Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228228--53783-3267726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
297 Liebe und Neigung dazu, die Kraft, und den Willen hat,, den Beruf zu erfüllen, den er frei gewählt. Ich, — ich fühlte es deutlich, — mußte dabei geistig und körperlich zu Grunde gehen. Meine bitteren und schmerzlichen Empfindungen wurden, durch die Begegnung mit dem Sohne jenes Mannes noch erhöht. Louis B., ich will den Namen nicht nennen, war in gleichem Alter mit mir; aber während ich in Obersekunda war, drückte er noch die Bänke von Untertertia. Trotz seiner sprichwörtlichen Faulheit und Talentlosigkeit sollte er selbstverständlich studiren. Bei dem reichen Jungen spielte es ja gar keine Rolle, wann er sein Abitnrientenexamen machte. Ein Ausspruch seines Vaters war in der Stadt bekannt und zum geflügelten Worte geworden. „Um Kaufmann zu werden, ist inein Junge viel zu dumm. Er würde das Geld, das meine Eltern und ich erworben, an falsche Spekulationen wegwerfen und entweder von Anderen betrogen werden oder ohneseine Absicht Andere betrügen. Von einem Brodstudiuni kann bei ihm auch nicht die Rede sein, aber endlich wird er es so weit gebracht haben, daß er den Doktortitel bekommt; — für den Sohn des reichen B. ist das genügend, — folglich soll er studiren." Nie hatte ich bisher Neid gegen die Reichen empfunden; aber in diesem Momente machte ich die ganze Skala heftiger, ja böser Empfindungen durch. Die Ungerechtigkeit, die auf Erden herrscht, war mir nie so kraß erschienen als in dem Augenblicke, wo Lollis B— an der Seite seines Hauslehrers an mir vorübergiilg; ein Killd des Reichthums und des Glückes, getragen von der Gunst des Schicksals, sorglos, übermüthig, ohne das Bewußtsein des eigenen Nichts zu haben. D, wie ich diese Leute haßte. — Nicht nur den Einen, nein Alle, Alle! Sie hatten, wie ich damals, vielleicht ungerecht, urtheilte, kein Herz für die Armen. — Wenn sie auch von ihrem Ueberfluß etwas hiugeben, so ist es ja kein Opfer; sie brauchen deshalb nichts zu entbehren. Um das Elend des Einzelnen kümmern sie sich nicht; Thränen rühren sie nicht. Unwillkürlich trat das sanfte Bild meiner Mutter vor das geistige Auge. Wie oft hatte sie den letzten Bissen Brod mit Denen getheilt, die ihr noch ärmer erschienen waren als sie selbst. Wie-oft noch, bis spät in .bie Nacht hinein, ein altes Kleid der Schwester, das dieser zu eng und zu kurz geworden, einen Rock von mir ausgebessert, um ihn einem Kinde zu schenkell, das seine Blöße nicht bedecken konnte. Wie oft ihre eigene, ach so geringe Kraft in den Dienst von Leidenden gestellt, die der fremden Hilfe bedurfte!:, aber die Mittel nicht hatten, sich solche zu verschaffen. Meine Schwester und ich hatten . es frühzeitig gelernt, daß Wohlthun die' größte Tugend sei, — zu gleicher Zeit aber auch zu uuterscheiden zwischen Wohlthat und Wohlthun. „Oft kann eine sogenannte Wohlthat bitter, weh thun," sagte meine Mutter, „darum kommt es darauf an, wie nian eine Wohlthat ausübt. Solltet Ihr je in die glückliche Lage kommen, Gutes thun zu können, dann zieht Euer Herz, Euer Gefühl mehr zu Rathe als den Verstand. Lieber eiiiem Unwürdigen etwas zu Liebe thun. als einen Würdigen zur Verzweiflung bringen." * Vielleicht hatte diese so oft gehörte Theorie über das Wohlthun, die bei uns leider nur in geringem Maße praktisch ausgeübt werden konnte, mir den Muth gegeben, jenen so oft hoch gerühmten Mann aufzusuchen. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Siebenunddreißigstes Kapitel. Moderne Leichen sch ander. Unsere Seele wendet sich mit tiefem Abscheu von dem Leichen- [l, räuber. Die Majestät des Todes und die Hilflosigkeit des entseelten Körpers erfüllen uns mit dem Gefühle der Theilnahme und der Ehrfurcht in solchem Maße, daß unsere volle Entrüstung sich gegen Diejenigen kehrt, welche, unberührt von allen edlen Regungen, ihrer Habsucht und Rohheit im Angesichte des Todes keine Zurückhaltung auferlegen. Und doch wie geringfügig erscheint das Verbrechen der armen Teufel, welche auf Schlachtfeldern, oder auf dem Schauplatze einer Massenkatastrophe die Leichen jener Werthsachen berauben, die für den Besitzer jeden Werth verloren haben; wie geringfügig das Verbrechen jener Auswürflinge der. Gesellschaft. welche um erbärmlichen Lohnes willen eine Leiche dem Grabe entziehen, um sie dem Messer der Airatomen zu überliefern, gegenüber jener heuchlerischen Ostentation des Mitgefühls, die aus dem Tode Kapital schlägt, dessen Zinsen zur Selbstverherrlichung dienen. Die Beerdigung eines Mannes, der eine in jüdischen Kreiser: seltene, im Orte noch nie dagewesene gesellschaftliche Stellung eingenommen hatte, war von solchen Erscheinungen begleitet. Die anderthalb Jahrtausende alte Entrechtung des Judenthums hat als das schlimmste von vielen Uebeln den Mangel an Selbstachtung zurückgelassen, und vor: einem Nichtjuden beachtet-oder gar ausgezeichnet zr: werden, gilt Vielen .als das erstrebenswertheste Ziel. Ganz besonders ist der an und für sich begreifliche Wunsch, den verachteten jüdischen Gottesdienst in würdiger Weise vor Nichtjuden zu demonstrireu, der Anlaß zu vielen Schwächen geworden. Am Sabbathmorgen nach dem Gottesdienste fand Herr Rabbiner Dr. Kriegsfelder in seiner Wohnung den Gemeinderath Köhler, der schon eine geraume Weile auf ihn gewartet hatte. Herr Dr. Kriegsfelder war ganz außer sich über die hohe Ehre und bat tausendmal um. Entschuldigung, daß er auf sich habe warten lassen und daß.er. einen so hohen Gast um Entschuldigung bitten müsse, bis er seinen Talar abgelegt haben werde. Der Herr Gemeinderath - betheuerte seinerseits, daß es ihm sehr leid thue, zu so ungelegener. Zeit gekommen zu sein, und bat Seine Ehrwürden, sich nicht im Geringsten einen Zwang aufzuerlegen. Frau Dr. Kriegsfelder erschien mit einem Glase Wein und einem Teller Kuchen und drang irr den Gast, der ihr die Ehre des Besuches angethan habe, etwas von ihrer „Hausbäckerel" zu versuchen. „Ich könnte mir einbilden," bemerkte der Gemeinderath, „daß ich als Engel zu Vater Abraham zu Besuch gekommen sei. Ich muß leider ablehnen, da ich gerade mein Gabelfrühstück eingenommen habe." Frau Dr. Kriegsfelder, einigermaßen über den Mangel an Interesse gegenüber ihrer „Hallsbäckerei" verstimmt, begann gerade, ihrem tiefen Schmerze über das traurige Ereigniß Ausdruck zu gebe,:, als ihr Gatte in seinen: Sabbathrocke eintrat unb noch einmal seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß er einen so werthen und seltenen Gast so lange habe warten lassen müssen. „Ich kan:," begann der Gemeinderath, ohne diese Entschuldigung weiter zu beachten, „um anläßlich des traurigen Todesfalles des Herri: Bürgermeisters Schwarzmanu mit Euer Ehrwürden die nöthigen Verabredungen Wege:: der Leichenfeier zu treffen, da ich am heutigen Nachmittag in der Gemeinderathssitzung darüber berichten muß." . A