Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 ) t r I b s; s :t tc n d te id t. ii, :n ch ie :it er lir he m as sse ne as >rh- Zch en ng >at nd ht, nst zu rin Der Doktor sprach diese letzten Worte mit jüdischem Accent und streckie beide Hände mit ausgespreiztenbFmgern in die Luft, dabei den Rabbiner ansehend, der in diesem Äugenblicke astronomische Beobachtungen anzustellen schien. „Äh bin jetzt," fuhr der Doktor lächelnd fort, >,leider nicht mehr so empfänglich für religiöse Eindrücke, als ich es zu der Zeit war, wo mich meine alte Gutrnd aus dem Beile hob und auf den Tisch setzte, um mich anzukleiden, damit ich Selichos nicht versäume, aber wenn Andere, so empfänglich, wie ich e^ damals war, ans der religiösen Dichtung der Jetztzeit dieselbe Erhebung schöpfen werden, die zwei Jahrtausende aus den Psalmen geschöpft haben, dann ist der Beweis ihrer Bedeutung und Größe erbracht." Sie waren vor dem Gemeindehause, wo der Rabbiner seine Amtswohnung hatte, angelangt. „Ich will eine Weile -warten," sagte der Doktor unbefangen, .,bi§ sich der Herr Rabbiner umgekleidet und ansgeruht haben." „O, ich bitte recht sehr,'"- erwiederte dieser nnt gepreßtem Athem. „Keine Umstände! Für einen solchen Gast bin ich jederzeit zu sprechen." * Neununddreißigstes Kapitel. Das Ende. Am Schabuothseste war Mordche zum letzten Male in der Synagoge. Sonst ein regelmäßiger Besucher des Gotteshauses au jedem Morgen und Abend, hatte er in den letzten Wochen häufig gefehlt. „Mordche geht ein", hieß es allgemein. „Der Tod seines Sohnes hat ihn doch mehr angegriffen, als man gemeint Hatte." Trotzdem sprach er von diesem Schicksalsschlage niemals; im Gegeiltheile schien er wohlgemuth, trank sein Glas Wein an jedem Abend und rauchte sein Pfeifchen, nur über Müdigkeit pflegte er zu klagen, und dann behauptete er, daß seine Augen schwächer seien als jemals, obwohl er seit Jahren seine Besucher nur an der'Stimme erkannte. Seit jenem Festtage verließ er das Haus nicht, mehr. Ohne über Schmerzen zu klagen, brachte er die meiste Zeit im Bette zu. Die"Füße waren ihm zu schwer. Sein Pfeifchen wollte ihm nicht mehrschmecken, und die Nahrung, die er genoß, schien kaum hinreichend, um einen Säugling am^Leben zu erhalten. Von seinem Ende sprach er jedoch nie, weder zu seinen Besuchern noch zu seiner Tochter, die gekommen war, ihn zu pflegen. Nur zu dem Doktor Kohn, der ihn häufig besuchte und ihm zuredete, alten- Wein zu trinken, damit er bald wieder auf die Beine komme, sagte er einmal: „Mein lieber Herr Doktor, mit mir geht es, wie mit einem alten Ofen.; da nützt kein Ausbeffern, den muß man zusammenwerfen." „Man muß nicht so kleinmüthig sein," tröstete der Doktor. .'-Ich bin gar nicht kleinmüthig." sagte Mordche. „Bei Gott muß Jeder einrücken, und die alten Rekruten nimmt er um liebsten." Das von seinem Sohne ausgesetzte Geld verweigerte er anzunehmen; es sollte für die Kosten seines Begräbnisses aufbewahrt bleiben,' und der Doktor sollte ja nicht vergessen, Reb Bär für das Lernen in der Trauerzeit zu bezahlen. So blieb es einige Wochen. Der alle Mann brachte den größten Theil seiner Zeit im Bette zu, war aber sonst derselbe, als welchen ihn seine Freunde seit Jahren gekannt hatten. Der jüdische Kalender war ihm stets gegenwärtig und bildete das Hanpithema seines allerdings nur spärlichen Gespräches. „Seit ich mich erinnern kann," sagte er eines Morgens zu Reb Bär, „habe ich noch immer die Fasttage gehalten. Morgen ist der siebzehnte Tammns, da wird es nicht mehr gehen." „Ich kann auch nicht mehr fasten," erwiederte Reb Bür, „und bitt'viel jünger als Ihr." ' „Hör' an, Reb Bär — Taubele, mein Kind," unterbmch er.sich. Die- Gerufene trat an sein Bett. „Bei meinem Kittel liegt der Schulhammer, mit dem ich lange Jahre in Schul geklopft habenden, müßt Ihr mir mitgeben, und daneben ist auch etwas Geld in--einem Strumpf, das soll man an meinem Begräbnißtagevertheilen und für die Leute anfheben, welche zur „Minjan" während „Schiwe" kommen. Reb Bär, Du sollst während „Scheloschim"*) hier lernen, und meinen Platz will ich dort haben» wo der Rebbe, das Andenken des Frommen sei gesegnet, begraben liegt. Dafür wird der Doktor bezahlen. Ich Hab' Geld bei ihm von meinem Awrom, der Friedemitihm.- Dann sprach er von anderem im ruhigsten Tone, und als er seine ^Tochter schluchzensah, sagte er:- „Du - .mußt ' nicht weinen, -Narreleben, man muß -analles denken, wenn man ein alter Mensch ist." . . . -l- Am nächsten Tage kam Scholem Hirsch. .zn.Reb Bär früh am Morgen:„Kommt schnell zu Mordche," sagte er. „Er hat nach -Euch verlangt. Ich glaubki es geht zu Ende mit ihm." - - .- Reb Bär, der gerade im Begriffe war, nach der Synagoge zu gehen, steckte sein Büchlein, die Sterbegebete enthaltend, in die Tasche und ging nach dem Hanse des Alten. Meb Bär ist da," riefTaube bei seinem Eintritte mit lauterStimme -dem im Bette liegenden Vater zu. „Was willst Du von ihm?" ' „Herkommen," flüsterte er kaum vernehmlich der-über-ihn.gebeugten Tochter zu, die den Wunsch dem Eingetretenen-mittheilte. Reb Bär beugte sich über den Kranken. „Hier bin ich," sagte -er, „was soll ich thun." „Widduj!" rief es kaum vernehmbar zurück. Reb -Bär setzte sich zum Bette und las das Sündenbekenntniß bor, dem der Kranke, wie es schien^ aufmerksam folgte, denn man sah, daß er die Hand bewegte, um an die Brust zu klopfen. . Dann -sprach er wieder etwas, aber Reb Bär konnte ihn nicht verstehen. Taube beugte sich über ihn, aber auch sie konnte das Wort, daß er hervorzubringen sich bemühte, nicht verstehem „Was willst Du, Vater?', rief sie. Der Angeredete deutete nach seiner Stirne. „Er will seine Tefillin," meinte Reb Bär. „Willst Du die Tefillin, Vater?" rief Taube wieder. Der Kranke nickte, Taube nahm das Beutelchen von der Wand und drückte es ihm in die Hände. Mordche führte es mit ^einiger Anstrengung zum Munde und drückte seine Lippen.darauf. Dann machte er einen schwachen Versuch, mit dem Kopfe zu schütteln. Er kann die Tefillin nicht legen, will er sagen," erklärte Reb Bär, „er ist zu schwach." - Dann bewegte er wieder seine Lippen und faltete -seine Hände. Ein tiefer Athemzug, und er war verschieden. - Reb-Bär und Scholem sprachen das Bekeuntniß zum Gotte Israels und drückten die Angen des Todten zu. „Er ist gestorben, wie er gelebt hat--als ein wahrer uZaddik," sagte Reb Bär tief gerührt. Die Physiognomie der alten Gemeinde ist ganz verändert. Die .Alten sind ansgestorben. Reb Bär ruht unweit von Mordche an -.der Seite seines gelehrten Urgroßvaters auf dem unebenen alten Vegräbnißplotze, dessen Umfaffnngsmaner von den Spenden auswärtiger .^Nachkommen ehemaliger Gemeindemitglieder wiederhergestellt worden war. Dr. Kriegsfelder hat sich nach der Hauptstadt zurückgezogen, wo er kn einer kleinen Vorstadtsynagoge snngirt und durch Privatunterricht und . Pensionäre sich so lange fortzubringen sucht, bis die Welt seinen Fähigkeiten Gerechtigkeit widerfahren kaffen wird. Die alte Synagoge y Dreißig Tage nach dem Tode.