Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 26. föttutilliltbott* ferütt, 25. Lun, 1897. Weitage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 20. Juni. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbachschen Waisen-Erziehungs- Anstalten versenden ihren 64.. Jahresbericht, später als in früheren Jahren wegen der erst Nor Kurzem vollendeten Einrichtung ihres Neubaus an der Schönhauser Allee, wohin die Anstalten nach der Veräußerung ihres seit 1853 inne gehabten Hauses, Oranienburgerstraße 38, übergesiedelt sind. Die unter Leitung der Architekten Höniger und Sedelmeier erbauten neuen Anstalten erheben sich fern vom Geräusch der Straße und von allen nachbarlichen Störungen auf einem das bisherige nahezu viermal an Größe übertreffenden Grundstück. An eine Vermehrung her Zöglingsstellen kann jedoch erst gedacht werden, wenn der an den Baukosten noch fehlende Betrag von etwa.200 000 Mark gedeckt ist. Im Berichtsjahre erzogen die Anstalten 51 Knaben und 26 Mädchen, welche den Unterricht größtentheils in höheren Schulen genossen. Besonders begabte Knaben bleiben bis zur Abgangsprüfung, die Mädchen in der Regel bis zur erlangten Erwerbsfähigkeit im Hause. Von den Letzteren bestand ein Zögling die Prüfung als Lehrerin für höhere Mädchenschulen, ein zweiter erlernte das Wäschezuschneiden, und zwei andere wurden als Photographin im Lette-Haus und als Gärtnerin auf der Gartenbauschule des Fräulein Dr. Castner ausgebildet. Der weitreichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, welche besonders wirksam bei ihrer Selbständigmachung oder Verheirathung eintritt, dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen. Für die Bestreitung ihrer Bedürfnisse, welche einschließlich Gottesdienst, Büreau, Renten, Stipendien u. a. Zuschüsse 47 798,62, bezw. 25 470,68 Mark betragen haben, davon zur Verpflegung 11595,06, bezw. 5765,36 Mark, d. h. für den Kopf und Tag 52 Pf., sind die Anstalten auf die Zinsen ihres Vermögens, welches sich auf 746 261,05, bezw. 371 335,72 Mark beläuft, auf Jahresbeiträge von insgesammt 9143,50 Mark und auf sonstige Zuwendungen ihrer Freunde und Gönner angewiesen. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren Berthold Marckwald, Kommerzienrath E. Lohnstein, General-Konsul Eugen Landau, Professor Dr. Felix Liebermann, Hermann N. Israel und Isidor Loewe. Ehrenmütter sind Frau Recha Marckwald und Frau Dr. Cäcilie Liebermann. 22 Berlin, 21. Juni. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine ersucht diejenigen Herren Kollegen, die die statistischen Fragebogen noch nicht zurückgesandt haben, dieselben baldmöglichst dem Herrn Kollegen M. Steinhardt in Magdeburg, Breiteweg 102, zu übermitteln, der die Bearbeitung der Ergebnisse der Statistik freundlichst übernommen hat. Der Verbandsvorstand hofft von dem Gemeinsinn der jüdischen Lehrer, daß seinem Ersuchen auch diesmal bereitwilligst entsprochen werden wird. 22 Berlin, 23. Juni. Der Chemiker Dr. Julius Aron ist vorgestern hier gestorben. Derselbe hat sich um den wissenschaftlichen Ausbau der Thonindustrie hervorragend verdient gemacht. Er hat insbesondere sich das Studium der Thonänälyse angelegen sein lassen und auf diesem Gebiete Namhaftes geleistet. Durch Begründung der „Thon- Jndustrie-Zeitung" schuf er für die Thonindustrie einen litterarischen Mittelpunkt. Weiterhin richtete Aron ein Laboratorium für Untersuchungen zur Thontechnik ein, aus dem der Thonindusirie wichtige Lehren und Rathschläge für den Ausbau und die Vervollkommnung ihrer Technik und ihres Betriebes zugekommen sind. Julius Aron, 1840 zu Bublitz geboren, machte seine wissenschaftlichen Studien auf der Universität und der damaligen Gewerbeakademie zu Berlin, vornehmlich als Schüler Karl Rammelsbergs, der damals das chemische Laboratorium der Gewerbeakademie leitete. Später war er lange Zeit in den Versuchsanstalten Friedrich Eduard Hoffmanns, des Erbauers der Ringöfen, thätig. Aron war schon seit längerer Zeit leidend und hatte sich deshalb der Arbeit enthalten müssen. Lx. Aus der Provinz Posen, im Juni. ' Fabrikbesitzer und Beigeordneter Gold färb in Pr. Starg ard übergab jüngst dem dortigen Magistrat im Namen der Familie Goldfarb zum Andenken an seine verstorbenen Eltern, den Fabrikbesitzer, Ehrenbürger und Stadtältesten Isaak Goldfarb und dessen Gattin Helene, geb. Borchard, ein Kapital von 20 000 Mark zur Gründung eines Altenheims für würdige Mitbürger ohne Unterschied des Glaubens; gleichzeitig wurden von der Familie Goldfarb weitere 10 000 Mark zu verschiedenen wohlthätigen Zwecken gespendet. — Die Synagogengemeinden Ostrowo und Wr eschen erheben für das Jahr 1897/98 zur Deckung ihrer synagogalen Bedürfnisse 90 bezw. 70 pCt. der Staatseinkommensteuer von ihren Mitgliedern; zur Unterhaltung ihrer Volksschulen werden 50 bezw- 25 pCt. der Einkommensteuer erhoben. — Sanitätsrath Dr. Neufeld in Fordon ist kürzlich im Alter von 67 Jahren gestorben; der Verstorbene war Anstaltsarzt am dortigen Strafgefangenenhause. — Der Regierungspräsident zu Posen hat die Wahl des Fabrikbesitzers Fabian Fränkel in Ostrowo zum Rathsherrn jener Stadtgemeinde bestätigt. — An Stelle des Rechtsanwalts Michüelsohn in Schroda, der seinen Wohnsitz nach Posen verlegt hat, ist der Buchdruckereibesitzer Rubin daselbst als Magistratsmitglied gewählt worden. — Kantor Bernstein in Xionz ist an die Synagogengemeinde in Obersitzko berufen worden. — Zu Vorstandsmitgliedern des in Wr eschen neugegründeten evangelischen Diakonissenvereins sind auch der dortige Rabbiner Dr. Lew in und der praktische Arzt Dr. Michaelsohn gewählt worden. 8p. Stolzenau, 18. Juni. Am 9. und 10. d. Mts. hielt der Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover seine diesjährige Versammlung wieder in Hannover, Hotel Falk, ab. Nachmittags 4 Uhr wurde die erste Sitzung mit einem Hoch auf den Kaiser eröffnet. Der zeitige Vorsitzende erstattete eingehenden Bericht über das verflossene Vereinsjahr. Sämmtliche Vorstandsmitglieder wurden durch Akklamation wiedergewählt. Von den Vorträgen, die auf der Tagesordnung ständen, kamen zwei zur Ausführung: die Geschichte der Erziehung und des Unterrichts bei den Juden, Referent Lehrer Apt-Pattensen, und das vom Verband nochmals zur Erörterung gestellte Thema: „Definitive Anstellung sämmtlicher jüdischer Lehrer, ihre Pensionirung und Versorgung ihrer Hinterbliebenen, Referent Lehrer Fabisch-Göttingen. Die Ausführungen des ersten Vortrages, eine fleißige, durchdachte Arbeit, wurden debattelos gutgeheißen. An das Verbandsthema knüpfte sich eine lebhafte Debatte, sowohl im Allgemeinen, als auch an der Hand der vom Referenten ausgestellten Leitsätze, die schließlich, mit kurzen Abänderungen von einer Kommission bearbeitet, von der Versammlung angenommen wurden. Die angenommenen Thesen lauten: 1. Es ist die Hauptaufgabe aller jüdischen Lehrervereine, die definitive Anstellung aller jüdischen Lehrer sowie deren Pensionirung und die Fürsorge für ihre Hinterbliebenen zu erstreben. 2. Es empfiehlt sich a) die Erhaltung bereits bestehender und die Einrichtung neuer öffentlicher Elementarschulen, b) Der obligatorische Charakter des jüdischen Religionsunterrichtes. 3. Es ist erforderlich, daß sämmtliche jüdische Religionslehrer die allgemeine Bildung eines preußischen Volksschullehrers und die jüdischen Volksschullehrer das zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts nöthige Wissen vor einer staatlichen Prüfungskommission Nachweisen. 4. Die Anstellung der jüdischen Religionslehrer hat in derselben Weise zu geschehen wie die der Elementarlehrer. 5. Zur Erreichung einer auskömmlichen Pension muß auch die nebenamtliche Thätigkeit des Lehrers besonders besoldet werden. 6. Zur Ausführung dieser Bestrebungen sind erforderlich: a) die Gründung von Provinzial-Gemeindeverbünden, b). nach dem Muster der staatlichen Ruhegehaltskassen die Errichtung