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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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II« 288 Zu „L. A. K." des Briefkastens Nr. 22 theile ich ergebenst mit, daß ich ein derartiges Erkenntniß des Oberverwaltungsgerichts, soweit -- mir dessen Entscheidungen zur Verfügung standennicht habe ermitteln können.! Vielleicht ist die Entscheidung des Reichsgerichts vom24. September 1889 in den Entscheidungen Bd. 24 S. 293 ff. gemeint, welche ausführt, daß Legate zur Verwendung für die Armen von der Erbschaftssteuer befreit bleiben. Hochachtungsvoll Schw.etz, 3. Juni 1897. ' Rechtsanwalt Hirsch. g^err Landrabbiner Dr. Placzek schreibt in seinem lehrreichen Aufsatze über „Benennungen und Redensarten im Dialekt" u. a. den Satz: „Ein ähnlicher sprachlicher Vorgang ist in dem eigenthämlichen sinnlosen Worte mutt erf cdenallein zu erkennen, welches (nach einer Mittheilung des Herrn Professors Dr. Ignatz Goldziher in Budapest) aus moi tout seul entstanden sein soll." Die Annahme Goldzihers ist nun ebenso geistreich wie unwahrscheinlich. Denn „mutterseelenallein" ist nach der modernen Sprachforschung ein gut deutsches Wort. „Mutterseele" ist nicht nur die Seele einer Mutter, sondern auch die Seele, die von einer Mutter geboren, also ein „Mensch". Der Ausdruck findet sich . in der sprachlichen Wendung „keine Mutterseele war da". Das Wort „mutterallein" bedeutet „ganz allein", eigentlich „allein wie im Mutterschooße" (so bei Goethe: allein wie im Mutterleib). „Mutterseelenallein" ist ein verstärktes „mutterallein" und bedeutet: vollkommen allein wie einst im Schooße der Mutter. (Vgl. übrigens Heynes deutsches Wörterbuch, Band 2, Seite 900.) Die Akten über „nebbich" sind übrigens noch nicht geschlossen. Die Annahme des Herrn Dr. Placzek nähert sich der Wahrheit. Man will ähnlich das Wort auch aus dem Polnischen herleiten, wa es „nicht sei es" bedeutet — quoddii avertant. Das von Herrn Dr. Placzek berührte Thema ist interessant genug, um diese Dialektausdrücke, die ja u. a. Tendlau in seinen „Sprichwörtern und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit" zum großen Theil bereits besprochen hat, in umfassender wissenschastlicher Darstellung zu behandeln. Ratib or, 28. Mai. . Dr. Ad. Blumenthal. Geehrter Herr Redakteur! Mn der jüngsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung erklärt Herr Dr. Placzek das Wort „mutterseelenallein" nach Pros. Goldziher als aus „moi tout seul" mit angehängtem „allein" entstanden. Wozu in die Ferne schweifen. Sieh', das Gute liegt so nah. Soviel mir bekannt, ist das Wort „mutterseelenallein" von der ursprünglichen Redensart „mit der Seele allein" herzuleiten, welche das Alleinsein so anschaulich wiedergiebt. Hochachtungsvoll Berlin, 31. Mai. H. Egers. *n Nr. 22 der „A. Z. d. I." leitet Herr Rabbiner Dr. Placzek das angeblich süddeutsche Taäscher (nordd. Berches) vom Hebräischen ab. (Das erinnert mich an eine Ableitung, die ich vor vielen Jahren im Hammaggid gelesen habe: Heirath von bare ai). Erstens sagt man nicht Taascher, sondern Dadscher, und zweitens ist dies ein gutes deutsches Wort. S. Weigands Wörterbuch der deutschen Sprache unter „Teigscher": „längliches knchenartiges Brödchen aus gemischtem Mehl . . . zu Gießen, auch in Frankfurt a. M. der Dadscher, auf der Rabenau Daedscher, in Kurhessen Deitscher, Dödscher, im Schmalkaldischen Ditscher, Titscher . . . im älteren Gießener Anzeiger richtig der Teigscher, im 16. Jahrh. teyg —, deyckschörre.. ., 1279 mitteld. der dLksörre..., nachdem der teicschörre..." Frankfurt a. M., den 1. Juni 1897. Ergebenst Alfred Geiger. Verehrter Herr Redakteur! /Ä. estern kam ein Mann, der als David Cohn durch ein Zeugniß der Gemeinde Grabow mit Siegel und Unterschriften nicht existirender Vorsteher einen Verlust von 13 000 Mark bei einem Geschäft durch Unredlichkeit, böswillige Entfernung seines Kompagnons Nachweisen ^wollte, hierher.« Ich sammelte für ihn, da er aus. Schneidemühl glaubhafte Unterschriften beibrachte, ca. 20 Mark. Er berief sich auf Rabb. H Dr. Pleßner-Ostrowo. Eine Anfrage nach dort, veranlaßt durch Beobachtungen mehrerer Gemeindemitglieder, ergab als Resultat, daß -eine große Gaunerei mit Urkundenfälschung vorliegt. David Eohn ist ein nom äs gusrre, in Grabow.unbekannt. Ich bitte, vor diesem Herrn, blond, über mittelgroß, im Alter von 28—30 Jahren, zu warnen. Görlitz, im Juni. v Dr. I. Z. - * Geehrter Herr! §u dem Artikel „Israelitisches Gebäck" in Nr. 15 bemerke ich, daß mit Ausnahme der Mazze die Namen für die Ostergebäcke alle von den Formen stammen; so gut wie Bobes nichts weiter sind als korrumpirte Bubos, d. h. Bohnen oder Beulen, und wie „Kaul" ganz richtig nichts weiter ist als „Kugel", so hat sicher auch der „Chremsel" wohl einen ähnlichen Ursprung; in manchen Gegenden heißt er auch Charimsel. — In Bezug auf die wichtigere, ja sogar sehr wichtige Gottesdi enstfrage stehe ich auf Seiten des Herrn Levinstein; bei Gott ist ein Tag wie der andere, ganz wie Hillel auch seine Kuh sich nicht auf den Sonnabend aufsparte. ^'2' DT’b DT1 " Im Uebrigen kann uns nur Eines aus dem Dilemma retten, und das ist die Einführung der englischen Sitte auch in Deutschland, daß sämmtliche Unterrichtsänstalten (Gemeindeschulen, Gymnasien), am Sonnabend geschlossen bl eiben (der Vorbereitung für den Sonntag wegen). Dann haben wir unsere Kinder wieder für uns am Sonnabend, und» dann können sie wieder Sabbaths das Gotteshaus besuchen. Dr. P . . . . «^icht ohne Unrecht wird über die Abnahme des religiösen Interesses 5 in unserer Zeit geklagt. Man mag die Ursache in den ver- - änderten Zeitverhältnissen suchen, indem die alten Formen , dem modernen Menschen nicht mehr behagen, oder in der Bequemlichkeit, die zum Theil umständlichen Gebräuche zu üben, und vor allem in der Erziehung. Auf diese Fragen einzugehen, ist nicht die Absicht des Schreibers dieser Zeilen, sondern auf einen Mißstand aufmerksam zu machen,-der geeignet ist, das etwa noch vorhandene Interesse abzuschwächen. In vielen Familien läßt man die religiöse Trauung nur noch aus alter Gewohnheit vollziehen, weil man noch nicht ganz mit den alten Traditionen zu brechen wccht, oder es sind Verwandte vorhanden, denen man eine gewisse Rücksicht schuldet. Es ist. nun üblich, daß dem Prediger die nöthigen Daten von den Eltern vorher gegeben werden, und daß sich das Brautpaar vor der Trauung dem Manne vorstellt, der es nach den Bräuchen der Konfession verbinden soll. Mag Jemand sonst noch so frei über religiöse Ceremonien denken, dem feierlichen Eindruck einer weihevollen Trauung kann er sich nicht entziehen — vorausgesetzt daß der Geistliche es versteht, diesen Eindruck hervorzurufen. Wie soll das aber möglich sein, wenn der Geistliche die ganze Angelegenheit mehr geschäftlich behandelt? Wo soll die Achtung vor einem Manne nicht schwinden, der wie auf einem Polizeibüreau das Brautpaar inquirirt, indem er hinter einander etwa folgendermaßen spricht: Sie sind so und so alt, Ihr Vater ist todt, und Sie haben ein Konfektionsgeschäft? und ähnlich. Das klingt ja ungefähr so wie im Faust, wenn Mephisto zu Frau Marthe sagt: „Euer Mann ist todt und läßt euch grüßen." Ein solcher Ton nimmt dem Paare alles Zutrauen und alle Achtung vor dem Mann, der die heilige Handlung vollziehen soll. Der Rabbiner hat Zeit genug, sich nach den ihm gemachten Daten nach der Anmeldung des Paares so weit zu informiren, daß er in zwangloser Unterhaltung sich mit seinen Besuchern vertraut machen kann. Es ist nur ein. unbedeutender Umstand, den ich hier zur Sprache gebracht habe, aber er ist mir in der allerletzten Zeit zweimal von einem Rabbiner berichtet worden, und zwar von einwandfreier Seite. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, unsere Geistlichen auf diesen sicherlich unbewußten Formfehler aufmerksam zu machen. , Berlin. T. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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