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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-18 · Heft 25 (18.6.1897) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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reichsten Einfluß ausgeübtl Die. Einseitigkeit-, die' uns seit dem Mittelalter aufgezwungene- Einseitigkeit des Erwerbes und der Geistesrichtung konnte einer größeren Vielseitigkeit Platz machen, wenn auch die Schäden der Jahrhunderte natürlich' nicht - in Jahrzehnten ausgeglichen werden können. Eine rege Thätigkeit entstand auf allen Gebieten, die uns bis jetzt freigegeben worden sind. In treuer Gemeinschaft haben wir mit unseren Mitbürgern.gewirkt. Zählt Königsberg seine besten Bürger — seine thatkräftigsten und gemeinnützigen bis auf die jüngste Zeit hinunter —, so fehlen die Namen unserer 'Glaubensgenoffen nicht; selbst unter den Berühmtheiten dieser Stadt finden sie sich in entsprechender Zahl vertreten. Wenn ein Tag wie der heutige unwillkürlich zu einer geschichtlichen Betrachtung einladet, Leben und Streben gehören der' Gegenwart und der Zukunft. Das Judenthum hat als Weltreligion den Wandel der Zeiten überdauert,' es hat .den Druck des Mittel-' alters ertragen; wird es den Versuchungen der Neuzeit widerstehen? Wir bleiben ruhiger Zuversicht. Das Judenthum hat zum Gottesglauben den reinem Monotheismus, als Moralvorschrift : „Liebe deinen Nächsten, - liebe den Fremdling wie dich selbst", es hat als LebensgrundsatzFreue dich vor dem Ewigen, deinem Gotte", ohne jede Weltfluchf ohne allen Pessimismus, es hat als Zukunftshoffnung die Erziehung des Menschengeschlechtes zu' dem Endziel: „daß alle Menschen einen Bund machen mögen, Gottes Willen zu erfüllen mit aufrichtigem Herzen". Dies der Kern des Judenthums. Die Formen wechseln, haben gewechselt, werden wechseln, der Kern ist unverlierbar. Sie, Herr Rabbiner, finb dazu berufen, den inneren Kern der Gemeinde ans. Herz zu legen und unserer Jugend ein Judenthum zu lehren im Geiste und in der Wahrheit.' Sie haben ein großes - Arbeitsgebiet vor sich,- für das Sie, wie wir vertrauen, nicht blos Frische und Arbeitskraft mitbringen, sondern auch Umsicht und Besonnenheit, welche für die Führung religiöser Angelegenheiten besonders unentbehrlich sind. Möge Ihr Eintritt in unsere Gemeinde gesegnet sein, für. und für!" Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dk Vogelstein die bekränzte Kanzel und gab zunächst seiner hohen Freude Ausdruck, daß es ihm vergönnt sei, in einer durch ihre Bestrebungen und Leistungen so hervorragenden Gemeinde als Nachfolger der bedeutenden Männer zu wirken, denen seit anderthalb Jahrhunderten die religiöse Leitung ' der Gemeinde anvertraut war, indem er ganz besonders auf die A Verdienste des jüngst verstorbenen Dr. Bamberger hinwies. Doch - gleichzeitig sei in ihm das Gefühl der schweren Verantwortung ' lebendig, die er übernehme. In jungen Jahren sei er auf einen Platz gestellt, den würdig auszufüllen nur ein ganzer Mann vermag.' Allein ihm erscheine auch an ihn selbst gerichtet zu sein das Gotteswort (Jerem. 1. 7) :- „Sage nicht, ich-bin zu jung; sondern, wohin .ich dich senden werde, da gehe hinwas immer ich dir gebiete, das " sollst du reden." So gehe er denn zuversichtlich an sein Werk und entbiete der Gemeinde seinen Gruß mit dem Worte der Schrift (5. Buch Mosis 33, 4): „Die Lehre, die Mose uns geboten, ist ein Erbtheil der Geineinde Jakobs." Die alte, reine Lehre vom Sinai solle und wolle er künden, die in allem Wechsel der Zeiten unzerstörbar ist. Nicht in mumienhafter Erstarrung, nein, lebendig und belebt und vertieft durch das Wissen und die geistigen Errungenschäften eines jeden Zeitalters hat das Jndenthum, weil es ewige ' Wahrheiten lehrt, ohne ui seinem innersten Wesen eine Veränderung zu erleiden, sich^äußerlich stets den Bedürfnissen der Zeit anpaflen können. Denn nichts anderes ist der Inhalt unserer Lehre als ' Recht thun, Liebe, üben und' in Demuth vor Gott wandeln. ' Aber die religiösen Verhältniffe der Gegenwart befriedigen Keinen, der es ernst meint in.it dem Judenthmn. Jetzt gilt es, für die Zukunft zu sorgen, dahin zu wirken, daß die Klage verstummt, die heute nur allzu berechtigt ist (2. Samuel 1, 19): „Dein Schmuck und deine - Zier, deine Jugend, ist hingestreckt auf deinen Höhen!". Auf Geist und Gemüth der Jugend einzuwirken, ihr Begeisterung für die große Vergangenheit und für die große Zukunft Israels ins Herz zu senken, ihr den Inhalt des Judenthums näher zu bringen, sei seine höchste, heiligste Pflicht; und hochbeglückt würde er - sein, wenn sein Wirken dazu beitragen sollte, daß in Wahrheit die Lehre Mosis ein Erbtheil der Gemeinde Jakobs werde. Redner schloß mit einem Gebete um Gottes Beistand, damit seine Wirksamkeit der Gemeinde zum -Segen gereiche. . >- - Hierauf trug Herr Kantor Birnbaum unter diskreter. Orgelbegleitung die Arie von Spohr vor : „Herr, Gott der Welt, mein Gott, mein,Schild, schau' doch herab auf Deinen treuen Knecht!" welcher, sich alsdann der feierliche Sabbath-Abeudgottesdienst anschloß. Die Feier machte in allen ihren Theilen einen erhebenden Eindruck nicht nur auf die Gemeinde selbst, sondern auch auf die zahlreich anwesenden Nichtjuden ans den verschiedensten .Ständen und Berufskreisen. ' Königin Mrtoria von England. Bon Rev. Dr. I. Chotzner. Belfast, Juni 1897. er 22. Juni wird sicherlich einer der denk-und merkwürdigsteil Tage in den Annalen der Geschichte des englischen Volkes sein und bleiben. Denn dieser Tag wird den Abschlußeiner sechzigjährigen Glanzperiode bilden, während welcher die Königin Victoria in England regiert hat — einer Periode, die hinsichtlich ihrer Ausdehnung, und der erstaunlichen Fortschritte, welche die Bewohner desbritischen Reiches auf fast jedem Gebiete menschlicher Thätigkeit, menschlichen Denkens und Fühlens gemacht, jede andere Regierungszeit früherer englischer-Herrscher und Herrscherinnen weit ttbertrifft. Es ist daher ganz natürlich, daß seit Monaten schon allenthalben, wo die englische Flagge weht — und dies geschieht bekanntlich in allen Theilen der Welt —, die großartigsten Vorbereitungen getroffen werden, lim diesen Ehrentag würdig, zu feiern. Außer den namhaften Summen, welche alle Klaffen der englischen Bevölkerung zur Errichtung allgemein nützlicher Institute der Königin Victoria, zu Ehren tagtäglich spenden, sind augenblicklich auch hierzulande die Helden des Geistes und der Feder eifrig bemüht, die in Rede stehende Glanzperiode in poetischen und prosaischen Schriften zu verherrlichen, worin selbstverständlich die erlauchte jetzige Herrscherin von England den Mittelpunkt bildet. Und haben die Bekenner anderer Religionen, die unter dem Schutze dieser Regentin leben, volle Ursache, mit inniger Genugthuung und Dankbarkeit. auf ihre bisherige glorreiche Regierung zurückzublicken, so dürfen die Juden Englands dies umsomehr , thun, da /sie vor allem ihre vollständige Emanzipation ^derselben zu verdankenhaben, In nwderner Zeit spielen-die Juden im britischen Reiche eine viel größere und bedeutendere Rolle, als sie je zuvor in der gesummten Judenschaft gespielt haben. Wenn wir, wie gebührlich, die religiösen Zustände in den englisch-jüdischen Gemeinden zuerst in den Kreis unserer Beobachtungen ziehen und den Kontrast zwischen Einst und Jetzt-ins Auge fassen, so nehmen wir in der Gegenwart sofort eine Aenderung zum Befferen wahr, die sehr anerkennenswerth und erfreulich ist.

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