Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228229--53797-3267741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
den Juden günstig gesinnter Mann. Zugleich 'war er; wie *iii politischen und Gesellschaftsdirißen, so in der Litteratnr nach Neuem begierig und stetA bereit, junge Männer zu fördern. Beides, die Vorllrtheilslosigkeit sowie das Streben nach Neuem, führte ihm zwei junge Männer su, Jfci« am Anfang der dreißiger Jahre ihre Bedeutung zu erlangen anfingen: Michael-Sachs und Moritz Veit. Unter den kolosiaken Briefschätzen, die als Varnhagen-Sammlung in der Berliner königlichen Bibliothek aufbewahrt sind, befindet sich auch eine Anzahl Briefe von Sachs und Veit au Varnhagen. Veit war Wohl bald vom Anfänge seiner schriftstellerischen Laufbahn an mit Varnhagen bekannt. Seine-Berliner Musenalmanache von 1830/31 waren von Varnhagen freundlich begrüßt worden; daran hatten sich persönliche und litterarische Beziehungen geknüpft. Spezielle Veröffentlichungen aus den Varnhagenschen -Briefschätzen, z. B. die für Juden ganz besonders intereffa,nie Korrespondenz zwischen David Veit und Rahel, hat Veit.in seinem buchhändlerischen Verlage zwar nicht veröffentlicht, obwohl sie noch zur Zeit seines Lebens erschienen. Dagegen erlangte wohl Veit durch Varnhagen die merkwürdige Korrespondenz zwischen'Achim von Arnim und Moritz Jtzig, die eine so seltsame Illustration zu den Auffassungen von Ehre seitens des -ritterbürtigen Mannes bildend) Durch Veit war wohl auch Sachs in Verbindung mit dem bedeutenden, mit aller Welt bekannten Manne gebracht worden. Tr fand bei ihm Interesse.für seine wiffenschaftlichen Arbeiten, besondere Zustimmung -für seine ästhetischen Neigungen und erfreute-sich in Berlin mehrfach seines Gesprächs, erlangte aber auch gewichtige Empfehlungen von: ihm, die auch für seine neue, in Prag angetretene Stellung nicht wirkungslos waren. Von Michael Sachs sind im Ganzen acht Briefe an Varkhagen von Ense erhalten, darunter die größere Mehrzahl aus der Berliner Zeit, und zwar, von 1850—57. Diese sechs Briefe beziehen sich'entweder auf Wohtthätigkeitsangelegenheiten oder sind Begleri- - schreibeu zu Büchern oder enthalten Gratulationen. Keiner vön ihnen nilhält Bemerkungen/dje^ mitgetheilt zu werden brauchen. Dagegen sind die beiden ersten theils der dem Antritt des Prager Amtes vorangehenden Berliner Zeit, theils jener Amtsperiode ungehörigen Briefe für den Schreiber so charakteristisch und die:berühren Verhältniffe gerade für die Leser dieser Blätter so interessant, daß beide Briefe hier folgen mögen: . I. Sachs an Varnhagen. Berlin, 9. Juli 1888. Lassen Sie michmein hochverehrter Herr, einen Augenblick Ue herkömmliche Sitte, daß der Verfasser sein Buch selbst überreiche, aus den Augen setzen, um einem innerlichen Bedürfniß Genüge zu thun. Was ich Ihnen, mein hochverehrter Herri so gern sagen möchte, aber nun einmal nicht kann, wie ich mich wohl gedrungen fühle — das sei hiergeschrieben! Was an diesem Büchlein auch sein mag es^chat einen Werth für mich als etwas Fertiges, als eine Konzentration vereinzelter und zersplitterter Thätigkeiten, als summirte Reihe zerstreuten Wissens... Es ist eine Art von Reinschrift früher undeutlich und'ordnungslos durch einander geworfener Dinge. Gestatten Sie mir nun, das Angenehme der Empfindung, etwas fertig gemacht zu haben, einzig und allein aus Sie als Urheber zurückleiten zu dürfen- und indem ich dies thue, den einzigen mir möglichen Dank Ihnen abzustatten für so reiches, mannigfach erfahrenes Wohlwollen, für eine mir ebenso wohl subjektiv rvo§lrhuende, als objektiv fördernde und anregende Theilnahme an meinem *). Die betreffenden Briefe sind von. mir aus dem Veitschen Nachlaß in der „Frankfurter Zeitung^ 1895 veröffentlicht worden und haben ^b'ei^ihrer Publikation den Ingrimm mancher antisemitischen Blätter erregt. Dieser "Ingrimm zeigte deutlich, obgleich, die Publikation nicht im Geringsten. Parteizwecke verfolgte, wie sehr sie die landlänfigen Vorstellungen von adligem Müthe und jüdischer Feigheit zu zerstören irn Stande war. „ •’ Sein und Thun und fürall das;Ehrende und Gütigedessen ich mich von Ihnen, mein hochverehrter HeA, zu erfreuen hatte.Z Was auch immer mit mir werde — welche Richtung des Lebeys und geistiger Thätigkeit mich einst ergreift. — denn die Gunst, dies frei wählend und selbstthätig bestimmend zu ergreifen, ist mir versagt — immer werde Ich es empfinden als Gefühl im Herzen, daß ich Ihnen verdanke, was Keinem sonst, und daß ich durch Sie gelernt habe, was Wenige lernen, weil es noch viel Wenigere lehren-können, und daß Mir in Ihrer wohlwollenden Zuneigung.vom Geschicke etwas : bescheert worden, was mich über manches von ihm-Versagte wohl herausheben darf. . . -- II. Sachs an Varnhagau. Prag, 20. Oktober 1836. Wenn ich, mein innigst verehrter Herr, " so lange dem Bedürfnisse meines Herzens, für einige Momente wenigstens mich Ihrem Gedächtnisse zurückzurufen, Schweigen auferlegt,. wenn ich es über mich zu gewinnen wußte, den Schein gleichgiltiger Abgewandtheit von einer erhebenden, meinem Gemüth ebenso theurerr^? als meinem Geiste ' in aller Frische gegenwärtigen,Lebensgestalt auf mich M nehmen, so könnte ich - in dem Bewußtsein, durch mein: Schweigen die,mächtige, mich inalle Lagen begleitende Einwirkung einer bedeutsamen Persönlichkeit: zu ehren und würdig zu bethätigen, Rechtfertigung und Schutz vor mir selber finden. Bor dem Manne, den Maß und Fassung, runde, in sich fertige Abgeschlossenheit, Klarheit und bewußtvoll waltendes Ueberschauen im Leben wie auf dem Gebiete geistigen Schaffens bezeichnet — vor dem durfte ich nicht mit der flüchtigen Darbietung eines herausgegriffenen Moments oder den beliebigen Eingebungen unglücklicher Eindrücke von noch unfertigen Verhältnissen erscheinen. Und so ist es denn gekommen, daß ich Ihnen, mein innigst ver. ehrter Herr, dessen Theilnahme mich ein Sonnenblick des Geschickes hat finden lassen, dem ich, um meine eigenen Worte zu wiederholen, verdanke, was Keinem sonst, mich ganz spät erst annähere, wie ich früher der Gunst persönlichen Zutritts wenigstens durch Maß und Sparsamkeit im Gebrauche trotz aller verlockenden eigenen Neigung mich nicht ganz^ unwürdig zu erweisen bestrebt war. Dies, mein hochverehrter Herr, mußte ich vorausschicken, um den Schein einer unverantwortlichen Nachlässigkeit von mir abzuthun, wenn Ich auch insoweit ein bescheidenesPlätzchen in Ihrer Würdigung ansprechen möchte,' daß Sie mich keines gewöhnlichen, ich meine „ordinären" Vorgehens für fähig erachtest. ... Erlauben Sie mir jetzt, mein Hochverehrter, ein Wopk"vom mir selber. Neigung und für einen- Anfänger hinlänglicher S.uceeß macht mir meinen Beruf lieb und werth, freundliches Entgegenkommen von allen Seiten, vertrauensvolle Annäherung auch des unter sich Widerstrebendsten, auszeichnende Anerkennung, die ich freilich mehr meiner Stellung als mir selbst.anrechnen darf, haben.mich über?das Gefühl äußerlicher Fremdheit rasch und leicht genug hinüusgehoben; innerlich werde ich mich dessen nie entäußern können, nicht einmal wollen,EHri denn mit Aufopferung oder Verleugnung dessen, was ich als meto Bestes gern der Heimath verdanke. Freilich kann in diesem Augenblick das Bekenntniß von mir um so verwunderlicher erscheinen/als Preußens oder seines Königs retrograde Tendenzen recht , eigentlich dazu beitragen könnten, jedes Fünkchen von Heimathsgefühl oder gar Heimweh zu zerstören. Vielleicht sogar, daß eine mittelalterliche Ordonnanz einem Juden — bei Leibe nicht Israeliten — Untersagt, ein Gefühl überhaupt in der Brust zu tragen, da das Gefühl, wie ganz besonders die Li ebe, Eigenthum und Abzeichen einer einzig berechtigten Konfession ist, wie das jeden Tag durch neue Dokumente unwiderleglicher wird. Ich schwanke wirklich und bringe es zu keiner Antwort auf die .-Frage, wo es besser sei, ich meine schlimmer — ob hier, wo man nicht gießt, oder dort, wo man das Gegebene engherzig verkümmert. Eine wunderbare Ironie des Schicksals hat cs nämlich gefügt, daß kurz nach meiner Ankunft hier, also auch kurz nach dem Erlaß der hohen Kabinetsordre, den Juden in einer K. K. Zustellung das Recht, wie sie wollen, heißen zu dürfen, ertheilt worden.' Ich konnte bei der Publikation nichts Besseres thun, als mich zweimal schämen/einmal zu Ehren des zurückgelafsenen, einmal zu Ehren des neugewonnenen Vaterlandes. Mit einem Kommentar sollen die vorstehenden Briefe nicht beschwert werden/ Nur daran soll kurz erinnert werden, - daß der erste Brief Sachs' erstes Werk, die Uebersetzung und Erklärung der Psalmen begleitete, und' daß eine große- Stelle des-zweiten sichauf a;"sv-w1' v.A-.iu1