Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 24, Berlin, 11. Juni 1897. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nalibiner 8*. Ludwig PHNippson-Konn Verlags-Expedition: Lerlin, Zerulalemerjtr. 48/49 Alle Zusendungen skr Redaktion und I Expedition sind an die Adresse : Berlag ber .Allgem. Zeitung deö Judenthums', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Masse, Berlin.! Inhalt. Leitartikel: Gegen den Zionismus. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Ans dem alten Breslauer Gemeindeleben. Von Dr. B. Königsberg er. — Ein Unvergeßlicher. Eine Erinnerung an Professor Daniel Sanders. Von Neinhold Ortmann. — Feuilleton: Weder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach (Forts.). — Andere Zeiten. Erzählung von Gotthard Deutsch (Fortsetzung). — Sprechsaal. Dev Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlins Landeck i. Westpr., Aus der Provinz Posen, Breslau, Hamburg, Dortmund, München, Wien, Budapest. — Bon Nah nnd Fern. — Miscellen. Gegen den Zionismus. Berlin, 8. Juni. M ir erhalten heute die folgende Erklärung, die wir um der Sache willen sowie wegen des Ansehens der Männer, von denen sie ausgeht, an erster Stelle veröffentlichen: Das war eine schöne Bescheerung! Unmittelbar vor dem Feste, welches uns mehr als jedes andere, in Erinnerung bringt, daß Israel von Haus aus die Bestimmung hatte, „ein Reich von Priestern" zu sein, erhielten wir aus Wien die neue Zeitung der „Zionisten", „Die Welt" genannt, worin für den Kongreß der Nationaljuden, der auf den 25. August d. I. nach München einberufen ist, Stimmung gemacht werden soll. Die Zeitllng ist ein Unglück, das abgewehrt werden muß. So lange die Zionisten hebräisch schrieben, waren sie nicht gefährlich, jetzt, da sie deutsch schreiben, muß man ihnen entgegentreten. Nicht, um sie zu widerlegen. Denn was soll man mit Leuten reden, die auf der einen Seite für ein Nationaljudenthum schwärmen und auf der anderen Seite sich über die österreichische Regierung beklagen, daß sie von. dem Bewerber um eine Sekretärstelle in der Bukowina den Taufschein fordert? Wenn die Bestrebungen der Zionisten von den österreichischen Juden gebilligt würden, dann dürften diese sich nicht beklagen, daß sie von der Regierung als Fremde behandelt und von den Staatsämtern ausgeschloffen werden. Nur weil wir üus vollster Ueberzeugung zu unseren Laudsgenoffen sagen können, daß wir lediglich in religiöser Beziehung eine besondere Gemeinschaft bilden, daß wir aber in nationaler Hinsicht uns vollkommen eins mit ihnen fühlen und die geistigen und sittlichen Ziele des theuren Vaterlandes mit gleicher Begeisterung erstreben, dürfen wir auf volle Verwirklichung der Gleichberechtigung dringen und jede Verkümmerung derselben als eine Verletzung unserer heiligsten Gefühle empfinden. Was soll man ferner dazu sagen, wenn die Herren so naiv sind, zu glauben, daß die westeuropäischen Juden ihr Geld dazu hergeben werden, dem Türken Palästina abzukaufen und eine jüdische Organisation zu schaffen, welche die ganze Entwickelung des Judenthums auf den Kopf stellt? Ueber das Nationaljudenthum hat die Geschichte vor achtzehnhundert Jahren durch die Auflösung des jüdischen Staates und die Einäscherung des Tempels entschieden, und es ist mit eine der höchsten Errungenschaften der neueren jüdischen Wissenschaft, daß sie dieser Auffassung die weiteste Verbreitung unter den Juden aller Kulturländer verschafft hat. „Eine völkerrechtlich gesicherte Heimstätte" wollen die Zionisten für diejenigen Juden schaffen, „die sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimilireu können oder wollen". Aber wo sind denn die Juden, die sich nicht assimiliren wollen? Daß sie es in manchen Ländern zur Zeit noch nicht können, legt uns gerade die Pflicht auf, in Gemeinschaft mit den edelsten und besten Männern aller Bekenntnisse für die Aufhebung von Ausnahmegesetzen zu kämpfen. Gegen eine derartige Denunziation sowie gegen den Schimpf, den uns die Zionisten dadurch anthuu, daß sie von einer „Judenn oth" sprechen, von welcher sie die Mächte befreien wollen, verwahren wir uns auf das Entschiedenste, und wir wissen uns hierbei in völliger Uebereinstimmung mit allen jüdischen Gemeinden des deutschen Vaterlandes. - Die Zionisten aber fragen wir, in wessen Namen und Auftrag sie denn reden? wer ihnen ein Mandat ertheilt hat, einen Kongreß, der nicht einmal in Przemysl, Grodno oder Jassy am Platze wäre, nach München einzuberufen? Wir verwahren uns dagegen, daß die Einberufer, hinter denen keine einzige jüdische Gemeinde steht, im Namen der Judenheit das Wort führen, nnd wir sind überzeugt, daß kein Rabbiner oder Vorsteher einer deutschen Gemeinde auf dem Kongresse erscheinen, und daß in solcher Weise vor aller Welt dargethan werden wird, daß die deutsche Judenheit mit den Tendenzen der Zionisten nichts gemein hat. Dr. S. Maybaum-Berlin. Dr. H. Vogelstein-Stettin. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die überwiegende Majorität der deutschen und auch der österreichischen Rabbiner über diese Frage genau so denkt wie ihre beiden Kollegen in Berlin und Stettin, und ebenso bereit sein würde, dieser^ Abwehrerklärung beizutreten. Auch von Herrn Prediger Dr. D. Leimdörfer in Hamburg ist ein sehr entschiedener Protest gegen den Zionismus und die mit demselben engverbundenen national-jüdischen Bestrebungen uns zugegangen, der in einer der . nächsten Nummern zum Abdruck gelangen wird. Der Chief Rabbi von England, Dr. Hermann Adler,. der Grand Rabbin von Frankreich, Zadoc Kahn, und der Großrabbiner der Türkei, Mose Levi, haben in nicht weniger entschiedener Weise wiederholt gegen diese neue Bewegung sich ausgesprochen.