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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-11 · Heft 24 (11.6.1897) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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wundersam jugendlich beleben, die matt. blickenden, kurzsichtigen Eugen konnten einen ganz eigenen Glanz gewinnen, wenn der stille Mann das rechte menschliche Wesen gefunden zu haben meinte, dem er' alle Schätze seines reichen Innern erschließen durfte. Und es mußten keineswegs immer die ihm geistig Ebenbürtigen sein, denen solche Freude widerfuhr. Jedem Besucher Warnemündes dürfte im vorigen Sommer oftmals das eigenartige, fesselnde Bild ausgefallen sein , das die verglaste ebenerdige Veranda -des einstöckigen Hauses neben Stralendorfs Hotel beinahe täglich den Blicken des Vorübergehenden darbot — ein liebenswürdiges, anheimelndes Bild wie ein lebendig gewordenes Stück -guter, alter Zeit. Inmitten des sonnenhellen Raumes" ein großer, mit Büchern, Skripturen, Zettelkästen und Korrektur- ' bogen schier bergehoch bedeckter Tisch, und an jeder seiner Schmalseiten eine ehrwürdige Greisengestalt in tadellosem schwarzen Gesellen schaftsanznge. Der Sine, mehr denn achtzigjährig, mit lächelndem, rosigem Patriarchengesicht, der andere mit dem feinen,, dlnchgeistigten > Antlitz des Gelehrten. Das waren die Brüder Sanders, die Un-' zertrennlichen. die erst der unerbittliche Tod zu scheiden vermochte, — Alexander, der Aeltere, der ehemalige Kaufherr und Senator aus Strelitz, und Daniel, der unvergeßliche Schöpfer des großen , deutschen Wörterbuches, das als das Werk eines einzigen Menschen wohl ohne Beispiel dasteht in den Litteraturen aller Völker. In der kurzen Zeitspanne von kaum sieben Jahren,' von 1858 biß 1865, hatte der Rastlose, fast über menschliches Vermögen hinaus Arbeitsame die. monumentale Leistung vollbracht, von der er mit berechtigtem Stolz sagen durste, daß sie „trotz mancher Mängel, die einem . solchen Werke unvermeidlich anhaften werden, das einzige umfassende " und innerlich vollständige Wörterbuch . der heutigen hochdeutschen Sprache darstelle." Und Niemand hätte es ihm verübeln dürfen, ' wenn er uüch solcher Großthat sein Lebenswerk als beendet und abgeschlossen betrachtet hätte, obwohl freilich nur Der, der die Arbeit des Lexikographen aus der Nähe beobachtet hat, die selbstlose Hingebung, den aufreibenden Fleiß und die heroische Beharrlichkeit ganz ' zu würdigen vermag, die sie verlangt. Wohl jeder Andere hätte sich nach jenem gewaltigen Erfolg, der/weder zu übertreffen noch zum zweiten Mal zu erreichen war, die wohlverdiente Ruhe gegönnt oder sich auf bequeme wiffenschaftliche Gelegenheitsarbeit beschränkt. Sanders aber, kannte für seine Person die Bedeutung des Wörtr leins Muße nicht. Er konnte sich nicht genüge thun in Ergänzungen und Vervollständigungen seines Wörterbuches, die zumeist zu neuen,? selbständigen, und umfassenden Werken anschwollen, und wo er sich . „zur Erholung" mit einer „kleinen Nebenarbeit" befaßte, da war es r doch nicht weniger als eine Grammatik der neugriechischen Sprache oder ein, kleines Konversations-Lexikon, was dabei heraus kam. Sein? Leben war köstlich, weil es Mühe und Arbeit gewesen ist, .und mitten in Mühe und Arbeit hat es geendet. In diesem letzten Sommer freilich wähnten er wie seine Umgebung dies Ende noch fern. Ein längeres Unwohlsein hatte ihn auf den'dringenden Rath des Arztes veranlaßt, an die See zu gehen; nun aber, da sich der wohlthätige lind belebende Einfluß der Meeresluft bemdrklich machte, wurde die geliebte Arbeit mit verdoppeltem Eifer, wieder aufgenommen. Galt es ihm doch, ein neues Riesenwerk zu vollenden, ehe sich die Sonne seines reichen Daseins zum Niedergange neigte — den deutsch-englischen Theil des großen Muretschen Wörterbuches, von dem er Nach dem Rathschluß einer höheren Gewalt freilich nur noch die erste Lieferung erscheinen sehen sollte. Vom frühen Morgen bis tief in die abendliche Dunkelheit hinein saß er da an dem skripturenbedeckten Tische, tief über , die entstehende Handschrift oder die Korrekturabzüge gebeugt, die wieder und wieder .durchgesehen werden mußten.- Geräuschlos ging die zärtlich besorgte Nichte ab und zu, immer darauf bedacht. jede Störung von dem greisen Gelehrten fernzuhalten; selbst der kluge Papagei, der zu Zeiten - so geschwätzig sein konnte, steckte stumm den'Kopf unter die bunten Flügel, wenn er seinen Herrn an der Arbeit sah.- Und draußen auf der Bank unter dem offenen Fenster der Veranda saß der bejahrte Diener — eine Gestalt wie aus einem Reuterschen Roman — und bemühte sich, seinem ehrlichen Obotritengesicht den grimmigen Ausdruck eines unbestechlichen Cerberus zu geben. Aber es war doch alles umsonst. Mitten in die sorglich gehütete Stille hinein tönte bald helles, fröhliches Kinderjauchzen, und .über die breiten Schultern des grimmen Cerberus hinweg kletterten blonde Buben und Mädchen ms offene Fenster hinein, mit lautem Zuruf ihren lieben „Onkel Sanders" begrüßend. Da ging es dann wie eitel Sonnenschein über das wachsbleiche Gesicht, die matten Augen leuchteten auf, und die fleißige Feder hatte mit einem Male Ruhe. Der große Sprachforscher war ein Kinderfreund,, wie es nur wahrhaft gute Menschen sein können. Stundenlang konnte er ihnen selbst ersonnene oder dichterisch umgestaltete Geschichten erzählen; ein naiv' herzliches oder schelmisches Wort von rochen Kinderlippen konnte ihm Tage lang Freude machen, und noch zum letzten Weihnachtsfeste legte er meinen Kleinen als die „Gabe eines heiteren Kinderfreundes" ein von ihm verfaßtes und von Hans Looschen hübsch illustrirtes, prächtiges Kinderbuch unter den Tannenbaum. ' Und wie der Schweigsame in der Gesellschaft seiner Lieblinge heiter und gesprächig wurde, so wurde er es auch in der. traulichen Tafelrunde, wo sich allmittäglich die alten Stammgäste des trefflichen Hotel Stralendorf zusammenfanden. Freilich zeigte er sich da von einer ganz anderen Seite. Gern ließ er sich in eine wiffenschaftliche Unterhaltung verwickeln,, viel lieber aber schöpfte er aus dem schier unermeßlichen Schatz seiner Erinnerungen und ließ vor unseren Augen die Gestalten von längst dahingegangenen Männern lebendig werden, mit denen er innig befreundet gewesen war und deren Namen das deutsche Volk mit Ehrfurcht 'nennt. Immer aber trat bei diesen Erzählungen seine eigene Person bescheiden weit in den Hintergrund zurück, und wer ihn so hörte, warm, gemttthvoll, immerzu rückhaltloser Anerkennung fremden Verdienstes bereit, der hätte, ohne die Geschichte seines Lebens und Schaffens zu kennen, sicherlich kaum vermuthet, daß dieser kleine, unscheinbare Gelehrte auch ein wackerer, tapferer und beharrlicher Kämpfer gewesen war, furchtlos auf seiner wissenschaftlichen und politischen Ueberzeugung bestehend, unbekümmert darum, ob sie den Autoritäten und Machthabern gefiel, oder ob sie ihn am Ende gar Amt und Brod kosten konnte. Eine eigenthümliche Fügung wollte es, daß er in dem letzten Heft der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für deutsche Sprache noch einmal aus seine Stellung dem Grimm'schen Wörterbuch - Torso gegenüber ausführlich zurückkam — auf jene polemische Stellung, die ihm so viele erbitterte Angriffe der vom Zunftdünkel erfüllten Fachgelehrten eingetragen- In demselben Heft theilte er seinen Freunden mit, daß er um der anderen großen Arbeit willen die Redaktion der von ihm begründeten Zeitschrift niederlegen müffe, „der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", und der am 24. Januar 1897 — „dem Geburtstage meines seligen Vaters" — niedergeschriebene Abschiedsgruß schließt mit den rührend schlichten Worten : „So scheide ich denn einstweilen von meinen bisherigen Lesern mit dem Wünsche: ihnen, dem Vaterlande und dem gesammten deutschen Volke alles Gute!" Es war seine letzte öffentliche Aeußerung — das schöne Schlußwort eines gesegneten Lebens! ' _^ 5

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