Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228229--53794-3267738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dieser ivillkürljchen! Verordnungen'verübt! werden, sindunerhört. Fast alle asten und neum jüdischen SchulenBwurden den hygienischen Anforderungen-nicht entsprechend befunden) und um sie gemäß der durch die Verordnung elforderlichen Vorschriften zu gestalten, mußten neue, sehr bedeutende. Ausgaben gemacht werden. , Die jüdischen Lehrer jener Schulendie insgesammt das Gymnasium und Staatslyeeüm besucht Haben und im Besitze eines Diploms als Baccalaurens sind, wurden gezwungen, ein von den Magistratsämtern ausgestelltes Wohlverhaltungszeugniß: vorzulegen, dessen Erlangung, mit außerordentlichen Schwierigkeiten nmd Kosten verbunden ist. Geradezu unerschwinglich aber sind die Pvüfungstaxen (Frs. 31,80),' die. nicht gezahlt werden konnten, was zur Folge hat> daß blos einige Hundert jüdische Kinder, deren Eltern wohlljabend"sind, und noch einige Hundert/, für welche die "Gemeinde oder einige -Vereine die Taxen erlegteiyr das - v orgeschriebene Aüfsteigungszeugniß erlangen konnten,/ während mehr als LODOO jüdische Kinder) für ' die der Betrag nicht erlegt werden konnte/ denn man müßte für ein Schuljahr allein nahezu 700000 Francs in den Staatsschatz >einzahlen — ohne Zeugnisse gehlieben sind. Und diese Kulturthal geschieht in einem Lande, das-civilisirt''und-''freisinnig -zu sein behauptet und sich stolz den Titel: „Das Frankreich des Orients" beilegt. Zehntausend unschuldige Kinder, welche kein anderes Verbrechen begangen haben, als daß-sie Juden sind und bleiben wollen/ werden fürs ganze Leben unglücklich gemacht. In Rumänien besteht ein Gesetz, wonach bei einem Ltaufmann, Gewerbetreibenden w. Niemand, ob Knabe oder Erwachsener) eine-Stelle als Kommis, Lehrling oder als Diener erhalten kann, wenn er nicht zuerst ein Zeugniß, daß er die vier Volksschnlklassen absolvirt hat) und ein vom Direktorat einer öffentlichen Staatsschule ausgestelltes Eertifikat) daß er als Knabe eine öffentliche Prüfung abgelegt und die Taxe-von 126 Frcs. erlegt hat, beibringt.- Dasselbe Eertifikat ist unuuzAänglich nothwendig, um an ein Staaisgymnasium,. eine Staatsgewerbeschule oder in eine andere ähnliche Anstalt zugelassen zü werden. Da nun aber die. zehntausend jüdischen Kinder, welche die Aufsteigungstaxen von 31,50 Frcs. für jede der in den jüdischen Prival schulen zurückgelegten vier Klassen nicht erlegt Haben und die Taxe von 126 Frcs. für die Hauptprüfung aus dem Elementarunterricht nicht zahlen konnten, kein gesetzmäßiges Eertifikat über den Elementarunterricht besitzen, so werden sie folglich überall,- wo sie sich anbietcn, sei es, um sichum eine Stelle zu bewerben, sei es) um ein Handwerk zu erlernen oder um in irgend<eine Schule, einzutreten, abgewiesen werden! ■ Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. sich unsere in Russisch-Polen in den kleinen Ortschaften zusammeligedrüngten Glänbensbrüder noch ernähren, erhalten können, wird immer Allen ein Räthsel bleiben, die noch keinen Einblick in das Weben und Regen der unter dem allerschlimmsten politischen Druck Lebenden .gehabt haben, wo freilich die Gespenster des Elends und der Arnmth mehr als sonst ans einem Flecken der Erde uns entgegentreten, wo aber, auch der Mittelstand ein starkes Kontingent sich zwar schwer,, aber anständig nährender Leute stellt, die bei ihrer Anspruchslosigkeit an das Leben sich einer sorgenlosen Existenz zu^erfreuen haben. Der Handwerkerstand, ist dort besonders stärker vertreten, als wie man sonst anzunehmen pflegt. Wir lasen jüngst in einer historischen Aufzeichnung, daß sich in Polen schon im Jahre 15D einige Tausend Juden als Gold- und Silberarbeiter, Fabrikanten und Handwerker befanden, daß sich viele mit der Buchdmckerknnst beschäftigten. Die. Bedrückung und Ausschließung in den. nunmehr Darüber hingegangenen Jahrhunderten vermochten nicht, sie der Sentenz unserer Alten: ,Me.be die Arbeit", treulos zu machen, .und so sehen wir sie noch heute im Betriebe.des Handwerkes in der verschiedensten Art und nach allen Richtungen hin ihren Lebensunterhalt suchen. Aber auch Charakter ü^MBildNngsgrad dieser Handwerker fällt in die Augen, wenn man das' hebräische Wissen und die altjüdische Vorliebe für das Talmudstndium mit zünden Förderungsmitteln der Intelligenz rechnet. Wie ln dem talmudischen Zeitalter, sehen wir hier die fleißige Ausübung des^« handwerklichen Berufes mit der Beflissenheit im Talmudstudinm Hand in Hand gehen. Hiervon mag eine ims von einem Augenzeugen mitgetheilte, fast drastische Szene ein Beispiel geben. Reb Moscheh ist seinem Gewerbe nach Schmied, aber er ist auch seiner talmudischen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit halber ein wohlbekannter - Dajan in der Gemeinde, zu dem Alles geht, was die Entscheidung über eine Ritualfrage alias Schaälah sucht und begehrt. Reb Moscheh ist also seinem Berufe nach Schmied. AÄ solcher steht er in diesem Augenblick vor dem Ambos und hämmert mit Eifer an einem ^eisernen Wagenstücke. Ihm ^gegenüber befindet sich sein Geselle Jdske, der" die Aufgabe 'hat, mittelst des Blasebalgs das Feuer lebendig zu erhalten: 'Reb Mosche hämmert mit einem Eifer, als ob die übrige Welt für ihn gar nicht existire, als eine Frau in die- Schmiede tritt. Sie trägt in ihrer Hand einen in Papier geschlagenen /Gegenständ, und daß wir es nur bald sagen: es ist ein Gänsemagen, an dem sie etwas Anormales vorgefunden hat. Sie kotnmt, um den Schmiede-Dajan über den Fall zu befragen. Dieser läßt den Hammer für einen Augenblick auf dein Ambos liegen, besieht sich kurz den in Frage kommenden Gegenstand, und ist alsbald im Stande, der Frgu mit ebenso frappanter Kürze wie Bestimmtheit den Bescheid zu geben: „Es ist koscher, Ihr könnt gehen — Joske, blos' weiter." Schon ist der Dajan wieder in den Schmiedemeister ^verwandelt, und die Metamorphose vollzog sich an ihm mit einer Natürlichkeit, als ob solche Vorgänge mit zu den tätlichen, ja stündlichen Erscheinungen gehörten. „Joske, blos weiter!" Werden unsere Leser beim Zurufe an den Gesellen des Schmiedemeisters Reb Moscheh nicht verwundert aufblicken, ebenso sehr überrascht von dein talmudischen Wissen als von dem Eifer, mit welchem er seinem Berufe als Handwerker oblag? „Joske, blos weiter!" — Diese Episode aus dem Leben eines russisch-polnischen jüdischen Handwerkers, der das Vermögen besaß, die verschlungenen Gänge, welche die Rischonim und Achronim bei Behandlung fcerSchäalot ui^ebubot zu dnrchmeffen pflegen, mit kurzem Blicke zu überschauen, giebt uns einen Ueberblick von dem überreichen geistigen Vermögen, welches die Juden im Zarenreiche sich anznsammeln verstehen, aber auch von dem Ernste, mit welchem sie auch ihren weltlichen Berns aufzufassen sich angehalten suhlen. „Joske, blos weiter." — Könnte man. ihn nicht komisch finden, diesen Austritt in der Werlstätte eines Handwerkers, wenn uns nicht zugleich der Gedanke überkäme, was aus solchen Männern geworden wäre,, wenn sie frei und uneingeschränkt die Flügel ihres Geistes hätten entfalten dürfen, unterstützt von. Gelegenheit und Möglichkeit, auch im profanen Wissen das Niveau oer Gewöhnlichkeit zu übersteigen. „Joske, blos weiter." Wenn ein Handwerker nach vorangegangener rein geistiger Thätigkeit in dieser Form seinem Gesellen zur weiteren rein inateriellen beruflichen Arbeit die Anweisung giebt> so erkennen wir, wie gleichwerthig da die sich so diametral gegenüberliegenden Funktionen in dem Manne yßrhanden sind, und wir werden wohl sonst unter den Handwerkern stark zu suchen haben, bevor wir seines Gleichen finden, aber wir besitzen dann jedenfalls den Schlüssel zur Lösung des Räthsels: wie sich die Juden der breiten Masse - in Rußland bei den geringen Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, noch erhalten können. Wir sprachen jüngst einen jüdischen Apotheker ans Rußland und dessen Schwester, eine Zahnärztin. Ersierer hat eine Apotheke im Inneren Rußlands erworben. Letztere ist bereits - beruflich» in xiner Stadtunweit der Grenze -thälig. Beide find Kinder, höchst