Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
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Berlin, 8. Juni. fas Kapitel von dem Antisemitismns deutscher Studenten ist wohl das traurigste in der Geschichte jener ganzen Bewegung. Bekanntlich hat der allgemeine Delegirtenkonvent ' der deutschen Burschenschaften zu Pfingsten v. I. in Eisenach den folgenden Beschlus; gefaßt: , „Der Allgemeine Delegirtenkonvent stellt fest, daß die aktiven Burschenschaften zur Zeit ebenso wie in den letztvergangenen Semestern jüdische Mitglieder nicht haben. Im Hinblick auf diese Thatsache giebt . der Allgemeine Delegirtenkonvent der Erwartung Ausdruck, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen - die Aufnahme jüdischer Studirender einmüthig Zusammenhalten werden. Eine Aufnahme diesbezüglicher Bestimmungen in die Allgemeinen Dele-. girtenkonvent-Satzungen ist daher nicht erforderlich." Da dieser Beschluß nur allmälig in weitere Kreise gelangte, nahmen erst im Oktober vorigen Jahres einige Berliner alte Burschenschafter Veranlassung, um dem Beschlüsse entgegenzntreten, eine Versammlung alter Burschenschafter von Berlin und Umgegend zu berufen. Ein hoher Justizbeamter und alter Burschenschafter macht darüber dem „Berliner Tageblatt" folgende interessante Mittheilnngen: In dieser Versammlung am 27. Oktober, die sehr zahlreich besucht war, erfuhr der Beschluß den lebhaftesten Tadel. Man sprach sich dahin aus, daß der Beschluß den Prinzipien der Burschenschaft widerspreche, und daß, wenn der Delegirtenkonvent bei seiner Ansicht beharre, dies ein berechtigter Anlaß zum Austritt aus der Burschenschaft sei. Es wurde beschlossen, die alten Burschenschafter Deutschlands, von denen Name und Wohnort sich ermitteln lassevon der Sachlage in Kenntniß zu setzen und sie aufzufordern, sich darüber zu erklären, ob sie in dem Beschlüsse des Allgemeinen Delegirtenkonvents ebenfalls einen Widerspruch gegen die Prinzipien der Burschenschaft erblickten, und ob sie ebenfalls, wenn der Delegirtenkonvent bei seiner Ansicht beharre, ihr Berhältniß zur Burschenschaft lösen würden. Die zur Ausführung dieses Beschlusses gewählte Kommission, bestehend aus dem Geheimen Justizrath Bulling, Professor Dr. Karl Gusserow, Direktor am Französischen Gymnasium Dr. Georg Schulze, Bürgermeister von Berlin Kirschner, Rechtsanwalt Dr. Biber, erließ Schreiben an 6124 alte Burschenschafter. Von den abgesandten Briefen kamen 879 als unbestellbar zurück. Von den eingesandten Erklärungen waren 790 zustimmend, und von diesen stimmten 440 beiden Fragen zu, 330 blos der ersten. Unter dem 8. Februar dieses Jahres setzte die Kommission die präsidirende Burschenschaft von diesem Hergänge in Kenntniß unter Miltheilung der Namen der Zustimmenden. Schon in der Versammlung war die Ansicht ausgesprochen, daß' eine Umkehr des Delegirtenkonvents nicht werde zu erwarten sein, und - es scheint sich dies zu bestätigen. Wie verlautet, soll die präsidirende Burschenschaft den Beschluß der Kommission nicht einmal dem Delegirtenkonvent mitgetheilt haben, und ebenso wenig soll die Angelegenheit auf der Tagesordnung des Pfingsten zu Eisenach zusammentretenden Delegirtenkonvents stehen. Würde sich, wie nicht unwahrscheinlich ist, die Sache wirklich so verhalten, so wäre es räthlich, daß in der Versammlung ein dissentirendes Mitglied den Vorstand um Auskunstsertheilung interpellirte, weil es erwünscht ist, daß man erfährt, welches Gewicht der Delegirtenkonvent der Mißbilligung seines Beschlusses durch 790 alte Burschenschafter beigelegt und wie tief der Antisemitismus in den Gemüthern der jungen Leute bereits Wurzel geschlagen hat. Die Sache ist von großer Bedeutung, weil die Grundsätze, die der junge Mann, wenn er als sein eigener Herr ins Leben getreten ist, sich für.seine Lebensführung zur Richtschnur nimmt und in sich befestigt, meistens nicht wieder auszutilgen sind, und nur Ausnahmenaturen sie. wieder aufzugeben vermögen. So wenig daran gedacht werden kann, daß die dem Delegirtenkonvent zustimmenden Mitglieder der jetzigen Burschenschaften zu belehren seien, so gewiß kann doch die Presse hier helfen, und sie allein dadurch, daß sie die Angelegenheit zur Sprache bringt und auf die Gefahren hinweist, die dem Gemeinwesen erwachsen müssen, wenn junge Männer, die demnächst die Geschicke des Vaterlandes mit bestimmen werden, sich auf Autoritäten hin, deren Aussprüche sie zu kontroliren außer Stande sind, Grundsätze zu eigen, ja zur Pflicht, zur Vereinssache machen, deren Befolgung Haß und Zwietracht säen und zu Ungerechtigkeiten führen muß. So kann wenigstens das erreicht werden, daß Eltern, Vormünder, Lehrer und überhaupt Die, welche auf die Erziehung einen Einfluß auszuüben vermögen, sich angelegen sein lassen, bei den zukünftigen Studenten in den Pflichten des Bürgers und des Menschen und in den Forderungen der Humanität eine Gesinnung auszubilden, an der die Versuche des Antisemitismus scheitern. ■ * Die Unruhen in Algier haben natürlich vor Allem in Paris lebhafte Beunruhigung erregt. Obwohl man wußte, daß in jener Provinz die Judenfeinde sehr einflußreich sind, daß fast die ganze Presse gegen unsere Glaubensgenoffen auftritt. so hat man doch wohl nicht daran geglaubt, daß in einer Provinz der französischen Republik derartige Exzeße gegen die Juden noch Vorkommen könnten. Man ist nun bemüht, die Regierung zu veranlassen, daß sie energisch einschreite. Zuerst ist das israelitische Konsistorium bei dem Minister des Innern Barthon vorstellig geworden, dann hat Josef Reinach, wie wir bereits mitgetheilt, im Klub der Regierungsrepubtikaner die Aufmerksamkeit auf die Exzesse gelenkt, worauf diese Partei ihr Präsidium beauftragt hat, mit dem Ministerpräsidenten und dem Minister des Innern offiziell zu verhandeln. Inzwischen hat der Großrabbiner Zadoc Kahn mit dem frommen Eifer, der diesen ausgezeichneten Mann beseelt, die Initiative zu einer Sammlung für die geschädigten, ja zum Theil vollständig ruinirten Israeliten in Oran ergriffen und ein Schreiben an die Zeitungen gerichtet, in dem er mit flammenden Worten gegen die Ausschreitungen der Judenfeinde protestirte, die Zeitungen brandmarkte, welche selbst jetzt noch den traurigen Mnth haben, die Plünderer in Schutz zu nehmen, und die Glaubensgenossen bat, sich eifrig an der Sammlung zu betheiligen. Der Appell wird sicher großen Erfolg haben, denn schon war der Großrabbiner von Frankreich in der Lage, 10 000 Frs. nach Oran zu senden. Dort hat übrigens die Justiz schnell eingegriffen, und die ersten Verhandlungen gegen die Plünderer und Exzedenten haben bereits stattgefunden. Bisher sind 19 verurtheilt worden zu Strafen von 5 Tagen bis 3 Monat Gefängniß. Außerdem werden 7, die Ausländer sind, ausgewiesen werden, sobald sie ihre Strafe verbüßt haben. Die Anklagen gegen die arabischen Plünderer sind noch nicht zur Verhandlung gelangt, werden jedoch auch demnächst Vorkommen. Trotzdem haben auf dem Lande die Exzeße bis in die letzten Tage fortgedauert, und das Militär hat wiederholt einschreiten müssen, so in Ain el Arba, Saint Denis du Sig, Saint Anne rc. In Basquet und Ain Tidelös haben die Angreifer die Weinberge der dortigen jüdischen Bauern zerstört, in Ain Temouchent die Synagoge geplündert und die Thorarollen zerrissen, und in Mercier Lacombe haben sie sogar Bomben in ein Haus geworfen, in dem 50 Juden versammelt waren. Zum Glück ist nur ein Mädchen bei der Explosion verwundet worden. Man darf sich über solche Dinge nicht wundern, wenn man erführt, daß den Arabern von den antisemitischen Führern vorgeredet wurde, die Regierung habe für die Tödtung eines jeden Juden dem Mörder eine Summe von 10000 Frs. ausgesetzt. Die Regierung trägt in der That auch Schuld daran, daß solche Gerüchte Glauben finden konnten. Wäre sie immer den antisemitischen Verhetzungen kräftig entgegengetreten und hätte sie nicht, wie es geschehen ist, mit den jndenfeindlichen Stadtbehörden kokettirt, so wären solche Ausschreitungen, wie die gegenwärtigen, nicht vorgekommen. — Das