Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-25 · Heft 26 (25.6.1897) · p. Seite 305

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228229--53796-3267740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

305 Eine Prinzessin als Hebraistin. Von Dr. M..Kayserling. s ist eigenthümlich, daß beim Wiedererwachen der klassischen Wissenschaften in Deutschland sich verhältnißmäßig viele Frauen, und zwar aus fürstlichen Häusern, mit dem Studium des Hebräischen befaßten: Da finden wir Maria Dorothea, die Gemahlin des Herzogs von Sachsen-Weimar, „welche so weit gekommen war, daß sie die hebräische Bibel nicht blos aufschlagen, sondern auch lesen und verdeutschen konnte". Elisabeth, die Tochter des unglücklichen Friedrich von der Pfalz, verstand ebenso wie Maria Eleonora, die Gemahlin Karl Ludwigs von der Pfalz, der Spinoza eine Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg angetragen hatte, Hebräisch; für Maria Eleonora verfaßte Johann Coccejüs sein Hebräisches Wörterbuch. ^Eine der Bedeutendsten unter diesen fürstlichen Hebraistinnen, welche sämmtlich Zeitgenossinnen der Anna Maria de Schurman,. dieses seltenen „Sternes des Jahrhunderts" waren, war die Prinzessin Antonia, eine Tochter des mit Kindern reich gesegneten Herzogs Eberhard von Württemberg. Ist es auch wohl übertrieben, wenn behauptet wird, „daß sie fertig die schwersten Rabbinen las und, welches noch das meiste, die verborgene Cabbalam so verstand, daß sie denen besten Rabbinen noch weit vorging, oder daß sie manchen darin beschämen konnte", so steht jedenfalls so viel fest, daß sie eine gute Kenntniß der hebräischen Sprache und Grammatik sich angeeignet hatte. Schon im Juli 1649 meldet M. Esenwein, der als Diakonus in Urach lebte und dann in Tübingen lehrte, seinem Lehrer Joh. Buxtorf in Basel, daß Antonia, „nachdem sie einen , guten Grund in der hebräischen Sprache und im Lesen der hebräischen Bibel gelegt, von Begierde brennt, auch die Kunst zu lernen, Unpunktirtes zu lesen", und drei Jahre später schreibt er wieder an Buxtorf: „Die Prinzessin ist von unglaublicher Liebe zur heiligen Sprache entbrannt und hat darin bereits solche Fortschritte gemacht, daß sie den größten Theil einer von irgend einem „Schreiber" mit größeren Buchstaben geschriebenen hebräischen Bibel eigenhändig pnnktirt, auch eine nicht unbedeutende Kenntniß der hebräischen Grammatik sich angeeignet hat." 9 Daß die Prinzessin Antonia, welche nie einen jüdischen Lehrer hatte, sich an dem Studium des Hebräischen in bewundernswerther Weise ergötzte, versichert auch Philipp Jakob Spenzer, der, ebenfalls ein Schüler Buxtorfs, grundgelehrt, aber in seinem exaltirten Wesen zum Pietismus neigte. Während seines zeitweiligen Aufenthaltes in Stuttgart stand er mit der Prinzessin Antonia auf vertrautem Fuße und betrieb mit ihr kabbalistische Studien, wie er selbst, in einem Briefe vom 16. Juli 1662 Buxtorf mittheilt und die Bemerkung hinzufügt, daß sie die Liebe der gelehrten Männer wirklich verdiene. Antonia war eine große Verehrerin Buxtorfs, der seinerseits auch nicht ermangelte, ihr durch seinen bereits erwähnten Schüler, den Professor Esenwein in Tübingen, seine Schriften in Hochachtung unb Verehrung überreichen zu lassen. Nachdem sie das von Buxtorf neuedirte und mit lateinischer Übersetzung versehene religionsphilosophische Werk „Kusari" empfangen hatte, schrieb Esenwein an. Buxtorf den 21. Februar 1661:- „Unsere Antonia hat den sehnlichen Wunsch, Deinen „Kusari" mit dem sehr schön geschriebenen Exemplare zu vergleichen, das der als Prediger unserer Universität und als Kenner des Hebräischer: berühmte Weinmann hinterlassen hat." Es ist das wohl dasselbe Exemplar, welches Reuchlin zu seinem eigenen Gebrauch in Rom gekauft und das 9 Die Quellen s. Jewish Quarterly Review. 9. Jahrg^, Aprilheft. dann der Herzog von seiner Schwester Antonia zum Geschenk er halten hat. . . . Antonia beschäftigte sich, auch, wie bereits erwähnt, mit kabbalistischen Studien; Spuren derselben befinden sich noch jetzt in der königlichen Bibliothek zu Stuttgart. Dort wird ein „Unterschiedlicher Riß zu. Sephiroth" verwahrt, enthaltend kabbalistische Zeichnungen; einige derselben haben, wie der Bibliothekar im Kataloge der Handschriften bemerkt, hebräische und deutsche Deutungen die meisten jedoch keine. Diese Zeichnungen rühren von der Prinzessin Antonia von Württemberg her, welche bekanntlich „an kabbalistischrabbinischer Gelehrsainkeit" ein besonderes Vergnügen fand. Diese Vermuthung wird zur Gewißheit durch einen dem Codex beigefügten Brief, der überschrieben ist: . . . ni’’ba 1» aib© ra ’^a i? 'JYrni’ „Durchlauchtigste, hochgeborene Fürstin, gnädiges Fräulein!" und dessen Schluß lautet: "pitf TV mro “pp n« n eft -D181 'rrw 9Q bvz mp« pm - Zültz (?), den 19. Juli 1653. Pfarrer M. Wilhelm Koch." 9 Die gelehrte Prinzessin wurde von den Geistlichen des Schwabenlandes, welche durch ihr Beispiel zur Erlernung und Pflege, der hebräischen Sprache angetrieben, sowie von hebraisirenden hochgestellten Persönlichkeiten nicht selten in hebräischen Gedichten gefeiert. Ein italienischer Graf, der sich mehrere Jahre in Württemberg aufhielt, Karl Filibert Graf von Candel, dessen Mutter von Geburt eine Jüdin war, und von dem Briefe an die Herzogin Sibylle, Tochter des Herzogs Johann Friedrich von Württemberg,,, noch, handschriftlich vorhanden sind, verfaßte ein Loblied auf die „berühmte Prinzessin Antonia", das Joh. Martin Rebstock, Pastor in Lauffe:y aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt hat. Dasselbe wurde der Kuriosität, wegen Joh. Buxtorf in Abschrift zugeschickt und befindet sich noch gegenwärtig handschriftlich in seiner von der Stadtbibliothek in Base! aufbewahrten Sammlung?) Bis wenige Jahre vor ihrem Tode beschäftigte sich Antonia mit kabbalistischen Studien. Michael Kachs und Moritz Veit an Uarntzagen von Cnse?> Von Ludwig Geiger. I. arnhagen von Ense, Rahels Gatte, der bekannte Diplomat, und Schriftsteller, gehörte Jahrzehnte, von 1820 an bis zu seinem Tode, zu den Mittelpunkten der litterarischen Gesellschaft Berlins. Er war ein vorurtheilsloser, schon durch seine Gattin sowie durch anderen jüdischen Verkehr, besonders auch infolge mancher Wöhlthaten, die er in seiner Jugend von Juden erhalten hatte/ ein 9 Mittheilung des Herrn Rabbiner Dr. Stößel in Stuttgart. 9 Das Gedicht s. lew. tzuart. Review, 1. c. 8) Der Briefwechsel zwischen Michael Sachs und Moritz Veit, der nach meiner ursprünglichen Absicht vollständig oder in größeren Bruchstücken für diese Blätter bestimmt war, kann anderer Verabredung zufolge an dieser Stelle nicht gebracht werden. Doch wird er,'wie Denjenigen, die sich dafür interessiren, mitgetheilt werden mag, im August oder September d. I. vollständig tot Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. erscheinen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.