Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228227--53772-3267714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 daß die antisemitische Plage Nachlassen werde, habe sich leider, nicht erfüllt. Er müsse zu seinem Bedauern immer konstatiren, daß die Zustände sich verschlechtern. Der Haß und die Niedertracht seien in Oesterreich überall eingedrungen; in den Genossenschaften, ja selbst in den Familien führen sie das Szepter. Schuld daran trage allein der Antisemitismus, von dem die nichtswürdige Parole ansgegangen ist: Schimpfe, verfolge und schmähe Deinen Nächsten! Dieses Wort werde sogar in hohen Kreisen verstanden und gepflegt. Die vielen Proteste, die der Verein an berufener Stelle eingebracht hat, sind spurlos verhallt, die Bitten wurden mit einem Achselzucken beantwortet und sodann — übergangen! Die Grammatik des Jesnitismus sei jetzt ausschlaggebend in Oesterreich! Man rufe die Gottheit zu Hilfe, um die Ethik todtzuschlagen. Das letzte Dezennium wepde auch deshalb zu den abscheulichsten Perioden der Weltgeschichte gehören. Zur Zeit des Dampfes und der Elektrizität lebe die Bestie im Menschen frisch auf, und die Wildheit nehme zu. Die Aschanti und Samoaner europäisiren sich und die Europäer afrikanisiren sich! Wir müssen nur bedauern, daß nicht alle Gleichgesinnten wie ein Mann zu uns stehen. In diesen Kreisen hat aber ein Zersplitterung platzgegriffen, die ihre Ursache in Kleinigkeiten hat, und darüber läßt man das große Ziel aus dem Auge. Uns fehlen zwei Dinge, welche die Gegner besitzen, und die ihnen die Macht über uns verschaffen, das Geld und die Suada sammt der Lügenhaftigkeit und Unverschämtheit. Wir versprechen das nicht, was wir nicht halten können, wir versprechen nur, Menschen zu Menschen zu machen. Wir haben das Samenkorn der Menschenliebe ausgestreut. Wir können für die nächste Zeit keine anderen Maßregeln treffen, wir müssen ausharren. Freiherr v. Suttner schloß mit einem Appell an alle Gesinnungsgenossen, indem er die Bitte an sie richtete, sich zum Entscheidungskampf zu einigen, bevor der schwarze Schleier sich über ganz Oesterreich gezogen habe. (Lebhafter, langandauernder Beifall.) An den Bericht des Präsidenten schloß sich der Ausweis, über die Büreauthätigkeit des Vereins. Es sind 769 neue Mitglieder dem Verein beigetreten, während der Verein 476 Mitglieder theils durch den Tod, theils durch Uebersiedelung rc. verlor. Das Bereinsvermögen beziffert sich auf circa 6000 fl. Sodann folgte der Kassenbericht. Der Verwaltung wurde auf Antrag des Vereinsmitgliedes Herrn Stärk dafür das Absolutorium ertheilt. Hofrath Professor Nothnagel erklärte, es gebe eine Menge von Beweggründen, welche die schamlose Bewegung des Antisemitismus ins Leben gerufen und sie gefördert haben. In letzter Instanz sei hierfür ausschlaggebend das Gemeine und Niedrige in der Menschennatur; der Neid und die Mißgunst und die Sucht nach dem Hab und Gut des Nächsten, nach dessen ganzem Besitz. Und die antisemitischen Führer haben verstanden, das alles in den Massen anzufachen! Er habe die Ueberzeugung, daß der Antisemitismus nur durch den Antisemitismus selbst geheilt werden könne. Man sei dazu schon auf dem besten Wege, denn man ist dort angelangt, die Früchte des Antisemitismus am eigenen Körper zu fühlen. Ein Beispiel hierfür sei der enorm abnehmende Fremdenzufluß in Wien. Die kleinen Herbergen in der Leopoldstadt, die sonst von Patienten aus Rußland und dem Orient überfüllt sind, stehen leer, und ihre Besitzer gehen zu Grunde. Ja, es ist so weit gekommen, daß die wohlhabenden Juden aus dem südlichen Rußland das förmliche Uebereinkommen getroffen haben, in die böhmischen Badeorte nicht über Wien, sondern über Berlin zu fahren! Bis sich diese schädlichen Einflüsse auf allen Gebieten geltend machen werden, dann wird die Umkehr vom Antisemitismus auf dem Fuße folgen, und die Augen werden den Leuten von selbst aufgehen. (Beifall.) Nun sprach Gemeinderath Seiler. Er erklärte, daß das Mißtrauen der Juden gegen die liberal gesinnten Christen sehr nachtheilig für ihre Interessen sei. Denn der Kampf gegen den Antisemitismus könne nimmer durch Juden ausgefochten werden, sondern nur durch Christen. Diese Christen aber bedürfen des Schutzes, um in die gegnerischen Versammlungen gehen zu können und dort zu zeigen, wie viel Unwahres von den Führern gesprochen werde. Das Mißtrauen der Juden müsse schwinden, denn es gebe noch ehrliche Christen, die keine versteckten Antisemiten sind. Redner erklärt schließlich, daß die Leopoldstädter Liberalen viel von den Antisemiten gelernt hätten und die feste Hoffnung besitzen, dein: nächsten Wahlkampfe auch alle verloren gegangenen Mandate des dritten Wahlkörpers zurückzuerobern. Hierauf wurden die Wahlen vorgenommen. Es wurden einstimmig gewählt: Zum Präsidenten Herr A. G. Freiherr v. Suttner; zu Vizepräsidenten die Herren Professor Eduard Sueß und Dr. Karl Reichsritter v. Kießling; zum Kassirer Herr Aug. Beiling; zu Schriftführern die Herren E. B. Zenker und Balduin Groller; zu Vorstandsmitgliedern die Herren Dr. Guido Freiherr v. Clauer, Franz Frauenberger, Ludwig Hetsep, Dr. Ferdinand Kronawetter, Dr. Josef Freiherr von Seillern und Karl Wrabetz; zu Schiedsrichtern die Herren Vinzenz Chiavacci, F. R. Engel, Louis Ritter v. Pfeilheim, Karl Salava und Leopold Seiler. — Die Thatsache, über die ich Ihnen jüngst berichtete, daß zahlreiche jüdische Rechtspraktikanten in Galizien fast grundsätzlich stets übergangen werden,' hat endlich mehrere Mitglieder des reichsräthlichen Polenklubs dazu veranlaßt, eine Beschwerde dagegen beim Justizminister einzubringen, die diesem Uebelstande hoffentlich abhelfen wird. — Daß die jüdischen Aerzte denn doch nicht feige sind, wie es ihre Gegner gern glauben machen, beweist u. a. die Thatsache, daß dieser Tage neuerdings unter Führung des Altburschen der „Kadimah", Dr. Schalit, fünf Aerzte, durchweg „alte Herren" der „Kadimah", auf den thessalischen Kriegsschauplatz abgegangen sind, um als freiwillige Mediziner in das türkische Truppenspital in Elassona zu treten. — Die Frauenemanzipation schreitet nun auch in Oesterreich vorwärts. Zu den promovirten Doktorinnen gesellt sich die erste Gerichtssunktionärin Oesterreichs. Fräulein Poppe, die bekannte Graphologin, die aus den Handschriften alles herausliest, ist zur beeideten Sachverständigen im Schreibfach vom Landgerichte ernannt worden, allerdings nicht, um über die Charaktereigenschaften, sondern über die Identität der Schriftproben von Fall zu Fall ihr fachmännisches Gutachten abzugeben. — Frau Baronin Hirsch in Paris hat kürzlich eine Spende von 300 fl. dem Verein zur Speisung hungernder Schulkinder in Wien, der im verflossenen Winter — ohne Unterschied der Konfession — an 425 Schulkinder täglich warmes Mittagessen verabreichte und 100 Kinder mit Winterkleidern versorgte, zugewiesen und dem israelitischen Frauen-Wohlthätigkeits-Verein „Josephstadt" 1000 fl. zur Gründung eines Asyl- und Rekonvaleseentenhäuses für israelitische Frauen und Kinder gespendet. B. Budapest, 5. Juni. Preßburg war, seitdem das ungarländische Judenthum in zwei Lager gespalten ist, der Vorort der strammen, unbeugsamen Orthodoxie, die Alle, die nicht in ihr Lager gehörten, als Anhänger einer fremden, nichtjüdischen Konfession betrachtete. So oft eine Annäherung zwischen Orthodoxen und Neologen angeregt wurde, kam aus Preßburg ein energisches Veto, wenn auch dadurch die Würde unseres Glaubens herabgedrückt wurde. Jeder jüdischen Angelegenheit, die, wenn auch nur zufällig, an der Neologie einen warmen Anwalt hatte, wurden Hindernisse in den Weg gelegt, die die Erfüllung irgend eines berechtigten Verlangens unmöglich' machten. Um so bemerkenswerther ist es, daß aus derselben Stadt, wo das anerkannte Oberhaupt der ungarländischen Orthodoxie der religiöse Führer der angesehensten orthodoxen Gemeinde des Landes ist, die ersten Strahlen eines neuen Lichtes kamen. Infolge der Initiative der Regierung und des friedlichen Uebereinkommens der orthodoxen und neologen Partei kam anläßlich der Anwesenheit des Königs von Ungarn in Preßburg die Einheit des ungarländischen Judenthums zum Ausdrucke, denn die Entsendung zweier jüdischer Abordnungen, als Vertreter der Orthodoxie und der Neologie, wurde fallen gelassen, und nur eine Abordnung überbrachte dem König die Huldigung des ungarländischen Judenthums. Dieser Schritt wurde in beiden Lagern mit großer Freude begrüßt und fand bald Nachahmung. Anläßlich der Enthüllung des Szschenyi- Denkmals erschien nämlich in Oedenburg in Vertretung der Regierung der Minister Perczel, der hier auch nur von einer jüdischen Abordnung, trotzdem in der Stadt zwei Gemeinden bestehen, begrüßt wurde. Der Minister, der das Erscheinen einer jüdischen Abordnung mit Freuden begrüßte, erwiederte auf die Ansprache des Rabbiners Dr. M. Pollak: „Ich versichere Sie, daß die ungarische Regierung, in deren Vertretung ich hier erschien, so wie bisher auch weiterhin, ohne einen Unterschied in der Konfession zu machen, im Dienste der Wahrheit stehen wird. Ich versichere Sie des Wohlwollens der ungarischen Regierung. — Der VI. Gemeindedistrikt, der die Kultusgemeinden der Hauptstadt und des Pester Komitates umfaßt, hielt seine diesjährige Generalversammlung ab. Es war vorauszusehen, daß diese ohne jede Emotion verlaufen würde, da der vorgelegte Jahresbericht nichts enthielt, was den schablonenmäßigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.