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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-25 · Heft 26 (25.6.1897) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 - * -" > -»- - ,v^u--: - -V r\ .7^7^ daß er sich aus. kleinen Anfängen durch eigene Kraft empor geschwungen habe, daß es ihm gelungen sei, sich die Achtung aller Mitbürger ohne Rücksicht auf Parteistellung zu erwerben, daß er wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde mitten in der eifrigsten Thätigkeit einem verhängnißvollen Mißgeschicke erlegen sei. Der Redner schloß damit, daß er darauf hinwies, daß die Stadtvertretuug, um den Wunsch der Nächstbetheiligten zu ehren, auf dem Sarge keinen Kranz niedergelegt habe, aber die dankbare Gesinnung der Stadtvertretung, die Trauer der ganzen Bevölkerung seien unverwelkliche Ruhmeskränze aus dem Sarge eines Mannes, dessen Name mit dein Anfschwnnge der Stadt unvergänglich verknüpft sei. Die Rede machte, obwohl etwas monoton vorgetragen, einen gnten Eindruck, und doch hatte jeder Zuhörer das peinliche Gefühl, daß der Redner sich eine gewaltsame Zurückhaltung auferlegt habe, indem er der Religion des Verstorbenen nicht erwähnte,- obwohl Jedermann bei dieser Feier in erster Linie daran denken mußte, daß zum ersten Male in der Geschichte der Stadt ein solches Ereigniß vorgefallen war. Es war dasselbe peinliche Gefühl, welches der Jude empfindet, wenn er einen Nichtjuden von der israelitischen Religion sprechen hört, wo dieser sonst von jüdischer Religion gesprochen hätte. Niemand kann sich dort zu Hanse fühlen, wo. er merkt, daß man sich seinetwegen Zurückhaltung im Gespräche auferlegt. Nachdem der Gesangverein „Ueber allen Gipfeln ist Ruh" gesungen hatte, setzte sich der Zug in Bewegung. Voran schritten die drei Polizisten des Städtchens in Galauniform, dann kam der Sarg, von Mitgliedern der Stadtvertretung getragen, und die Tranergäste folgten in Reihen von je vier Mann, eine imposante Ordnung, wie sie bei einer jüdischen Beerdigung sonst nie gesehen worden war. Vor der Synagoge wurde nach dem Herkommen in der Gemeinde die Leiche niedergestellt, und nachdem der Kantor mit einem Kuabenchor, dessen Leistungen in' der Seele des gleichgiltigsten Zuschauers tiefen Schmerz Hervorrufen mußten, einen Psalm vecitirt hatte,, trat Herr Doktor Kciegsfelder vor, um, wie er überzeugt, war, die Superiorität der jüdischen Kanzel vor einer so auserlesenen Zuhörerschaft zu demonstriren. Vor allem wurde der „Eklektiker" Koheleth vorgeführt, der gesagt hatte: „Der Mensch geht in das Haus seiner ewigen Bestimmung, und aus dem Markte stehen herum die Trauernden." „Wenn so ein Mensch—Adam bezeichnet einen edlen Menschen, einen, der gleich dem ersten Adam im Ebenbilde Gottes erschaffen wurde — in seine ewige Heimath eingeht, dann stehen ungezählte Trauergäste auf dem Markte herum." Nach dieser Einleitung citirte der Redner als eigentlichen Text den Vers aus der Haphtara der nächsten Woche: „Der Herr ist mein Schutz und meine Feste und meine Zuflucht am Tage der Noth", und begann daran die Trauer des greisen Vaters und der Gemeinde und der ganzen Stadt und der Arbeiter und der Armen ohne Unterschied der Konfession zu schildern und bewies den Zuhörern unter sehr gezwungenem Schluchzen, das sich wie Kreischen anhörte, daß man in solcher Noth sich zu dem Herrn wenden solle. Hierauf citirte der Redner einen Midrasch, der sagt^ Wenn Gott den Tod über die Menschheit nicht als unabänderliches Verhängniß beschlosseir hätte, würde er ihn am Berge-Sinai, als die Israeliten sich bereit erklärten, die Gebote. Gottes zu halten, „abrogirt, abgeschafft, aufgehoben, resignirt und revocirt" haben. „So," meinte der Redner, „wird uns der Sinn Vieser dunklen Midrasch-Stelle klar. „Wenn Gott nicht eine „Geseroh", ein entsetzliches Berhängniß über, den theueren Verblichenen gebracht hatte, würde er noch heute unter uns weilen, ein Stolz für unsere Gemeinde und für die Stadt sowie für die blühende Industrie, die er ins Leben gerufen hatte." Dann wies der Redner auf . die vorwöchentliche Haphtara hin, in welcher dem Priestern vorgeschrieben wird, keine Wollen-, sondern nur Leinenstoffe zu trägem.. Durch Linnenstoffe, nieinte der Redner, sei die Sündenvergebung angedeutet, und darum sei das Linnen,, in welches nach jüdischer Sitte die Leiche gehüllt sei, eine Auszeichnung wie der Orden, welcher dem Sarge nachgetragen werde, und welchen der allergnädigste Monarch, den wir Israeliten so hoch verehren, dem Verblichenen verliehen habe, denn die Israeliten sehen in dem Königreiche auf Erden, wie ein großer Rabbi sagt, ein Abbild des Königreichs im Himmel, und das erinnere uns wieder an den „Eklektiker" Koheleth, der gesagt hat: „Befolge den Ausspruch des Königs wie einen Gottesschwnr", unb wenn der Verstorbene sich auch ein monumentum aere perennius durch die Fabrik errichtet habe, so sei doch das schönste Ziel die Gottesfurcht, welche der „Eklektiker" als das Ziel des Menschen bezeichnet. Die Rede hatte fast eine Stunde gedauert, und die Zuhörerschaft zeigte gelegentlich Zeichen der Ungeduld, obwohl man sich im Allgemeinen sehr würdig benahm. Reb Bär, der mit Mordche an der Wand der Synagoge lehnte, preßte beim Anhören der Midrasch- Auslegnng die Lippen zusammen, und Dr. Kohn runzelte bei dem lateinischen Citat und bei beit patriotischen Dithyramben die Stirn, und der gebildete Theil der christlichen Zuhörerschaft, auf welche Herr Dr. Kriegsfelder einen so mächtigen Eindruck hervorzubringen gehofft hatte, war nicht gewohnt, kirchlichen Vorgängen anders als passiv gegenüberzustehen, nur Ignaz Rosenfeld und Frau Dr. Kriegsfelder waren überzeugt, daß eine solche Leistung einzig in den Annalen der Kanzelberedtsamkeit dastehe, und Beide bedauerten, daß es unter den Zuhörern so wenige gegeben habe, welche die oratorische Bedeutung dieser Rede genügend zu würdigen wußten. Ignaz Rosenfeld trat nun in seine Rechte als Ordner des Zuges, aber es zeigte, sich,, daß gerade im der Gemeinde seine Autorität nicht so geachtet wurde, wie es sich gegenüber einem Manne, der die Handelsschule absoldirt hatte, geziemt hätte. Alles drängte sich an die Bahre, um die Träger abzuwechseln/ 'die Jugend und andere. Neugierige liefen irr ungeordneten Schaären voran, und Andere durchbrachen die Reihen, so daß der arnie Ignaz seine Aufgabe, auf deren Durchführung er, wie der Kommandirende einer Armee am Schlachttage, als auf eine Leistung, welche 'noch die spätesten Geschlechter rühmen würden, gerechnet hatte, endlich als verloren aufgeben mußte. An dem Fuße des steilen Hügels, auf dessen Höhe der alte Fxiedhof lag, blieben Reb Bär und Mordche stehen, und nachdem die Menschenmenge an ihnen vorbeigeströmt war, gingen sie zurück, leise den Psalm von der Seligkeit Dessen, der im Schatten des Allmächtigen weilt, betend. Vor Reb Bärs Hause, an dem sie vornbergingen, stand Esther mit rothgeweinten Augen. Sie brachte ein Blechgefäß mit Wasser gefüllt und wusch ihnen die Hände, welche sie an ihren Taschentüchern trockneten. Sie bat hierauf beide Männer, vorauszugehen; sie wolle bald Nachkommen. Mit derselben Ruhe, welche sein bisheriges Verhalten charakterisirt hatte, betrat Mordche seine Stube, legte die Schuhe ab und setzte sich auf einen Fußschemel, während Reb Bär ihm gegenüber auf einem Stuhle Platz nahm und in einem kleinen Buche, das er aus der Tasche nahm, zu lesen begann. Inzwischen trat Esther ein, brachte Weißbrod, hartgesottene Eier und ein Glas Wein. Mordche wusch seine Hände, sprach den Segen, und nahm von dem ihm Gebotenen, so wenig er sich auch zum Essen und Trinken gestimmt fühlte, aber es war Pflicht. Es ist ganz eigenthümlich, wie die schönsten und sinnigsten Symbole durch die Hartnäckigkeit der Tradition, besonders auf religiösem Gebiete, zu kalten, sinnlosen Ceremonien werden.. In uralter Zeit, als die Menschen in allem Leid, das sie traf, das

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