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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-25 · Heft 26 (25.6.1897) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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Wirken einer übelwollenden Macht oder den Zorn Gottes sahen,' legten sie sich bei einem Todesfälle in der Familie eine Kasteiung auj, um die erzürnte Gottheiv zu versöhnen. Das menschliche Mitgefühl der Nachbarn gebot es, daß sie bem Trauernden nach, dem Begräbnisse das erste Labemahl reichten. Das Ei, welches in L>.er Kaltschale das schlummernde, zum Erwachen bestimmte Leben djnfchließt, war als Symbol der Auferstehung ein obligater Tyeil dieses Mahles,. und so ist es geblieben, obwohl die rabbinischen Gesetzeslehrer das Ei zum Zeichen der Trauer degradirt haben/ und das Fasten bis zur Beerdigung längst außer Gebrauch gekommen ist. -«?- „ Die kleine Stube füüte^ich bald: mit Besuchern, die vom Ve- . gräbniß zurückgekehrt waren. Alle Überflossen von Trostsprüchen und bewundernden Ausdrücken! über/ die großartige Theilncchme an der Bestattungsfeier. Mordche schien des: Trostes nicht 311 bedürfen, «ub die Ehre, welche seinem Söhne widerfahren war, schien ihn kaltM lassen. Er sagte gar nichts, und sein Verhalten bestätigte die. allgemein getheilteBermMnng, daß das. Alter ihn stumpfsinnig gemacht Habe. Ruhig erhob er sich, um das Minchagebet zu' sprechen, als wäre heute der Jahrzeitstag eines entfernten, lange verstorbenen Verwandten und nicht der Begräbnißtag seines einzigen Sohnes/ eines Sohnes,- dessen Besitz jeden jüdischen Vater stolz gemacht hättz. Nach und nach entfernten sich die Besucher, .und liur Reb Bär blieb zurück, um, wie es die Sitte vorschreibt, in dem Hause der Trauer >,zu lernen", Er wählte jedoch nicht, wie gewöhnlich, einen Abschnitt aus der Mischnah, sondern las eine Passende Stelle aus dem Talmud vor, die er dein Alten übersetzte. 6 „Wenn Rabbi Jochanan das Buch Job durchgelesen hatte, sagte er: „Das Ziel des Thieres ist die Schlachtbank, das Ziel des Menschen ist das Grab; der Tod ist das gemeinsame Loos Beider. Heil .dem, der in der-Gotteslehre ausgewachsen ist und der Gotteslehre sein Leben geweiht hat, dessen Leben ein gottgefälliges war, der als Ehrenman gelebt hat und mit einem guten Namen ans der West .geschieden ist. Von ihR sagt Salomo in seiner Weisheit: „Besser ist ein guter Name als das kostbarste Oel und der Tag des Todes als der Tag, da einer geboren wurde." , . „Ja, einen guten Namen hat mein Awrom, der Friede sei mit ihm, - hinterlassen/' sagte Mordche feierlich, „wenn ich auch gM gesehen hätte, daß er mehr von der „Jüdischkeit" gehalten, hätte." . - „Er war ein Mann von reinen Händen und lauterem Herzens bekräftigte Reb Bär, „und von einem solchen sagt der Talmud, dqß er alle 613 Gebote der Thora erfüllt." ,-Siehst Du, Reb Bär, wie ich Recht, hatte," meinte Mordche, „wenn ich zu Dir gesagt habe, Du darfst Dich glücklich schätzen, daß Du Dein Kind zur Thora erzogen hast.. Du weißt doch, daß über hundert Jahr' Dein Kind Dir vor Gott ein Fürsprecher sein wich. Wer wird meinen Awrom auf jener Welt fragen, ob er Bürgermeister bei den .Christen war,, oder ob. er voin Kaiser eine Auszeichnung bekommen hat, die man in Gan-Eden gar nicht tragen/ darf, weil sie ein Kreuz ist, wenn man sich sie auch mitnehmen könnte. Nun, wenigstens einen guten Namen hat er hinterlassen; Gott sei gelobt und gedankt!" Reb Bär erhob sich gerührt und murmelte den Trostspruch, den man statt eines Grußes beim Abschied von einem Trauernden sagen " soll, als ihm Mordche zurief? „Wenn Du kommst „Schiur" lernen, sage mir immer so etwas, was ich auch verstehen kann, damit schdoch auch für meinen guten Awrom etwas lernen kann." Juzwischen gingen der Rabbiner und der Kreisphysikus zusannnen von dem Begräbnißplatze herunter. Der Kreisphysikushätte sich, als das Grab zugeschüttet war, dem Rabbiner genähert und ihm seinen Besuch cmgekündigt.; •- „Ich bin der Testam.elstsez'ekutor des Verstorbenen," sagte er, „und werde so frei-sein, noch heute, meine Aufwartung zu nnachen: da ich noch heute Abend nach: der Stadt - zurückkehren muß und vorher noch in der Fabrik mit. dem- Buchhalter geschäftliche - An-, gelegenheiten zu besprechen habe." „Sie werden mir jederzeit willkommen - sein, -Herr Kreisphysikus," erwiederte der Rabbiner, „aber was meine amtliche Pflicht anbetrifft, hat - das keine Eile. Ich. stehe hier als Seelsorger und nicht, um Gewinnes willen." : „Ich spielte aus meine.Pflicht als Testamentsvollstrecker-nur an," bemerkte der Doktox mit meinem leisen Anfluge von Ironie, „weil ich im eigenen Interesse, iw allem, was . den Nachlaß betrifft, Ordnung halten will, -und wenn-i-ich nicht ungelegen komme, will ich Sie nach Hanse, begleiten." ,. .. „Bitte, bitte!" -c 'ui; ' ' Die Männer gingen eine .Weile schweigend neben einander. Endlich brach der Rabbiner das Stillschweigen. . „Das war d och eine großartige.Betheiligung," sagte er. „und so traurig der Anlaß war, thut es mir doch wohl, zu wissen, das; das Jndenthnm sich jeht vor Andersgläubigen ganz anders repräsentirt als in früheren Zeiten. Glauben Sie nicht, Herr Kreisphysikus,-daß meine Rede einen Eindruck ans die Andersgläubigen gemacht hat?" Der Angeredete preßte die Lippen zusammen und drehte die Spitzen seines ziemlich stark ergrauten Schnurrbartes. „Mein Beruf unp meine amtliche Stellung," sagte er, „bringen es mit sich, daß ich nur. höchst selten einen Gottesdienst besuche, und darum: bin ich kein sehr kompetenter Benrtheiler einer Predigt,": . . In dem Rabbiner kochte verhaltener Ingrimm. Innerlich sagte er stch^ was er später seiner Frau, gegenüber laut aussprach rind was auch deren Beifall fand : „Die Frömmigkeit hat er verlernt, aber ein Unmensch ist er gerade so, wie es sein Vater gewesen ist." , Als hätte der Doktor die Gedanken' seines Begleiters errathen, fuhr er fort: „Mein seliger Vater hat auf dem Todtenbette-. darin einen Trost gesunden, daß ich ihn an den talmudischen Spruch erünrerte: „Des Menschen Verdienste können sein Leben über, die ihm zugemessene Zeit, hinaus verlängern^" Der alte Mordche, den ich mir ganz gebrochen vorstellte, hat bei dem Enlpsange. der Schreckensnachricht, wie mir Reh Bär erzählt, sich bei Gott dafür bedankt, daß sein Sohn keinen Selbstmord begangen', hat. In Mordche ist, wie es bei meinem Vater der Fall war, die Religion eine Macht, und keiner von Beiden hat sich je die Frage vorgelegt, wie Christen über ihre, religiösen Anschauungen denken. Eine richtige Religion, das sehen wir in der Geschichte der Märtyrer, wird .eher in dem Hasse Andersdenkender als in deren.Lobe eine Bestätigung finden." .' . Der Rabbiner,/ welcher wenigstens ein Kompliment für seine Klassikercitate erwartet hatte, war' sehr verstimmt, und. in etwas gereiztem Tone sagte er: „Wäre es. Ihnen recht, wenn so ein vorzeitischer Rebbe bei einem Anlasse wie .der heutige - eine iübif^= deutsche Rede.heruntergeplärrt hätte?" ' „Das meinte ich nicht." replizirte der Doktor lächelnd. „Ich erinnerte mich nur an den Psalm, der, in Verse gesetzt, in den Selichos vorkommt, und daß mein Vater mit aufrichtiger Rührung dieses Gebet vorzutragen pflegte. Der Dichter dieses Psalms hat auf den Dichter der Selichos und. dieser auf meinen Vater und Mein Vater wieder, auf. mich einen mächtigen Eindruck gemacht, doch kann ich mir nicht vorstellen, daß König David, oder wer sonst diesen Psalm, gedichtet hat, wie er sein Gedicht beendet hatte, zu seiner Frau kam.und mit triumphirendem Lächeln sagte: „Nu -mein Kind, wie gefällt Dir. das?. Ist das nicht schön?"- .

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