Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-18 · Heft 25 (18.6.1897) · p. Seite 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228228--53784-3267727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Wird sich der ganze Gemeinderath in corpore betheiligen?" fragte der Herr Doktor, „und werden auch die Herren Beamten dabei erscheinen?" „Darüber kann ich jetzt noch keine Auskunft ertheilen," bemerkte' der Gemeinderath lächelnd. „Ich wollte nur wissen, was Jhr^ religiösen Gesetze darüber vorschreiben, soweit unsere Theilnahme im Betracht kommt." „Ich werde die Trauerrede halten," erwiederte der Herr Doktor selbstbewlißt, „und werde mich bemühen, der großen Gelegenheit undder vornehmen Zuhörerschaft gerecht zu werden." „O, mein Mann spricht bei solchen Gelegenheiten so rührend!" siel hier die Frau Doktor ein. „Ichzweiflenicht daran. Ich hatte selbst schon -einmal das Vergnügen, den Herrn Rabbiner predigen zu hören," bemerkte der Gemeinderath verbindlich. „Ich wollte nur wissen, ob sich der Gemeinderath und die sonstigen Korporationen, die an der Beerdigung theilnehmen werden, in Ihrem Tempel versammeln sollen, oder wo sie sonst Ausstellung zu-nehmen haben." . * „Es ist bei uns sonst nicht üblichi" bemerkte der Herr Doktor nachdenkend, „im Tempel eine Todtenfeier zu veranstalten, aber —" „In einem solchen Falle," fiel die Frau Doktor ein, „wenn so viele vornehme Trauergäste anwesend sein werden, kann man schoneine Ausnahme machen. Eine Predigt hört sich von der Kauzes ganz anders an." „Ich bin gerne zu Konzessionen an ton Zeitgeist bereit," sagte der Rabbiner mit Feuer, „aber wir haben in der Gemeinde noch einige Dunkelmänner vom alten Schlage, die bei solchen Gelegenheiten immer Opposition machen." 5 . . „Ja, wir haben einige solcher alter Zöpfe," bemerkte die Fraiu Doktor lebhaft, „diesich allem Modernen, das mein Mann befürwortet, widersetzen, aber die Aufgeklärten halten es mit ineinenl Manne: sie wissen, was sie an ihm besitzen." . „Ich wünschte, daß unsere Geistlichen Helrathen dürften," sagte der Gemeinderath lächelnd. „Die Ehe. würde sie liberaler machen.,. Bei Ihnen ist der Rabbiner liberal und die Gemeinde konservativ; bei^ uns ist es umgekehrt." „O, der Herr Gemeinderath sind sehr gütig," sagte die Frau Doktor, indem sie sich mehrmals verbeugte. „Willst Du wissen, sich ziemt, frag' bei edlen Frauen an, sagt Schiller." Der Herr: Gemeinderath begann ungeduldig zu werden. „Die. Sitzung findet um fünf Uhr Nachmittags statt," sagte er, indem er sich erhob. „Wann kann ich Euer Ehrwürden Entscheidung erfahren?" „Sie wollen schon gehen, Herr Gemeinderath," sagte die Frau Doktor bittend, „uud Sie haben doch noch gar nicht von meiner „Hausbäckerei" gekostet!" „Ich bitte vielmals '.um Entschuldigung," erwiederte der Angeredete „aber ich habe, wie Sie begreifen werden, heute dringende Geschäfte." „Es thut mir leid, daß der Herr Gemeinderath so in Eile sind," sagte der Rabbiner. „Ich will gleich nach Tisch die Gemeiude- Nepräsentanz einberufen und dann sofort Bescheid sagen. Wo werde, ich den Herrn Gemeinderath treffen?" - „Ich will spätestens um zwei- Uhr in der Kanzlei des Bürgermeisteramtes sein. Euer Ehrwürden müssen sich nicht persönlich bemühen. Schreiben Sie nur in ein paar Zeilen, welche Entscheidung Sie getroffen haben." „Heute, am Samstag?" stammelte der Herr Doktor. „O. ich bitte vielmals um Entschuldigung. Darau hatte ichvergessen," betheuerte der Geaneinderath. „Sie können mir ja Ihre Ejltscheidu-ng durch Ihren Gemeindediener mündlich bestellen lassen."-- „Bitte,. bitte sehr," replizirte -der Herr Rabbiner.' „Ich will schon selbst'kommen. Der Herr Gemeinderath wißen, ich bin immer zu Konzessionen bereit, aber man muß den Vorurtheilm Rechnung tragen." ' . Der Herr Gemeinderath entschuldigte sich für die Störung, die er. verursacht habe; die Frau Doktor machte einen letzten, aber vergeblichen Versuch,' ihre Hausbäckerei zu. empfehlen, der Herr Doktor begleitete den Besucher vor die Hausthür, wo erstehen blieb, nach allen Seiten Umschau haltend, ob die Nachbarschaft und die Gemeinde auch sehe, wie der Respekt vor ihrem geistigen Oberhaupte über die Grenzen des religiösen Bekenntnisses in die weite Welt gedrungen sei, und als er dann im Hochgefühle eines nach langem Ringen zur Anerkennung gelangten Genius in seine Stube trat, sagte er zu seiner von gleichem Hochgefühle beseelten Ehefrau: „Es nützt doch nichts. Respekt vor der Religion, müssen wir von den Christen lernen." Und darin hatte der Herr Doktor Recht! Die Juden sind in ihrem religiösen Verfassungsleben Demolraten. ja Anarchisten. All die Autorität des Geistlichenhaben sie sich trotz aller Versuche, bischöfliche Verfassung bei ihnen einbiirgern -zu wollen, nicht gewöhnen können. Heute wie zu den Zeiten, von denen der Midrasch berichtet, blicken sie kopfschüttelnd ihrem Moses nach, wenn er das Heiligthum betritt. . Diese Erfahrung mußte Herr Doktor Kriegsfelder in der Gemeindesitzung, welche er am Nachmittag einberufen ließ, von Neuem machen. Seine Argumente, daß inan bei außerordentlichenGelegenheiten, wenn es sich um einen ,/Kiddusch haschem", lim eine würdige Repräsentation des Judenthnms nach außen handele, von der Tradition abweichen dürfe, stießen durchweg auf taube Ohren. Der Jude ist im Ällgenleinen konservativ, und ganz besonders in allem, was mit den Gesetzen über Tranerfeierlichkeiten znsammenhängt. Der Einzige, welcher dem Rabbiner unbedingte Heeresfolge leistete,, war Ignaz Rosenfeld. Der Verstorbene, behauptete er, habe es um die -Gemeinde verdient, daß man. ihm zu Ehren eine Ausnahme machen solle, und'es sei an der Zeit, daß man den'Christen zeige, daß auch der Jude Sinn für Ordnung habe und sich würdig repräsentiren könne. Er, Rosenfeld, bürge dafür, daß er als Ordner inl Stande sei , zu zeigen, daß die Judenschul' ein Ding der Vergangenheit sei. Im Uebrigen sei er der Ansicht des Herrn Rabbiners, daß die alten Gesetze für die geänderten Zeiten nicht mehr Passen. '' „Hast Du das alles ln der „Kammerzahlwiffenschaft" auf der Handelsschule gelernt?" fragte^Scholern Hirsch. in seinem gewohnten Humor. „Mit Ihnen kann ich, was jüdische Gelehrsamkeit betrifft, noch einen Vergleich allshalten," war Rosenfelds in gereiztem Tone abgegebene Replik, . •" ■ ' ‘ „Der Unterschied ist nur," bemerkte Scholem kühl, „daß -ich nichts darein rede, wo ich nichts davon verstehe. Die Ehewra wird halten, wie es das Gesetz bestimmt. Wenn Reb Bär sagt, es darf sein, bin ich zufrieden." f „Wozu' haben wir den Herrn Rabbiner?" brauste Ignaz auf, obwohl er sonst als Liberaler gegen alle geistliche Bevormundung zu donnern pflegte. „Der Herr Rabbiner ist unsere Kapazität." „Dü hast Dein „Narrenkappiiät", das weiß man ohnehin," bemerkte Scholem kühl. „Du brauchst das nicht so herauszuschreien. Es kommt nicht so viel an Dich. Laß andere Leute. auch etwas' reden." . Reb Bär, der-bis dahin still dagesessen hatte, nahm nun, von mehreren der Anwesenden anfgefordert, das Wort. Der Herr Rabbiner weiß so gut wie ich," sagte er, „daß das Gesetz nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.