wenn irgend ein Talmudkenner ihnen einen der vielen sonderbaren Sätze, vorhält, einsehen, daß sie sich übereilt haben. Jeder erkennt, daß ein Buch, in dem wir alles, Gutes, und Böses, Kluges und Blödes, Edles Mld Niederes lesen können, nicht geeignet ist, ein Grundbuch der Religion für eine Glaubensgemeinschaft der civilisirten Welt zu sein. Wäre ein Israelit verpflichtet, Alles für wahr zu halten, was im Talmud steht, so wäre unserer Vernunft ein schier unerträgliches Joch aufgeladen. Aber als einst R. Meir, so erzählt biefer Talmud, gefragt wurde, warum er. mit dem abtrünnigen und gottlosen, jedoch gelehrten Elisa b. Abujah verkehre, so sagte er: Ich genieße die Frucht, und die Schale werfe ich fort. Warum sollen wir nun diese Lehre des Talmuds nicht auch dem Talmud gegenüber anwenden, warum sollen wir wegen der Schlacken und Schalen auch den goldigen Kern verwerfen? In unseren Tagen ist eine Beschäftigung mit dem .Talmud aufgekommen, die ungefähr mit dem Verfahren zu vergleichen ist besten, der in die Tiefen des Meeres taucht unb von dem, was. er heraufgeholt hat, die Perlen aussondert und wegwirft/ dagegen den Schlamm und die werthlosen Muscheln sorgfältig aufbewahrt. Nur durch ein Versehen oder durch ein Mißverstäudniß verirrt sich hin und wieder auch einmal etwas Werthvolles in diese Sammlungen talmudischer Aussprüche, die von Talmudfeinden angelegt .werden.. Das unbefangene Urtheil wird nie so weit gehen, den Talmud völlig zu verwerfen, wie denn z.: B. der vor einigen Jahrzehnten verstorbene Begründer und Prediger der äußersten religiösen Reform in Israel, der im praktischen Leben sich von den Vorschriften des Talmud losgesagt hatte, in seinen religiösen Reden den Schmuck talmudischer Sentenzen und Gleichnisse keineswegs verschmäht hat. Wir stehen diesem Buche ganz frei gegenüber, in ihm sind Gold und Schlacken; wir lassen uns nicht dazu bereden, auch die Schlacken für Gold zu halten, aber wir sind nicht so lhöricht, auch das Gold zu verwerfen; es wäre nur eine bodenlose Feigheit, wenn wir auf das Andrängen unserer Gegner diesen Ballast über Bord würfen, unser Schifflein würde sich dann erst recht nicht halten, wir hätten dann manche geistige Wegzehrung für unsere weite Reise verschleudert. Kein Satz ist uns heilig, weil er im Talmud steht, nur soll Keiner verlangen, daß wir ihn deswegen, wegen -seines Ursprungs, sogleich für uuheilig nnd werthlos halten müssen.. Im Talmud könnt Ihr alles lesen; er enthält sogar einen Spruch, der unseren Widersachern das Willkommenste meldet, denn mit dürren Worten wird nicht nur der Untergang der talmndischen Weisheit, sondern der Thora überhaupt von einigen zu ihrer. Zeit hoch angesehenen Talmudlehrern voraus verkündet. Raw lehrt: Dereinst wird die Thora vergessen werden in Israel, denn so heißt eS: „Es wird verloren sein die Weisheit ihrer Weisen, und die Einsicht'ihrer Klugen wird verschwinden." Und nicht nur Einer spricht diese bedrohliche Meinung aus, nein, als die Weisen zur Lehrversammlnstg in Jamnia sich vereinigten, da sprachen sie aus: Einst wird die Thora in Vergessenheit gerathen, denn so heißt es nn Propheten Amos: „Sie werden irren von Meer zu Meer, von Nord und Ost werden sie schweifen, das Wort Gottes zu erlangen, und sie werdest es nicht finden." . Da hätten wir ja im Talmud selbst das Todes- , urtheil für das Judenthum, und alle Diejenigen, denen heute die Lehre Mosis unbequem ist, können sich darauf berufen, daß schon vor Jahrhunderten der Untergang der Thora vorausgesagt worden ist, nicht etwa voll erbitterten Gegnern, sondern von Denen/ deren .Lebensberuf die Auslegung der heiligen Schrift gewesen ist.' Es überkommen wohl Jeden von uns Stimmungen, in denen er die Zukunft des Iudenthums bedroht sieht. Wohin wir jetzt blicken, überall thürmen sich Wolken, die über diese uralte .Religion sich zu entladen drohen. Politische Parteien, die sich, sonst aufs Schärfste befehden, reichell sich die Hände, wenn es gegen Juden und Judenthum gilt. Die Strengen und Eiferer im Lande .hadern..mit uns, weil wir unseren Ueberlieferungen treu bleiben, weil., wir dem herrschenden Bekenntnisse uns nicht anschließen, und die Feinde aller Religion grollen dem Judenthum, weil sie stn ihm den Ursprung aller geläuterten Religion mit Recht suchen; Diejenigen, die aus unseren heiligen Büchern, aus unserem Lebensquell sich gelabt haben .I.;Und fort und fort aus demselben schöpfen, und Diejenigen, die diesen