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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-18 · Heft 25 (18.6.1897) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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Um mit den „Sephärdim". den Repräsentanten der ältesten spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, anzufangen, so'hatten diese voretwa sechzig Jahren nur eine einzige Synagoge in ganz England. Jetzt besitzen sie fünf Synagogen, nämlich drei in London, und je eine in Manchester und Ramsgate. Was den Ritus derselben anlangt, so scheint er sich seither nur wenig geändert zu haben, höchstens daß! in neuester Zeit regelmäßige religiöse Vorträge des Gottesdienstes an Sabbath- und Festtagen abgehalten werden, was früher wohl nicht der Fall gewesen sein dürfte. ' Ebenso war damals die Zahl der Gotteshäuser in London und in den Provinzialstädten, die von sogenannten „Aschkenasim" besucht waren,'sehr gering. Abgesehen vom Aeüßeren derselben, das meist wenig Anziehendes hatte, war der Ritus des Gottesdienstes noch fast gerade so, wie er in kleinen polnischen oder russischen Gemeinden noch jetzt häufig anzutreffen ist. Was man heutzutage die „Judenschule" spottweise nennt, das waren damals die fraglichen jüdischen. Gotteshäuser, indem man darin lärmte und tobte, klopfte und heulte und nach echt polnischer Sitte die „Mitzwos" laut versteigerte. Religiöse Vorträge würden in der Regel von dem damaligen Chief Rabbi nur zweimalim Jahre gehalten, nämlich am „Sabbath Ha-gadol" und am „Sabbath Teschuba", und zwar waren deren Inhalt und Sprache nur wenigen Zuhörern verständlich, obschon sie in der dicht vergitterten Weibergalerie viele Seufzer und Thräneu erpreßten. Womöglich schlimmer ging es noch in den Provinzialsynagogen zu, wo jeder unwissende, hergelaufene „Schächter" die Ritualien versah und all die verschiedenen Gemeindeämter meist in eigener Person verwaltete. Die Berufung des seligen Dr. M. N. Adler als Chief Rabbi Nach London, welche gegen Ende der ersten Hälfte des jetzigen Jahrhunderts erfolgte, und seine. darauf folgende langjährige Thätigkeit als geistiges Oberhaupt der großen Majorität der Juden in England verursachten verschiedene Aenderungen zum Besseren, nicht allein im Kultus, sondern auch in manchen anderen Dingen, die aufs Judenthum Bezug haben. Ebenso, war und ist dessen gelehrter Sohn und Nachfolger im Amte, Dr. Herrmann Adler, stets bemüht, die höheren Jntereffen des letzteren im ganzen britischen Reiche durch Wort und ' That zu fördern, . und diese seine Bemühungen haben bisher die besten Resultate gezeitigt. Augenblicklich befinden sich in London und in den Provinzen mehrere Synagogen von imposanter Erscheinung, worin der Gottesdienst mit gehöriger Würde abgehalten wird und Choralgesang nebst Predigt äe rigeur sind. Seit 1842 existirt in London eine Reform-Synagoge, und späterhin wurde auch je eine in Manchester und Bradford errichtet, die hinsichtlich des Ritus mit den meisten kontinentalen Gottes-- Häusern fast identisch sind. ' In neuer und neuester Zeit leben die Mitglieder der drei genannten Richtungen recht friedlich mit und unter einander und wirken gemeinschaftlich für das gesammte geistige Wohl und Gedeihen der englischen Judenschaft. Freilich giebt es auch augenblicklich eineziemliche Anzahl von größeren oder kleineren Gemeinden in verschiedenen-Theilen-des britischen Reiches, deren religiöses Leben keineswegs als Muster der Nachahmung angesehen werden kann, doch steht zu hoffen, daß deren Mitglieder oder die . Nachkommen der Letzterensich nach und nach in vielen Beziehungen mit ihren aufgeklärteren' Glaubensgenossen in England assimiliren werden. .Dafür wirken schon, die städtischen Schulen, wo den jüdischen Schülern die beste Gelegenheit geboten wird, sich englische, d. h. moderne Sitten und moderne . Lebensanschanungenanzueignen. , Wie das jüdische religiöse Leben, so hat auch die jüdische Wissenschaft und Litteratur in England^ während der letzten' sechzig Jahre erfreuliche und anerkennenstverth e Fortschritte' gemacht. Bor der besagten Zeitperiode wurden dieselbenin den meisten englisch-jüdischen Familien hauptsächlich durch den „Siddur", das „Machsor" Und den .; „Luach" oder jüdischen Kalender repräsentirt, welch letzterer besonders -nöthig war, um seinen Besitzern ,die jüdischen Fast- und Festtage kund zu geben. Alle sonstigen Gegenstände, die auf das geistige 'Judenthum sich beziehen, waren mit wenigen Ausnahmen allgemein .eine, terra iueoKnita. Diese Unwissenheit aber nach und nach zu beseitigen, stellte sich ein einigermaßen gelehrter englischer Jude, Namens Jacob. Franklin, zur Aufgabe; er gründete im Jahre 1842 das jetzt weitbekannte und viel gelesene „Jewish Chronicle". , Dasselbe gewann späterhin noch mehr an litterarischem Werthe und Gestalt unter der langjährigen Redaktion des Dn Benisch, eines aus Oesterreich stammenden jüdischen Gelehrten, der durch seine gediegenen Leitartikel in den verschiedenen jüdischen Gemeinden in England ein regeres Interesse für jüdische Wissenschaft und Litteratur wach rief. Dr. Benisch war auch Verfasser einer der ersten von einem Juden m englischer Sprache geschriebenen nachbiblischen Geschichte der Juden'und machte somit seine englischen Glaubensgenossen mit einem hochwichtigen Gegenstand unserer Wissenschaft näher bekannt. Im Interesse des letzteren wirkten gleichzeitig auch andere jüdische Gelehrte mit ruhmvollen Namen auf verschiedenen Gebieten der jüdischen Wissenschaft und Litteratur, die, von auswärts kommend, sich in England ansässig gemacht hatten. Nebst dem seligen Chief Rabbi,- Dr. N. M. Adler, der mit seinem Opus magnum ii&et den Targum Onkelos einiges Aufsehen erregte, waren daselbst während einiger Jahrzehnte litterarisch thätig: I. Zedner, Breslau, Dr.-Raphael (in Birnüngham), Emauuel Deutsch, Dr. Löwe (in Ramsgate), Leopold Dukes. Dr. Kalisch, Adolf Neubauer - und noch einige andere jüdische Gelehrte von geringerer Bedeutung. Dem litterarischen Streben dieserMänner ist es zu verdanken, daß während der zweiten Hälfte des jetzigen Jahrhunderts in verschiedenen gebildeten jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen die Wissenschaft und Litteratur der Juden weit mehr als ehedem gekannt und nach Verdienst gewürdigt wird. Dieselben lobenswerthen Bestrebungen verfolgen in neuester Zeit in England vorzugsweise der jetzige Chief Rabbi, Dr. Herrmann Adler, Dr. M. Friedländer, Rektor des Londoner Jews' College, und eine kleine Anzahl von jüngeren jüdischen Gelehrten, die auf jüdischem Gebiete bereits , manches Schöne und Nützliche Produzirt haben. Ersterer ist Präsident des englisch-jüdischen historischeil Vereins, und Letzterer hat meist den Vorsitz bei den während der Wintermonate inden Räumen des Jews' College gehaltenen litterarischen Vorträgen, welche, nebenbei bemerkt, in mehrereil eiiglischen Proviilzialgemeiiiden anerkennenswerthe Nachahmung gefunden haben.f - Schließlich verdient noch die seit einer Reihe von Jahren in London erscheinende „Jewish Quarterly Review" hier besonders erwähnt zu. werden. Die gelehrten Redakteure derelben (I. Abrahams und Claude Moiitefiore) haben wohlweislich ihre Spalten auch christlichen Gelehrten geöffnet, worin diese verschiedene aufs Judenthnm bezügliche Themata behaudelu, welcher Vorgang als ein entschiedener Fortschritt angesehen werden kann. Die bisher in - der fraglichen Review erschienenen Artikel sind meist gediegen und inhaltsvoll und haben daher auch einen bleibenden Werth. Das englische Judenthum kann demnach auf deffen erzielte Erfolge auf jüdischem litterarischen Gebiete mit besonderer Zufriedenheit znrückblicken. In politischer und sozialer Beziehung haben die Juden in England während der-Regierungsperiode' der Königin Victoria ebenfalls bedeutende Fortschritte gemacht. Ihre vollkommene Gleichsteüung mit den Bekenuern aller anderen Religionen im-britischen Reiche ist nicht

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