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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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285 Daniel Sanders' hohe Verdienste nach Gebühr zu würdigen, ist .die Absicht dieses losen Erinnerungsblattes nicht, nur dem edlen liebenswürdigen Menschen wollte ich ein Wort der Verehrung Nachrufen in die stille Gruft, zu der man ihn von seinem weltentrückten Alt-Strelitzer Gelehrtenheim aus an diesem Märzsonntag getragen. Viele Jahrzehnte lang hat er da im Verborgenen geschafftem einem Zimmer, das ihm heilig war als die einstige Arbeitsstätte seines Vaters, und zu dessen Räumung man ihn, nachdem der Arzt es für ungesund erklärt hatte, nur dadurch bewegen konnte, daß man eine Krankheit der alten Köchin erdichtete und dem Leichtgläubigen in frommer Absicht vorlog, der Arzt halte ihre Übersiedelung gerade in dies Gemach als unerläßlich für ihre Wiederherstellung. Da zog er ohne Widerspruch aus und ließ sich die gewaltige Arbeit nicht verdrießen, die ihm die Neuordnung seiner Skripturenschätze auferlegte. Wellige Tage nach dem Erscheinen der ersten Lieferung des großen Muret-Sanders ist er nach kurzen Leiden einem Jnsluenzaanfall erlegen. Vieles und Gutes ist ans Anlaß seines Todes über ihn gesagt worden; Besseres noch werden berufene Beurtheiler künftig der Nachwelt über ihn zu sagen wissen. Für den besten Nachruf aber würde er selbst, wenn er sie noch hätte sehen können, die Hellen Thränen gehalten haben, die in den eben noch so fröhlichen Augen meiner Kinder glänzten, als ich ihnen sagte: „Euer guter Onkel Sanders ist gestern gestorben." WsMlMM! 1 1... 1 MlltMMWkmMMMllMMMmMMMMMMiillssMWMkiMMMMMMiM! i ii MIME RmlWIlmi! , i 1 L FEUILLETON r ... i 1 I Weder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) ie Verhältnisse in. meinem Elternhause," so erzählte Josef, „waren traurige. Als mein Vater, der nur mit Widerstreben sein Handwerk, die Tischlerei betrieb, gestorben war, standen wir vis-a-vis de rien. Er hatte uns nur gute Lehren und einen ehrlichen Namen hinterlassen können, mir den Durst nach Wissen, der auch in ihm gelebt, ohne daß er ihn befriedigen konnte. Sein ganzes Leben lang hat er daran gekrankt, daß man ihn dazu gezwungen hatte, ein Handwerk zu erlernen, während sein Sinn auf Höheres gerichtet war. Um mir den von ihm und von mir heißersehnten Lebensweg zu ebnen, brachten meine Eltern die größten Opfer. Ich durfte das Gymnasium besuchen, welches sich in der kleinen Stadt, in der wir lebten, befand, und meine Lehrer waren mit mir zufrieden, es gab sogar Einzelne, die mir eine bedeutende Zukunft prophezeihten. Die sehr guten Zeugnisse, von Zeit zu Zeit eine Prämie,' die ich freudestrahlend nach Hause brachte, waren das einzige Glück der Meinen. „Etwas Tüchtiges werden sollt Ihr," war das ewige Wort unseres Vaters. „Ihr sollt nicht, wie ich, am Boden kleben bleiben, sondern nach der Höhe streben. Ein jüdischer Handwerker." Ein. leiser Ausruf aus Frau Mildes Munde unterbrach die, Erzählung Kleins und zwang ihn dazu, eitlen fragenden, etwas betroffenen Blick auf seine alte Freundin zu werfen. Er begegnete ihren verwundert dreinschauenden Augen. „Sie sind Jude?" klang es erstaunt aus. ihrem Munde. - „Wußten Sie das nicht? Spielt vielleicht gar diese Thatsache eine Rolle bei Ihnen?" fragte er zurück, und eine gewisse Bitterkeit lag in dem Tone, in dem er sprach. ' Frau Milde zuckte leicht die Achseln, über Sophiens Mund flog ein leises Lächeln, als sie erwiederte: „Wenigstens keine Rolle in dem Sinne, den Sie zu meinen scheinen. Wir wußten nicht, daß Sie Jude sind- und hätten es auch aus mancherlei Gründen nicht vermuthet, wenn Sie es nicht soeben erwähyt, kaum geglaubt. Doch bitte, erzählen Sie weiter, Sie waren bei dem Satze; „Ein jüdischer Handwerker" stehen geblieben, als meine Mutter Sie unterbrach." Das peinliche Gefühl, dem Klein sich momentan unterworfen gefühlt, war schnell vorübergegangen. Er war kein fanatischer Jude, aber er liebte seine Religion als eine der gesundesten und vernünftigsten, mld gerade in den letztem Jahren, in denen der Antisemitismlls seine giftigen Blüthen trieb, fühlte er sich mehr denn je verwachsen mit dem Judenthuine. Er hatte nie daran gedacht, daß seine neuen Freundinnen ihn nicht als Juden erkannt, vielleicht ihm all jene Freundlichkeiten nicht erwiesen, wenn sie gewußt, daß er nicht zu ihnen gehörte. Er hatte bisher nie Gelegenheit gesucht, noch gefunden, über religiöse Fragen mit ihnen zu sprechen; wäre es geschehen, so hätte er eben schon früher seine Zugehörigkeit zum Judenthume offen bekannt; erst die so plötzliche, überrascht klingende Frage der älteren Dame hatte ihm die geistige Kluft gezeigt, die ihn von ihr und Sophie trennte, — eine Kluft, die möglicherweise so groß wurde, daß sie durch nichts zu überbrücken war. Sophiens Worte hatten ihn über die plötzlich auftauchenden Zweifel schnell beruhigt. Die kurze Pause, die nach Sophiens Worten eingetreten, hatte genügt, um ihm seine etwas gestörte Fassung wiederzugeben. Er warf noch einen raschen Blick über Mutter und Tochter, — die Letztere hatte ihm soeben das Glas von Neuem gefüllt, ehe er fortfuhr.: „Also mein Vater war der Ueberzeugung, daß ein jüdischer Handwerker ohne Vermögen einen doppelt so schwierigen Stand habe als ein christlicher. Von der einen, der jüdischen Seite wird er erst als voll und gleichberechtigt betrachtet, wenn er es soweit gebracht hat, daß er das Handwerk großartig, kaufmännisch betreibt, von der anderen, der> christlichen Seite wird er auf jeden Fall mit scheelen Augen angesehen. Sie amalgamiren sich schwer; man traut den Juden überall mehr Handelsvulgo Schachergeist zu als den Christen, und jeder Erfolg erweckt Neid und Mißgunst, besonders bei Denen, welche überhaupt den Juden als einen Eindringling und nur den Handel als seine Domaine betrachten. Bei mir stand es felsenfest, daß ich studiren mußte. Wie oft machte ich mit meiner Schwester Pläne für die Zukunft. „Wenn Du erst ein großer Gelehrter geworden bist, Rudolf," lächelte sie mir mit anfblitzenden Augen zu, „dann führe ich Dir die Wirtschaft. O, wie stolz will ich auf Dich sein, — wie will ich Dich hegen und pflegen und Dir jeden Wunsch von den Augen ablesen." Er fuhr sich mit der Hand über die feucht gewordenen Augen, ehe er fortfuhr : „Krankheit und Tod, diese beiden furchtbaren Verbündeten der Armuth, kehrten bei uns ein. Als wir an dem Todtenlager des Vaters standen, war, der Mutter und uns Kindern nichts geblieben. Das Begräbniß, der Arzt, der Apotheker hatte das ~ Letzte verschlungen.

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