Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-18 · Heft 25 (18.6.1897) · p. Seite 296

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228228--53782-3267725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

296 blos theoretisch, sondern auch im praktischen Alltagsleben ein fait aceompli. Daher kommt es auch, daß der englische Staatsdienst allenthalben in England den eingeborenen Juden . offen steht, und daß Letztere verschiedene hohe Aemter zu ihrer eigenen Ehre und zur allgemeinen Zufriedenheit bekleiden. Am Beginne des jetzigen Jahr-,, Hunderts würde es als Märchen geklungen haben, wenn Jemand erzählt hätte, daß der Lordmayor von'London ein Jude sei, und doch' ist dies in'diesem Jahre schon zum dritten Male eine wikliche Thatsache. Ist es nicht eine feine Ironie des Zufalls, von der die Antisemiten auf dem Kontinente Notiz nehmen mögen, daß nämlich ein Jude der Bürgermeister der größten Stadt der Welt und zugleich auch eine der Hauptpersonen bei der Feier des Diamanten-Jubiläums der Königin Victoria sein soll? Ja, noch mehr. Sowohl tte' Königin selbst als auch verschiedene Mitglieder der königlichen Familie beehren hier und da jüdische Magnaten in England mit ihrem Besuche und beweisen dadurch, daß sie an dem Grundsätze: „Ehre dem Ehre gebühret", festhalten, ohne auf das Religionsbekenntniß; des Empfängers solcher Ehre die geringste Rücksicht zu nehmen. Folgende kleine Erzählung aus der Regierungszeit der Königin Victoria ist charakteristisch genug, um diesen Artikel paffend zu beschließen. Vor einigen Jahren kam ein im weiten Osten regierender Potentat, der unter dem britischen Protektorate steht, besuchsweise nach London. Während seiner Reise und während seines kurzen' Aufenthaltes in der englischen Metropole hatte dieser halbwilde Regent vielfach Gelegenheit gehabt, Englands Macht und Größe zu Land und zur See in Augenschein zu nehmen und zu bewundern. Als er eines Tages zur Audienz bei der Königin Victoria war> frug er sie in seiner natürlichen naiven Weise, wodurch sie eigentlich zu. dieser staunenswerthen Größe und Weltherrschaft gekommen sei.'IUnd mit einem milden. Lächeln und ftummer Miene wies darauf die Königin auf ein goldverziertes Buch hin, daß auf einem der niedlichen Tischchen in ihrer nächsten Nähe lag. Das Buch war — die Bibel. .il-II- —■■ ■ -II—II- UMMWMMWWWUWIiM CT iimiwn mutier wmmm i 1 FEUILLETON 1 * i gginm;yiinn ESMitaOffifF .-1 I—I MUMM MMNM MUMM MMkMMllMWMiMMMlMMsMlMMiMMMMIIiMMMiMMM ix I-^- l—-l I- Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) n unserer Stadt lebte ein sehr reicher Glaubensgenosse, der sich durch Wohlthaten einen Rainen verschafft. Er hatte verschiedene Stiftungen gegründet, und sein Name prangte stets mit bedeutenden Summen cuif den Wohlthätigkeitslisten. Zu seilten Stiftungen gehörte auch eine Anstalt, in der elternlose Knaben Aufnahme fanden; sie wurden dort genährt, gekleidet und für ihren künftigen Beruf vorbereitet. Dort konnte mir geholfen werden. An meiner Aufnahme zweifelte ich ebenso wenig, wie an einem gütigen Entgegenkommen des so oft gerühmten Mannes, der ja mein Streben und Ringen nach einem schönen, großen Ziele begreifen und billigen mußte. Mit meinen Zeugnissen ausgerüstet, wanderte ich denr großen/ eleganten Gebäude zu, in welchem jener Herr wohnte, und da ich seine Sprechstunde innegehalten, so wurde ich auch in sein Arbeitszimmer, in dem er sich befand, geführt. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, als er, sich von' seinem Platze erhebend, auf mich zutrat und, mich vom Kopfe zum Fuße meffend, gleichgiltig, kühl fragte: „Wer bist Du, und was willst. Du von mir?" Seine Augen schweiften von mir weg, während ich leise und schüchtern meine Bitte vortrug. Als ich geendet, sah' er mich ein paar Minuten durchdringend an, dann klang es hart, eisig kalt aus seinem Munde: „Du leidest wohl ein wenig all Größenwahn, Junge. Handwerk hat einen goldenen Boden, und was Dein Vater war, sollst Du auch werden. Weil Du kein Faulpelz bist und leicht lernst, bildest Du Dir ein, es stecke etwas Großes in Dir. Wir haben genug arme Gelehrte, daß Gott erbarm, aber an tüchtigen Handwerkern da fehlt es. Gieb die großspurigen Pläne auf. verlasse das Gymnasium, wenn Du das Schulgeld nicht bezahlell kannst, und tritt in die Lehre bei irgend einem Handwerker. Möglich, daß Dir alsdann das Kuratorium aus meiner'Stiftung eine Unterstützung gewährt. Welm ich mich auch noch um Einzelne bekümmern sollte, dann hätte.ich viel zu thun!" brummte er vor sich hin. „Eine Chuzpe (ein jüdisches Wort für unverschämt, erklärte Klein) von dem Jungen! Für Deine ehrgeizigen Pläne," fuhr er rauh fort, „habe ich kein Verständniß. Es ist ein Unsinn, ohne eigene Mittel studiren zu wollen. Das geistige Proletariat noch zll vermehren. Daß jetzt auch Alles, Kreti und Pleti, emporsteigen will. Natürlich will luan sich dabei auf fremde Schulteril stützen, da erklimmt sich eine Höhe leicht. Thorheiten und Unverschämtheit rühren mich nicht; verstanden? So, nun kannst Du gehen. Mein .Prinzip ist, Schuster bleib bei Deinem Leisten. Arbeiterkinder sollen wieder Arbeiter werden, verstanden? Fühlst Du Dich als etwas Besseres als Dein Vater, so beweise es, indem Du Dich durch eigene Kraft emporschwingst. Adieu." Er drehte mir den Rücken zu; meine Thränen zurückdrängend, verließ ich eilig das Zimmer und das Haus des reichen Mannes. O, wie anders hatte mir das Bild dieses von Vielen gelobten, von Vielen bewunderten Mannes vorgeschwebt. Wie anders hatte ich mir in meiner jugendlichen Naivetät den Ausgang dieser Szene gedacht. In heftigem Zwiespalt mit mir, — die harten Worte des Mannes hatten ihn in mir erweckt, — irrte ich stundenlang umher, ehe ich den Muth fand, zu den Meinen zurückzukehren. Also der Arme hatte gar kein Recht, nach der geistigen Höhe zu streben? Hatte jener Mann vielleicht Recht, wenn er mich in die niedere Sphäre, in der ich geboren, zurückstieß? War der Weg, den er mir zeigte, der einzig passende für mich und Meinesgleichen? Betrog mich die innere Stimme, die mir immer und immer wieder zuraunte, ich dürfe den Muth nicht sinken lassen, — endlich würde ich doch noch das hohe Ziel, - das ich mir gesteckt, erreichen? Handwerk hat einen goldenen Boden! — Ich mußte bitter auflachen, als ich des Wortes gedachte, welches der reiche Mann mit . solcher Emphase gesprochen. Wo war bei uns der goldene Boden? Tag und Nacht hatte sich der arme Vater mit der ihm ver-. haßten Arbeit gequält, — bis er, jil Tode gehetzt, die Augen zürn ewigen Schlummer schloß. Und ich sollte nun dieselben Bahnen gehen? Meine geliebten Studien aufgeben, um mit Widerstreben einen mir durch die Noth anfgedrängten Beruf zu ergreifen? Nimmermehr! O, gewiß hat das Handwerk einen goldenen Boden, doch nur für Denjenigen, der 2i zu im du Lo mi Bi Tl sei zu m< El en Ai die er da in El wc Lo eir de< Ni Al Hk hu en: Tl Sei btt bis bis un koi vo M da au eil „d S, da sto W btt kol au

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.