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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-18 · Heft 25 (18.6.1897) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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D- 292 In: amerikanischen Senat stand dieser Tage das Verbot für ausländische Juden, nach Rußland zu reisen, auf der Tagesordnung. Senator Perkins von Kalifornien brachte eine Resolution ein, in welcher darauf Bezug genommen wird, daß der russische Geschäftsträger in Washington sich weigerte, den Paß eines einflußreichen jüdischen Bürgers zu visiren, der im Begriff stand, eine Reise nach Rußland anzutreten. Die Resolution spricht von „gehässigen Discriminationen gegen amerikanische Bürger" und enthält das Ersuchen an die Bundesregierung, Rußland zu der bestimmten.Erklärung aufzufordern. ob amerikanische Bürger wegen ihres religiösen Bekenntnisses ausgeschlossen seien. AZenn das der Fall, soll Rußland aufgefordert werden, ein solches Verbot zurückzunehmen. Die Resolution wurde an den Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten verwiesen. Znm siebzigsten Geburtstage des Landrabbiners §r. Fadian Feilchenfeld. Bon Dr. B. Rippner. . s giebt manch wackeren Mann in wichtiger, vercmtwortungsvoller Stellung, dem gar kein persönlicher Gefallen damit geschieht, wenn auf sein segensreiches Wirken in der Oeffentlichkeit hingewiesen wird; diese Männer betrachten es als selbstverständlich, daß Jeder an seinem Platze seine Schuldigkeit thnt, und seine Schuldigkeit thun. das heißt ihnen nicht, ein abgemessenes Maß von Arbeit leisten wie ein Tagearbeiter, sondern in dem ihnen angewiesenen Kreise so viel Gutes stiften, als in ihren Kräften steht. Auch unter uns sind diese „Stillen im Lande" nicht fetten, die rastlos, geräuschlos für unsere Heiligthümer sich Mühen, die fast ängstlich darüber wachen, daß von ihrem gesegneten Wirken möglichst wenig geredet werde; und doch gilt auch von Diesen das alte Wort: es ist eine Zeit, zu schweigen, es ist eine Zeit, zu reden. Zugegeben, daß es eine Zeit, zu schweigen, ist, daß die Eitelkeit, sich, seine Werke oder auch nur seinen Namen, gedruckt zu sehen, oft in drolligster Weise sich äußert, daß die sonderbarsten Jubiläen nicht nur gefeiert, sondern auch orbi et urbi verkündet werden, da doch selbst von einem fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum unseres großen Lehrers Mose in der Thora nichts zu lesen ist, zugegeben, daß ein verständiger Mann von diesem Lärm nicht viel wissen mag und ihm wenn möglich aus dem Wege geht, es giebt doch Momente, die in der heiligen Schrift selbst als große Wendepunkte im Leben der Menschen bezeichnet werden, die nicht von solchen Zufälligkeiten abhängen wie die nach einem Vierteljahrhundert schlichter Berufsarbeit gefeierten Jubiläen. Zu diesen gehört in erster Reihe der Tag, an dem Einer die Siebzig überschreitet; so wenig haben sich im Allgemeinen seit Jahr-. tausenden die Lebensbedingungen - geändert, daß noch heute wie in ienem Mosispsalm das Wort gilt: „unsere Lebensjahre sind siebzig", und wenn nun ein trefflicher Mann diese Station erreicht hat und an so vielen Orten und in so vielen Herzen Spuren seiner Arbeit zurückgelaffen hat, darm muß er es sich scholl gefallen lassen, daß wir seiner .abwehrenden Bescheidenheit zum Trotz sagen: heute ist einmal Zeit zum Reden, von dir zu reden und von deinen Verdiensten, damit es nicht scheine, als habest du für ein undankbares Geschlecht dich gemüht. Fabian Feilchenfeld, der Landrabbiner von Mecklenburg, feiert am 18. Juni seinen siebzigsten Geburtstag. Heute fragt man bei der Würdigung eines Theologen zuerst nach seiner religiösen - Richtullg, ob er ein Orthodoxer oder ein Neologe sei, obgleich, wer kein Kampfhahn ist,-sehr gut freisinnig sein kann, ohne darun: in seinem Wirkungskreise die Konservativen zu verletzen; und andererseits braucht der Orthodoxe, so lange er nicht streitlustig seine Anschauungen scharf pointirt, die Radikalen-nicht von sich zu stoßen. Bei unserem Jubilar hat die Unterscheidung nach dem religiösen : Standpunkt auch einen rein äußerlichen Anlaß. Er hat eineil wackeren^ Vetter, den Rabbiner der Posener.Gemeinde, der im Laufe der Jahre sich zu einem Führer der Orthodoxie, sollen wir nun sagen: entwickelt oder verwickelt, hat. Und da sonst diese beiden Herren sich in vielem gleichen, beide ehrenwertst und eine Ehre für itufere religiöse. Gemeinschaft, so ist es bequem, sie danach, zu trennen : das ist der Fromme, und das ist der Aufgeklärte. Aber so bequem macht es der Mecklenburger Landrabbiner uns nicht; er ist kein Mann, den man so nur nach der Schablone beurtheilen und einregistriren kann. Man hat . ihn einen Radikalen, man hat-ihn wiederum einen Romantiker gescholten. Um ein Radikaler zu werden, hätte er alle Erinnerungen seiner Jugend, seines Elternhauses verleugnen müssen. Der Ursprung seiner Familie ist in jener großen Judengemeinde Lissa zu suchen, in der besonders am Anfang dieses Jahrhunderts ein glänzendes Geistesleben sich entfaltet hat, in der Tag und Nacht die Straßen widerhallten vom lauten, im eigenthümlichen singenden Tolle ausgeübten Talmudstudium, aus der so viele Männer hervorgegangen sind, die später in den Wiffenschaften oder in praktischer Berufsarbeit sich ausgezeichnet habell. Von dort aus verwaltete der Großvater ullseres Jubilars ein weitverzweigtes Pelzgeschäft, das nach vielen großen Plätzen Europas sich erstreckte. Dort schlossen die Eltern ihren Ehebund. Aber dem Vater, nur für das Talmudstudium erzogen, konnte jene Metamorphose vom Talmudjünger zum praktischen Geschäftsmann, welche damals nach dem Spruche: aus einem Bachur läßt sich alles machen, so oft vorkam, nicht gelingen; er hatte eine Frau heimgeführt, die aus einer alten, angesehenen und ihm verwandtet: Rabbinerfamilie in Dresden stammte, unb die noch in ihren alten Tagen mit der größten Gewandtheit französisch parlirte und viele Wissensgebiete beherrschte. Jedoch alle diese Weisheit gab kein Brod; so verließen denn die Eltern unseres Jubilars Lissa, wo die Talmudisten damals so zu sagen wild wuchsen und mit dem Talmud, dem einzigen, was der Vater verstand, nichts zu erreichen war. In Sarne, einem kleinen Nest in der Nähe von Rawitsch, kam Fabian Feilchenfeld zur Welt; die erste geistige Kost, die ihm gereicht wurde, war Thora und Talmlld; das Haus war erfüllt voll altjüdischer Frömmigkeit; ungestört duckh die Sorge, eine große Familie zu erhalten, widmete der Vater alltäglich die ersten Morgenstunden von vier Uhr ab dem Talnmdstudium. Wer solche Jugendeindrücke empfangen hat, der kailn die Begeisterung für die altjüdischen Lebensformen nicht verlieren. Dankbar schrieb einmal Feilchenfeld von seiner Jugeildzeit: „Ich habe sehr fromme, ausgezeichnete Eltern gehabt, die mich zu allen: Guten angehalten haben; wie hätte ich es nur anfangen sollen, um schlecht zu werden." Früh verließ, er das Elternhaus, um in Rawitsch, Dresden, Berlin zu lernen, um sich durch den Besuch der Gymnasien für die Universität vorzubereite::. In Dresden kam er i» das Haus seines Schwagers Landau, des späterer: hochangesehenen Rabbiners der Dresdener Gemeinde. dort hörte er die Talmudvorlesungen Zacharias Frankels, der wie kein Anderer, Pflege altjüdischer Traditionen unb freisinnige wissenschaftliche Forschung in feinem Leben zu vereinigen gewußt hat. Die Roth, der wir alle so viel verdanken, hat Feilchenfeld früh auf pädagogische Thätigkeit gewiesen. Mit Lehrenunb Segens-

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