Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 fand im festlich dekorirten Marmorsaale die Hauptfeier statt, welche Zeugniß davon ablegte, welcher Achtung und Verehrung sich das Jubelpaar allseits erfreut. Von Nah und Fern hatten sich Angehörige, Befreundete und Gäste in großer Zahl eingefunden. Die Feier begann mit einem Festgesang, vorgetragen vom hiesigen Synagogen-Chor unter Leitung des Herrn Direktor Dr. Niesten. Namens der erschienenen Deputation des Synagogen-Gemeinde-Vorstandes und des Repräsentanten-Kollegiums brachte darauf der stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes, Herr Kaufmann L. Mathias, in herzlichen Worten dem Jubelpaare, die Glückwünsche der gesammten hiesigen Gemeinde dar. Hierauf ergriff Herr Rabbiner Dr. Rippner das Wort zur Festrede, an die sich die feierliche Einsegnung schloß. In beredten Worten schilderte er die Vorzüge des Jubelpaares, ganz besonders dessen Frömmigkeit, Edelsinn und rastlose Thätigkeit bis zum heutigen Tage. Alsdann überreichte Herr Dr. Rippner die von Sr. Majestät dem Kaiser allergnädigst gestiftete goldene Ehe-Jubiläums-Medaille nebst einem diesbezüglichen Anschreiben. Die Medaille trägt die Inschrift: „Seid fröhlich in Hoffnung, Geduldig in Trübsal, Haltet fest am Gebet." Mit einem nochmaligen Gesangs-Bortrage des Synagogen-Chors schloß die erhebende Feier. Glückwünsche in Brief- und Depeschenform, Blumenspenden sowie Aufmerksamkeiten verschiedenster Art trafen in reicher Fülle ein. Die Armen aller Konfessionen wurden aus Anlaß des Festes reichlich bedacht. s. Paderborn, 13. Juni. In heutiger Zeit, wo es gewisse Leute giebt, die, obwohl sie selbst dem Judenthum entfremdet sind, dennoch für die krasseste Form der Orthodoxie plädiren und mit allen möglichen Mitteln selbst gegen eine gemäßigte Reform ankämpfen, berührt es wirklich angenehm, wenn man sieht, daß es Gemeinden giebt, in denen der religiöse Sinn trotz einiger Reformen nicht abgenommen, sondern sich gehoben hat. Eine solche beneidenswerthe Gemeinde ist die der Universitätsstadt Göttingen. An jedem Sabbath ist die schöne Synagoge sehr gut besucht, und nur vereinzelt verläßt einer der Andächtigen dieselbe vor Schluß des Gottesdienstes. In Herrn Rabbiner Dr. Jacob besitzt die Gemeinde einen mit Lust und Liebe in seinem schweren Amte wirkenden Seelsorger, in Herrn Lehrer Fabisch einen ausgezeichneten Vorbeter. Auch einer vorzüglich geleiteten Rckigionsschule erfreut sich die Gemeinde. Unter den Vereinen daselbst ist besonders der Abwehrverein rühmend hervorzuheben, in dem kürzlich Professor Dr. M. Heyne, der berühmte Germanist, einen höchst interessanten Vortrag über die Befruchtung unserer deutschen Muttersprache durch die hebräische Bibel gehalten hat. Möchte ferner die Religiosität in der Musenstadt gewahrt werden, möge die Gemeinde und vor Allem der Kultus vielen anderen zum Beispiel dienen. R. Aus Baden, im Juni. Am 1. d. M. wurde in Wenkheim, Amt Wertheim, Herr Religionslehrer Hosmann nach mehr denn fünfzigjähriger Thätigkeit am dortigen Orte durch Herrn Bezirksrabbiner Dr. Löwenstein-Moßbach in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Zur Feier waren außer der jüdischen Kultusgemeinde noch der Bürgermeister, der Ortsgeistliche, die Volksschullehrer und die jüdischen Nachbarkollegen erschienen. Es ist dies der erste Fall, daß ein Religionslehrer vom Großh. Oberrath der Israeliten durch eine jährliche Pension bedacht wird. Dieser Fortschritt in der materiellen Besserstellung des Religionslehrers, der von der eifrigen Fürsorge der obersten Religionsbehörde für die ihr unterstehenden Lehrer beredtes Zeugniß abgiebt, wird darum in der badischen Lehrerwelt mit Freuden begrüßt. Wenn auch das Ruhegehalt vor der Hand noch sehr dürftig ist, so daß der an Entbehren gewöhnte Lehrer in seinen alten Tagen nicht mehr übermüthig werden kann, so sind die Religionslehrer doch von ganzem Herzen ihrer Oberbehörde dankbar für diesen Akt des Wohlwollens und geben sich der angenehmen Hoffnung hin, daß der Großh. Oberrath der Israeliten mit Einverständniß der Synode die Pensionsverhältnisse noch weiter regele, damit auch der jüdische Kultusbeamte mit einem weniger sorgenvollen Blicke der Zukunft entgegensetzen darf. r. München, 14. Juni. Daß ein Zionistenkongreß Hierselbst Ende August stattfinden soll, hat die Münchener Judenschaft durch jüdische und besonders durch antisemitische Zeitungen erfahren. Letztere begrüßen ihn mit Freuden, und fie wünschen nur, daß er eine recht lebhafte Betheiligung und recht viel Zustimmung finden möge. — Hier in München hat der Antisemitismus gottlob noch nicht Wurzel gefaßt; die Gerechtigkeit der Regierung, der gesunde Sinn der Bürger wie das wackere Eintreten der Judenschaft erstickten dse drohende Gefahr stets im Keime. Alle Versuche von Wien aus, wie die Hetzreden von Lueger und Genossen, und alle Bemühungen deutscher antisemitischer Agitatoren, hier Zwietracht zu säen, blieben erfolglos. Die antisemitische Partei in München ist fast verschwindend und fristet ein kümmerliches Dasein. Es ist dagegen eine Freude, wahrzunehmen, welche Eintracht hier unter den Konfessionen herrscht, mit welcher Treue die Juden an ihrem Herrscherhause hängen, mit welcher Hingebung sie darin wetteifern, sich dem Wohle des Vaterlandes zu widmen. Um so schmerzlicher war die hiesige jüdische Gemeinde daher berührt, als sie plötzlich von der Einberufung eines Zionistenkongresses in München Kunde erhielt, der zur Tendenz hat, dem Judenthum den Stempel einer besonderen Nationalität aufzuprägen. Unsere etwa 8003 Seelen zählende Gemeinde, in welcher drei verschiedene religiöse Richtungen vertreten sind, zählt, soweit bekannt ist, auch nicht einen Einzigen unter sich, der den Bestrebungen der nationalen Zionisten irgend welche Sympathien zuwenden würde, und die Beunruhigung ist wohl zu verstehen, mit der man dem geplanten Kongresse entgegensieht. Hier herrscht nur eine Stimmung: man müsse die zionistischen Bestrebungen mit allen Mitteln bekämpfen. Hoffen wir, daß der Friede, der bisher zwischen den verschiedenen Konfessionen gewaltet hat, nicht durch unsere eigenen Glaubensgenossen gestört werde; es ist traurig, wenn in unserer eigenen Mitte Leute aufstehen, die unsere Vaterlandsliebe, unsere Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität antasten wollen. Die Zionisten können es nicht verantworten, daß sie durch ihre utopistischen Bestrebungen auch jenen idealen Unternehmungen schädlich werden können, denen jedes jüdische Herz entgegenschlagen muß, der Förderung der Ackerbaukolonien in Palästina. Sie richten eine Verwirrung an; denn es giebt Viele, die sich jetzt auch von diesem edlen Werke zurückziehen wollen. Es wird Zeit und Mühe kosten, bis Alle einsehen werden, daß die Unterstützung der Ackerbaukolonien in Palästina zu den edelsten Aufgaben der modernen Judenheit gehört, und daß dieselbe mit der nationalen Idee nichts zu khun hat. Herr Rabbiner Dr. Werner thut im Verein mit der Kultusverwaltung alles, was unter obwaltenden Verhältnissen zu thun ist, und wir wollen hoffen, daß die Bemühungen von Erfolg begleitet sein und die Veranstalter des Kongresses selbst einsehen werden, mit welchen Gefahren der Kongreß in München verknüpft ist, und diesen von hier fernhalten werden. Durch eine offizielle Kundmachung in den „Münchener Neuesten Nachrichten", dem in Baiern am meisten verbreiteten Blatte, ist auch dafür gesorgt, daß die christliche Bevölkerung in Kenntniß davon gesetzt ist, wie hier in der jüdischen Gemeinde über den Zionismus gedacht wird. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" berichten wie folgt: „In einer Reihe von Zeitungen wird berichtet, daß am 25. August 1897 in München ein allgemeiner Zionistenkongreß stattfinden soll. Von maßgebender und offizieller Seite wird uns nun hierzu Folgendes mitgetheilt: Der sogenannte nationale Zionismus ist eine utopistische Bestrebung, die, in jüngster Zeit entstanden, von einem Judenstaate in Palästina träumt, und die nur dort Anhänger findet, wo die Juden den Verfolgungen und wüsten antisemitischen Verhetzungen ausgesetzt sind, wie in Rußland, Rumänien, Wien. Die deutschen Juden sowie der bei Weitem größte Theil der Judenschaft überhaupt weisen solche Bestrebungen weit von sich und halten sie für Phantasien, die, durch krankhafte Zustände erzeugt, ebenso schnell verschwinden werden, wie sie gekommen sind. Von diesen Phantasien sind vollständig zu trennen jene edlen Bestrebungen, die besonders die verfolgten russischen Juden durch Anlegung von Ackerbaukolonien in Palästina und Amerika zu Bauern und Handwerkern erziehen wollen. Bemerkenswerthe Erfolge sind auf diesem Gebiete bereits erzielt worden. Es ist selbstverständlich, daß der nationale Zionismus von dem bei Weitem größten Theile der Judenheit auf das Energischste bekämpft wird. Der Jude fühlt sich eins mit seinem Vaterlande und geht in der Nationalität des Volkes auf, in dessen Mitte er lebt. — Ob ein Kongreß der nationalen Zionisten, wie er in den Zeitungen gemeldet wird, thatsächlich hier staitfinden wird, ist in maßgebenden Kreisen noch nicht bekannt. Weder dem Münchener Rabbinat noch der hiesigen israelitischen Kultusverwaltung ist eine authentische Nachricht darüber zugegangen, und beide sind mit der gesammten israelitischen Bevölkerung Münchens darin einig, daß die national-zionistischen Bestrebungen dem Geiste des Judenthums