Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 morschen, mit verschossenem Zeuge bekleideten Lehnstuhle Platz zu nehmen. Ans dem Tische lag eine weiße Tischdecke, und darauf stand ein brennendes Oellämpchen, wie es die Sabbathfrau, als sie am Abend die Kerzen ausgelöscht hatte, für den Fall, daß man in der Nacht Licht brauchen sollte, hingestellt hatte; auf dem kleinen eisernen Herde, der in Ermangelung einer Küche in der Stube stand, sah man das Tischgeschirr und ein Stück „Barches" für die Sabbathfrau vorbereitet, wenn sie am Morgen kam, um die Nachtlampe auszulöschen und das Geschirr abzuwaschen. Im Hintergründe des Zimmers sah man eine Glasthür, die in das zweite Gelaß des Hauses führte, und aus deren schmaler Oeffuung eine Nachthaube hervorlugte, deren Besitzerin, die Schwester des Hausherrn, wissen wollte, was dieser frühe Besuch zu bedeuten habe. Der Buchhalter sah sich überrascht um, bevor er auf die Frage Neb Bärs, womit man ihm dienen könne, erwiederte: „Wir haben eine Leiche in der Fabrik, die Leiche eines Israeliten, und es wurde mir gesagt, daß ich Ihnen die Meldung zu erstatten habe." „Ist es ein Fremder?" fragte Neb Bär verwundert. „Nein," lautete die beklommene Antwort. „Der Herr Bürgermeister ist kurz vor Mitternacht von einem Eisenbahnzuge überfahren und getödtet worden." Bei diesen Worten öffnete sich die Hinterthür, und Esther. Reb Bärs Schwester, stürzte, ihres Negligees vergessend, mit lauten Ausrufen des Entsetzens: „Sch'ma Jßroel, Gott soll behüten und bewahren!" in das Zimmer. Reb Bär ging auf sein Bett zu, neben welchem ein abgenützter altmodischer Holzstuhl mit nach außen gerichteten Füßen und einer massiven im Nokokostil geschnitzten Lehne, stand. Ans demselben war eine irdene Waschschüssel und eine mit Wasser gefüllte Blechkanne vorbereitet. . Dreimal goß der Alte Wasser über seine Hände und murmelte, während er seine Hände trocknete, den Segensspruch, in welchem Gott den gerechte!: Richter pries. „Wo ist die Leiche?" war seine erste Frage. „In dem Wagehäuschen der Fabrik neben dem Bahnhofe," war die Antwort. „Esther!" wandte sich Reb Bär an seine Schwester. „Gehe einmal hinauf zu Eheskel Durlitzer, sie sollen so gut sein und Moritz aufwecken, daß er mir Kalmen, oder warte," setzte er hinzu, während die Augeredete, ohne sich um den Besucher zu kümniern, unter fortwährenden Schreckensrufen ein Kleid anzog und ein Tuch über ihren Kopf warf. „Gehe selbst zu Kalmen hinüber und sage ihm, er soll sofort hierher kommen. Sofort, hörst Du!" „Schon gut," war die mürrische Antwort, von einem „Schma Jßroel, großer Gott!" unterbrochen. „Ich verstehe, wenn man mir einmal sagt." Reb Bür saß, als seine Schwester das Haus verlassen hatte, eine Weile schweigend da, offenbar unschlüssig, wie er seine Gedanken in Worte setzen sollte. „Verzeihen Sie mir, Herr Buchhalter," sagte er endlich stockend. „Man hat so viel in letzter Zeit gesprochen. Ich bin ein alter kränklicher Mann und komme wenig heraus, aber ich hörte, daß die Fabrik in letzter Zeit schlechte Geschäfte gemacht hat — ich meine —" „Ich versichere Sie," erwiederte der Buchhalter etwas gereizt, „daß ich in diesem Augenblick nicht die nöthige Sammlung habe, um mich um allen müßigen Stadtklatsch zu bekümmern." „Nehmen Sie mir nichts für ungut," sagte der alte Mann begütigend, „aber es ist meine Pflicht, zu lvissen, ob nicht — ich meine — ob nicht ein Selbstmord vorliegt. Wir haben unsere Gesetze, und davon können wir nicht abgeheu." „Ich bitte Sie,' Herr Reb Bär," erwiederte der Buchhalter heftig, „diesen Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Der Herr Bürgermeister hat alle geschäftlichen Anordnungen auf Monate hinaus getroffen, mnd gerade in dem verhängnißvollen Augenblicke wollte er wegen Verfrachtung einer Ladung Rübeuschnitte - mit dem Magazinaufseher spreche!:, der ihm eine beleidigende Antwort hatte geben lassen. In seiner. Aufregung, weil er sich in seiner Religion beschimpft glaubte, stürmte er über die Gleise so rasch, daß er den Warnungsruf des Wächters überhörte. Zu einem Selbstmord lag, keine Veranlaffung vor. Seine Vermögensverhältnisse sind solche daß er nach dem Untergange der Fabrik, deren Lage übrigens durchaus keine verzweifelte ist, noch immer ein sehr wohlhabender Mann geblieben wäre, und auf sein Bürgermeisteramt hat er wegen klerikaler Jntrigueu verzichtet. Sie haben also gerade von religiöser Seite allen Grund, dem Verstorbenen jede Ehre zu erweisen." „Ich bitte sehr um Entschuldigung," sagte Reb Bär kleinlaut. „Mir ist es schon lieb um des alten Vaters willen, daß er zu dem Schmerz um den Verlust des Sohnes nicht noch den größeren hat, ihn als Selbstmörder zu wissen^ aber ich hätte doch nicht anders handeln können, als das Gesetz vorschreibt." „Nehmen Sie mir es nicht übel," sagte der Buchhalter. „Ich dachte, bei Israeliten wäre das anders, aber Pfafferei ist überall. Wenn ein rechtschaffener Mensch einen Akt der Verzweiflung begeht, würdet Ihr ihn ärger behandeln als einen Landstreicher, der, wie dieses Gesindel thut, alle Tage in die Kirche geht." „Bei uns," sagte Reb Bär mit überlegenem Lächeln, „hat Niemand die Macht, etwas zu ändern. Bei uns giebt es nur das Gesetz, und das gilt für Alle gleich." Der Buchhalter, heute weniger als sonst geneigt, sich in Diskussionen über die relativen Vorzüge der verschiedenen Religionen'einzulassen, erhob sich. „Haben Sie sonst irgend welche Verpflichtungen der Religionfür deren Erfüllung ich Sorge tragen könnte?" sagte er. „Ich werde einen Mann als Leicheuwächter hinausschicken," war die Antwort. „Das ist so üblich bei uns, dann bitte ich, alle blutbefleckten Gegenstände aüfzubewahren und den Sand, auf den das Blut geflossen ist, sammeln zu lasten. Das muß mit ihm begraben werden. Wegen' der Beerdigung kann ich noch nichts bestinnnen, doch glaube ich, morgen Nachmittag wird die geeignetste Zeit sein." „Sie müssen erst die Gerichtskommifsion abwarten." siel der Buchhalter ein. „Ich erinnere mich," bemerkte Reb Bär, „daß die Frau nicht hier ist. Wir haben heute Sabbath. Wollten Sie nicht so gut sein, ihr ein Telegramm zu schicken. Sie können auch wohl leichter ihre Adresse erfahren." „Ich will sehen," meinte der Buchhalter in offenbarer Verlegenheit. „Der Herr Bürgermeister hat mir, wenn ich inich recht erinnere, gesagt, daß seine Frau eine Erholungsreise an die Seeküste antrat." - „So?" meinte Reb Bär erstaunt. „Ich habe davon nichts gehört." „Ich mag mich getäuscht haben," stotterte der Buchhalter verwirrt hervor. „Ich will dem Herrn Kreisphysikus Dr. Kohu telegräphiren. Er war der nächste Freund des Verstorbenen und wird am besten wiffen, wie er die Familienangelegenheiten ordnen soll." „Ganz Recht!" sagte Reb Bär, indem er den Buchhalter, der schon eine ganze Weile mit der Hand auf der Thürkliuke dagestanden hatte, ani Arme faßte. „Das wird am besten sein, aber ich bitte, sich einen Augenblick zu gedulden, bis der Leichenwächter kommt, damit Sie ihm die nöthigen Weisungen an das Fabrikpersonal ertheilen können." Die Schreckensrufe Esthers, die man von der Gaffe schon hören konnte, zeigten an, daß der Erwartete nahe sei. Reb Bär bat den