Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228228--53779-3267722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 293 wünschen hatten ihn die Eltern hinausbegleitet; irdisches Gut konnten sie ihm nicht viel auf den Weg mitgeben; noch ein Knabe, mußte er für sich sorgen, mußte er unterrichten, um sein Leben zu fristen. Dadurch entwickelte sich sein eminentes pädagogisches Talent, das er zuvörderst an seiner strengen Selbsterziehung bekundet hat: unbedingte Wahrhaftigkeit ist der Grundzug seines Charakters; darum konnte Feilchenfeld nie auf die Worte eines Meisters schwören; Vorbilder wie Frankel, Landau, Sachs haben natürlich auf ihn gewirkt, aber ihn nicht zu sklavischer Nachfolge bestimmt; er ist ein Romantiker, nicht in dem Sinne, daß ihm das Alte heilig, ist, weil es alt ist, sondern weil er das alte.Judenthum kennt; weil er eine tiefe Empfindung hat für die Poesie des jüdischen Brauches in Wohnhaus und Gotteshaus, darum konnte er sich nie unter die Umstürzenden mengen. Feilchenfeld hat sich seine religiöse Ueberzeugung sauer werden lassen, „er ist," wie einmal in diesen Blättern ausgeführt worden ist, „er ist Keiner, der mit dem Troß läuft, den man so ohne Weiteres klassifiziren könnte; weit eher könnte man ihn mit dem süddeutschen, von Auerbach aufgenommenen Ausdruck einen Eigenbrödler nennen; Einer, der sich sein geistiges Brod selbst bäckt und bereitet, und-es ist gute, durchgebackene Speise, die er bei dem Feuer einer reinen religiösen Begeisterung herstellt." Hierauf beruht auch der unschätzbare Werth seiner Neligionsbücher; wir lernen nicht nur Ansichten, sondern einen Menschen kennen, und zwar einen Menschen, dem die Wahrheit heilig ist; wir bekommen den Eindruck eines religiösen Bekenntnisses, eines Mannes, der mit allen Problemen der Religion ernstlich ringt, der nicht eher ruht, als bis er zur Klarheit kommt, der zum Zweifel selbst spricht: ich lasie dich nicht,-bis du mich gesegnet hast. So strebt er auch praktisch als Lehrer, als Prediger in seinen Gemeinden; er braucht Religionslehrer für die kleinen Gemeinden seines Bezirks, flugs nimmt er die jungen russischen Juden, die zu ihm kommen und von deutschem Wissen und deutschem Wesen keine Ahnung haben, in seine Zucht, und unter seiner Erziehung werden sie 'in kurzer Frist tüchtige Religionslehrer; er ist überhaupt der pädagogische Wundermann, der das schier Unmögliche ermöglicht. Auch als Prediger hat er vor allem deswegen Erfolge, weil er schlicht und gerade redet, weil er mit der Eindringlichkeit tiefster Ueberzeugung redet. So ist er seinen Gemeinden, seinen Schülern, seinen Freunden dein Leuchter vergleichbar, boii dem wir am nächsten Sabbath aus dem Gottesbuche lesen, dem Leuchter, aus einem Stück, 90113 aus Gold, von dem mannigfaches Licht ausstrahlt; er ist der Frömmsten einer, wenn er auch aufgeklärte Ansichten ausspricht, wie sie ihm sein Geist eingab. Boileau sagt einmal, die Religion befiehlt nicht: §ois devot, eile dit: sois donx, simple, eymlable, und zwischen einem kirchlich Frommen und einem wahrhaft Religiösen sei der Unterschied oft hundertmal größer als zwischen dem Nordpol und der Stadt Davids. Die.Nutzanwendung aus diesem allgemeinen Satze ist nicht schwer. Für Diejenigen, die den Dr. Feilchenfeld nur aus seinem öffentlichen Wirken kennen, sei noch die Bemerkung hinzugefügt, daß er unter den glücklichsten Zeichen ins Greisenalter tritt; er arbeitet gesund und rüstig im Dienste Gottes; er lebt in glücklicher Ehe mit seiner Frau, einer Schwester Eduard Lasters. Dem Paare blüht eine große Schaar von Kindern und Enkeln; die Kinder leben in angesehener Stellung, und der Vater hat sich nicht zum wenigsten dadurch als berufener Pädagoge erwiesen, daß er seinen Kindern seinen religiösen Geist eingepflanzt hat. Brief aus Königsberg. ö) Königsberg, 8 Juni, feierlicher Weise fand am 4. d. Mts. Abends in der neuen 23? Synagoge zu Königsberg i. Pr. die Amtseinführung des an Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Bamberger gewählten neuen Seelsorgers Rabbiner Dr. Vogelstein statt. Unter den Klängen eines Orgelpräludiums betrat, nachdem die Synagoge7sich bereits mit einer dichtgedrängten Schaar von Andächtigen gefüllt hatte, der neue Rabbiner an der Spitze der Mitglieder der beiden ' Gemeinde - Kollegien das Schiff des Gotteshauses. Geführt wurde der Rabbiner von dem Vorsitzenden des'Vorstandes, Herrn Professor Dr. Samuel, und dem Vorsteher der Repräsentanten-Versammlung, Herrn Stadtrath Michelly. Der Gottesdienst begann mit dem Gesänge ,,Ma towu“, dem Mincha - Gebet und den Gebeten beim Eingänge des Sabbaths. Vor Beginn des Abendgebets sang der Chor eine von dem ersten Kantor der Gemeinde, Herrn Birnbaum, für diese Feier geschriebene Komposition: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!" Hieraus bestiegen Herr Profeffor Dr. Samuel und Herr Rabbiner Dr. Vogelstein die vor der Kanzel gelegene Estrade, und Ersterer hielt folgende Ansprache: Hochverehrte Gemeinde! Zum Nachfolger des zu unserem tiefsten Bedauern . so früh dahingeschiedenen Dr. Bamberger, gesegneten Andenkens, ist Herr Dr. Hermann Vogelstein, bisher in Oppeln, von der Gemeindevertretung als Gemeinderabbiner berufen und vom königlichen Herrn Regierungspräsidenten bestätigt worden. Im Aufträge der beiden Gemeinde-Kollegien habe ich ihn vor versammelter Gemeinde in sein Amt einzuführen. Mit dem heutigen Tage treten Sie, Herr Rabbiner, in ein Amt ein, welches durch eine Reihe würdiger Vorgänger geschmückt worden ist. Fast bis auf anderthalb Jahrhunderte können wir sie zurückverfolgen. Bei der Einweihung der ersten Synagoge, 23. Dezember 1756, war es ein Rabbiner Marcus, der dieselbe vollzog. Wigdor und Herzfeld folgten ihm. Dem Letzteren war es alsdann beschieden, nach dem großen Brande der Vorstadt die gegenwärtige alte Synagoge 1815 zu weihen. Mit dieser Einweihung verband er die Einsegnung der fünfzehn Freiwilligen des Kriegsjahres 1815. Kaum die Aeltesten unter uns erinnern sich noch des Rabbiners Laseron, des ersten deutschen Predigers Dr. Francohn, des Rabbiners Mecklenburg, während die Beredtsamkeit des älteren Professors Saalschütz noch Vielen unter uns in guter Erinnerung geblieben ist. Ueberall aber werden Sie, Herr Rabbiner, auf Schritt und Tritt den Spuren Ihres unmittelbaren Amtsvorgängers, des Dr. Bamberger, begegnen, der über 31 Jahre unter uns gewirkt hat. Sie wissen, wie würdig er die Gemeinde -vertreten und welche Verehrung er inner- und auch außerhalb derselben genoffen hat. Die Gemeinde Königsberg hat ihre religiöse Tradition. Wenn auch ihre ersten Anfänge sich bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen, die ihr eigene Physiognomie erhielt sie erst in der Mendelssohnschen Zeit. Die innere Befreiung, die von ihm ausging, hat nirgends tiefer Wurzel gefaßt als hier, und das in einem Maße, daß den alten Königsberger Familien Orthodoxie geradezu ein unbekannter Begriff geworden ist. Die Gemeinde Königsberg hat auch ihre bürgerliche Tradition. Unter dem Einfluß der Kantschen Philosophie und des politischen Liberalismus hat sich hier eine gesellschaftliche Emanzipation der Juden entwickelt, breiter und tiefer als in irgend einer Stadt unseres großen deutschen Vaterlandes. Sie hat den segens-