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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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NM 286 Die Frage, was nun werden solle, raubte uns den Schlaf, ließ uns auch am Tage keine Ruhe. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und bereits in Sekunda; mein Ordinarius, der mich gern hatte, versprach mir, sich um Schüler für mich zu bemühen, allein das Städtchen war arm, die Gymnasiasten mußten sich größtentheils allein weiterhelfen; die Wenigen, welche die Mittel gehabt, einen Hilfslehrer anzunehmen, waren Christen, die in mir nicht nur den Juden sahen, sondern auch den Handwerkerssohn, der ihnen in ihrem geistigen Hochmuthe nicht genug Respekt einflößte, ihnen gar nicht als Lehrer imponirt hätte. Die Alternative trat an mich heran, das bereits angewachsene Schulgeld zu entrichten oder das Gymnasium zu verlaßen. Das Letztere wäre für mich schlimmer als der Tod gewesen; damit hätte ich all meine Hoffnungen begraben, all meine und der Meinen schöne Zukunftspläne vernichtet gesehen. Das Erstere war aber, von unserer Seite, ausgeschlossen. Es gab aber einen Ausweg. Zwar sträubte sich mein Stolz heftig dagegen, ihn einzuschlagen; aber theils um meiner Mutter die Sorge für mich abzunehmen, theils um das heiße Sehnen meines Herzens noch erfüllt sehen zu können, mußte ich ihn dennoch Wählern Meine Mutter und Schwester sollten erst etwas davon erfahren, wenn mein'Plan geglückt war. Ich war ja ihr Stolz, ihre Freude, der Gelehrte in der Familie, auf dem alle Hoffnungen basirten; eine Demüthigung, die ich erlitt, hätten sie schwerer als eine eigene ertragen; kurzum, ich wollte wagen und glaubte fest an meinen Sieg. (Fortsetzung folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Sechsunddreißigstes Kapitel. Die Hiobspost. s war noch ganz, still auf der Straße, als Reb Bär, auf seinen Stock gestützt, nach dem nur einige hundert Schritte entfernten Hause des alten Mordche sich begab. Der alte Mann saß angekleidet am Fenster, die weißen Hemdsärmel und das Sammet-Barett auf dem Kopfe gaben ihm ein frohes und glückliches Aussehen; in der Hand hielt er sein abgegriffenes, vergilbtes Andachtsbuch, aus dem er nur aus Gewohnheit, denn zum Lesen waren seine Augen zu schwach, die Psalmen recitirte. Reb Bür zögerte eine Weile, denn es war hart, den sabbathlichen Frieden des Greises mit einer Schreckensbotschaft, wie er sie zu bringen hatte, zu stören. Endlich faßte er sich ein Herz und drückte auf die Klinke; sie gab nach. Es war für ihn eine Erleichterung, daß er sich von dem Alten nicht öffnen lassen mußte. Nach alter Sitte trat er, ohne anzuklopfen, in die Stube, gerade im Eintreten hörend, wie Mordche mit dem traurigen Tonfall der tra-' ditionellen Kautillation recitirte: „Ich gieße vor ihm aus. meinen Kummer, meine Noth will ich ihm klagen." „Boruch habbe, Neb Bär," unterbrach er sich, nachdem er den Eintretenden erkannte. „Das ist ein zeitiger Gast. Du kannst auch schon am Morgen nicht mehr schlafen. Du bist auch schon kein Kind mehr, mein lieber Reb Bär." „Bei mir ist es," sagte der Eintretende mit einem Seufzer, „wie cs in der Gemoro steht: „Die schlimmen Tage, das sind die Tage des Atters." „Man muß alles nehmen, wie es sein Name schickt," sagte Mordche zu dem noch immer stehenden Besucher. „Setz' Dich, Reb Bär. Du bist doch heute so etwas ganz anders als sonst. Ist Dir cholileh ein Unglück passirt?" Der Angeredete nahm stillschweigend Platz. Er wußte sich keinen Rath, wie er seine Hiobspost bestellen sollte, und verharrte eine geraume Weile in seinem Stillschweigen. Mordche sah ihn kopfschüttelnd an. , „Reb Bär!" begann er endlich, etwas muß vorgegangen sein, wenn Du so zeitig konnnst und nicht mit der Sprache heraus willst. Ist ein Unglück geschehen. Sag' mir die Wahrheit." Reb Bär nickte nur stumm mit dem Kopfe. „Wer, was? sag' mir die Wahrheit," sprach Mordche dringender. „Mit Awrom steht es sehr schlimm," sagte Reb Bär mit traurigem Kopfnicken, „sehr schlimm." „Jst er todt? Sag' mir nur alles!" rief Mordche, indem er rasch von seinem Stuhle sich erhob. „Ihr habt es gesagt," erwiederte Reb Bär leise. „Ich wollte Euch keine böse Nachricht bringen, aber Ihr müßt es doch erfahren." „Hat er nur keine „Maasse"') an sich gethan?" rief Mordche hastig, indem er seinen Besucher bei den. Schultern faßte und sich bemühte, mit seinen halb erblindeten Augen in besten Gesicht zu lesen. „Er ist von einem Eisenbahnzug überfahren worden, als er in seinem Zorne einen Beamten wegen seines „Rischuß" zur Rede stellen wollte," war die Antwort. „Gott sei gelobt und gedankt!" rief Mordche laut schluchzend. „Gepriesen seist Du Gott unserer Väter, Du gerechter Richter." Reb Bär saß wieder schweigend da, den alten Freund seinem ersten Schmerzensausbruche überlassend. Der Alte gewann aber, wie er den Segen gesprochen hatte, seine Faffung wieder und war so ruhig, daß Reb Bär nicht wußte, was er sich daraus machen sollte. Er hatte erwartet, ihn in heftige Anklagen und Ausdrücke der Verzweiflung ausbrechen zu hören, aber Mordche blieb ganz stumm, mit dem Kopf in die Hand gestützt, saß er beim Fenster, neben sich das offene Andachtsbuch, als wäre er im Begriff, im Gebet fortzufahren. War es die Stumpfheit des Alters oder die Größe des Schmerzes, die diesen Paroxysmus hervorbrachte? «Ihr habet gerade gesagt," begann Reb Bär endlich, „was auf Euere Lage paßt. Als König David in äußerster Gefahr schwebte, betete er: „Wenn meine Seele in mir verzagt, weißt Du, o Gott meinen Pfad. Wir müssen, heißt es im Talmud, immer sprechen: „Was Gott thut, ist wohlgethan." „Ein böses Weib," sagte Mordche, „ist schlimmer als der Tod. So steht es geschrieben. Vielleicht ist es besser so, wie es gekommen ist." „Wißt Ihr, wo sie ist?" fragte Reb Bär. „Man sollte ihr doch telegraphiren." „Ich weiß nichts von ihr und will auch nichts von ihr wissen," rief Mordche heftig. Reb Bär saß wieder schweigend da und sah verwundert auf den alten Mann, der seine volle Ruhe bewahrte. Er hätte gewünscht, den hartgetroffenen Vater in heftigen Schmerz ausbrechen zu sehen. Diese Ruhe war ihm unheimlich. Um sich in seiner Rathlosigkeit zu sammeln, nahm er das Buch von dem Fensterbrett und begann darin31t blättern. „Der Mensch gleicht einem Hauche, seine Tage dem Schatten des Vorübergehenden," so stand es auf der aufgeschlagenen Seite. Fast unwillkürlich sprach er diese Worte laut. 2) Berzweiflungsthat.

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