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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 „Das ist wahr wie die Lehre Moses," rief Mordche. „Ich hatte mir nicht vorgestellt, daß ich so alt werden soll, um diese Erfahrung zu machen. Mein armer Awrom! Ich habe mich immer gefürchtet, daß es kein gutes Ende nehmen kann. Und gerade am Schabbes ist es gewesen!" „Der Tod sühnt alle Vergehen, heißt es im Talmud," sagte Reb Bär. „Der Jkrim*) sagte: Es steht geschrieben: Die Gerichte Gottes sind wahr, allesammt gerecht. Das heißt: Man versteht das Gericht Gottes erst, wenn man diese und jene Welt zusammen nimmt. Awrom, der Friede sei mit ihm, ist ein so edler Mensch gewesen und hat soviel Kiddusch Haschens) in seinem Leben gemacht, daß Gott ihm Alles verzeihen wird, was er gefehlt hat. Wenn ihm ein so schrecklicher Tod beschieden war, sind seine Verdienste auf der anderen Welt um so größer." „Vater und -Mutter hat er geehrt," sagte Mordche bewegt, „und keinem Menschen hat er etwas Uebles gethan. Man muß es nehmen, wie es sein Name schickt." Inzwischen hatte die Nachricht sich verbreitet und einige theilnehmende Freunde waren gekommen, welche Reb Bär durch Zeichen fragten, ob Mordche schon die ganze Wahrheit erfahren habe, und als er ihnen bejahend zunickte, ihrem Beileid Ausdruck gaben, indem sie zuerst von dem Schrecken erzählten, den ihnen die Nachricht bereitet habe, und allerlei banale Trostsprüche spendeten. Für den feinfühligen Reb Bär war das zu viel. Er erhob sich, inbeiu er bemerkte, daß er sich für den Morgeugottesdienst ankleiden müffe. * „Darf ich in Schul—" begann Mordche, aber ehe er den Satz vollenden konnte, fiel Reb Bär ein: „Gewiß, am Sabbath ist keine Trauer." „Das weiß ich," erwiederte Mordche ruhig. „Ich wollte nur wissen, ob ich auf meinem Platze stehen darf." Reb Bär schwankte eine Weile. Unter anderen Umständen hätte er gesagt, daß der Wechsel des Platzes in der Synagoge ein abergläubischer Gebrauch sei, der sich von der Anschauung, daß ein Todesfall das Werk einer feindlichen Macht sei, herschreibe, aber dem alten Manne, dessen Seele in der Befolgung des Gesetzes eine Beruhigung fand, konnte er eine solche Antwort nicht geben, so sehr sich auch das talmudische Gewissen dagegen sträubte. „Heute geht nur auf Euren Platz," sagte er nach einigem Besinnen. . (Forts, folgt.) v.sifcy_ Sprertzsaat. Geehrter Herr Redakteur! s hat mir recht wohl gethan, daß Sie in der letzten Nummer dieser Zeitung, die mir zukam, das Andenken Salomon Pleßners wach gerufen; denn ich habe ihn oft predigen hören während meines Aufenthaltes in Posen, und niemals ohne aufs, Tiefste ergriffen zu sein. Und ich gestehe es gern, daß ich noch jetzt seine Reden zur Hand nehme, wenn ich etwas so recht Inniges und Erhebendes zu lesen wünsche. Die vielen Jahre, die verflossen, seitdem ich ihn zum letzten Male gehört (es war im Jahre 1847), haben das Bild des Mannes nicht verblaßt, wie es sich mir ins jugendliche Herz geprägt. Ich sehe die Figur vor mir, in den schweren Talis gehüllt, das schwarze Käppchen auf dem Haupte, das Manuskript auf dem Ständer vor ihm, von dem er las, aber so geschickt, daß es dem Fluß und Feuer der Rede keinen Eintrag that; ich höre seine Stimme, die, besonders in der Erregung, etwas r) Jkkarim, religionsphikosophisches Lehrbuch aus dem 15. Jahrh. von Josef Älbo. 2) Thaten, die dem Judenthum Ehre machen. Heiseres, Aechzendes an sich hatte. In der überfüllten großen Synagoge waren Aller Augen auf ihn geheftet; die Hörer lehnten sich vorwärts in allerhand Verzerrungen des Körpers und unter ihnen stand ich, oft zitternd, wenn sich seine eifrige Rede wie ein Feuerstrom dahin goß. Aber es war nicht die Kraft seines Wortes und die Funken seines Geistes allein, die diese Wirkung hervorbrachten —, es war der Glaube an den Mann und die Ehrfurcht vor seinem frommen Leben, die seiner Predigt ein so eindringliches Gewicht verschafften! Wir alle Bachurim wußten, alle Welt wußte, daß diesem Manne fast jeder Rabbinatssitz offen stände, wollte er darauf Anspruch machen; aber er schrak vor der großen Verantwortlichkeit zurück, und was das für ein Opfer war für einen Familienvater, dem sonst nur so wenige Mittel zu Gebote standen, das nöthige Einkommen zu gewinnen, wußten wir gleichfalls; auch davon wußten wir uns gar manches zu erzählen, wie der Mann in seinem häuslichen Leben so ganz und gar nach den Idealen lebte, die er in seinen Predigten darstellte. Einst hatte mich seine Predigt so überwältigt, daß ich ihm auf der Straße nachlief und anredete: Ach, Herr Pleßner, nehmen Sie mich zu Ihrem Schüler an. Nein, erwiederte er, das kann ich nicht; Sie wollen ja doch nach Berlin gehen und ein Reformprediger werden. Hätte der Mann es zur Stunde gefordert — ich wäre mit ihm zurück in die Synagoge gegangen und hätte bei der Thora geschworen, daß ich niemals der Reform huldigen werde. So aber geschah doch, was er vorhergesagt — ich bin nach Berlin gegangen und habe der bösen Reform mich angeschloffen; und von da nach England und von da nach New-Aork, bin inzwischen alt geworden und habe manche geistigen Stadien durchgemacht — das ehrfurchtsvolle, dankbare Andenken an Salomon Pleßner ist aber niemals aus meinem Geiste gewichen; ich bin doch sein Schüler geworden und geblieben; denn es giebr Dinge im religiösen Leben, darin wir Anderen immer Denjenigen untergeordnet bleiben, die es darin zur wahren Meisterschaft gebracht haben. New-York, Mai 1897. Dr. G. Gottheil, Senior Rabbi, Temple Emanuel. * Sehr geehrter Herr Redakteur! o „ (H) »schließend an die in Nummer 7 Ihres geschätzten Blattes citirten Worte des nationalliberalen Abgeordneten Professor Friedberg darf ich wohl daran erinnern, daß schon der Freiherr von Vincke, der Führer des linken Centrums sich in ähnlicher Weise ausgesprochen hat, als im Vereinigten Preußischen Landtag im Jahre 1847 die Emanzipation der Juden in Frage kam und von der Regierung wiederholt vom „christlichen Staat" gesprochen wurde, v. Vincke sagte: „Es geht mir wie mehreren anderen Rednern, daß ich trotz der eifrigsten Forschungen und des gewissenhaftesten Nachdenkens mir nicht habe klar machen können, was unter einem christlichen Staat zu verstehen ist. Ich glaube das Christenthum sehr hoch zu stellen, aber der Begriff der Religion kann doch nur auf der inneren individuellen Ueberzeugung beruhen. Der Staat aber ist ein Komplexum von Individuen, welcher als solcher keine allgemeinen Überzeugungen haben kann. Wie man also von einem Staat sagen kann, er sei ein christlicher Staat, ist mir nicht erklärlich. Der Staat wird doch auch nicht die Bestimmung haben sollen, die Glaubenssätze für bestimmte Konfessionen zu realisiren, gewissermaßen der Exekutor der Kirche zu sein. Wenn es sich darum handelt, die Grundsätze der christlichen Moral zu realisiren, so muß ich gestehen, daß ich die Benennung eines christlichen Staates für den unserigen bestreiten muß. Die zehn Gebote sagen schon „Du sollst nicht tödten", während der Herr Minister, den doch die Armee in ihren Reihen zu zählen das Glück hat, nicht beabsichtigen wird, in strenger Anwendung jener Grundsätze den Krieg zu verdammen. Es steht ferner im neuen Testament: „Du sollst nicht schwören. Unsere Rede sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber, ist vom Uebel." Es ist ferner das Gebot des Christenthums: „Liebet Eure Feinde", und: „Wenn dir jemand einen Backenstreich giebt, so halte ihm die andere Backe auch hin." Wie wollen wir aber mit diesem Grundsatz die Gesetzgebung über die Injurien in Einklang bringen. . . Von dem Begriff des christlichen Staates bis zum konfessionellen Staat, z. B. zum evangelischen Staat, wäre nur ein Schritt; es ist sogar die logische Konsequenz des Gedankens, da das Christenthum doch immer nur in Gestalt einer bestimmten Konfession in Erscheinung tritt."

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