Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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274 H->1 -- ---:--II — II.— likunumjamrsg MMM»W f I FEUILLETON 1 Ä J -1 1-1 1-1 .imjntnuHmrez 1 TOaDIwuiSj 1 l- Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Fünfunddreißigstes Kapitel. Der Schreckenstag. JjNrfcn dem wirren Durcheinander der ersten Aufregung, die durch >0? beit Tumult der Bremser und der Fabrikarbeiter, die von allen Seiten herbeigelaufen kamen, noch gesteigert wurde, dauerte es eine geraume Weile, bis der Zugführer die Lokomotive abgekoppelt und mau die nöthigen Wagenheber gebracht hatte, um den Körper zwischen den Rädern aufzuheben und ihn nach den Waagehäuschen zu bringen, aus dem geschäftige Hände aüe beweglichen Einrichtungsstücke entfernt hatten, um aus den Decken der Zugbedientesten auf dem Boden ein Lager zu bereiten. Bei dein Transporte fiel ein blutbespritztes Papier aus der Tasche des Getödteten, nach welchem dieser mit.der jenseits des Geleises ausgestreckten Hand im letzten Augenblicke gegriffen zu haben schien. Niemand schien es zu beachten, als Walter es aufhob und in seine Tasche steckte, und schwerlich hätte man der Sache irgend eine Beachtung geschenkt, wenn sie bemerkt worden wäre. Der Buchhalter faßte die Hand, als der Körper auf dem Boden. des Waagehäuschens allsgestreckt war; er glaubte einen leisen Pulsschlag zu fühlen; er meinte auch, als er sich über die Leiche beugte, ein leises Röcheln zu vernehmen; es war seine eigene Aufregung, die in dem Zittern der Hände und in dem fliegenden Athem der eigenen Brust sich täuschte. ' „Herr Bürgermeister!" schrie er mit aller Anstrengung, über die Leiche gebeugt, „kennen Sie mich, geben Sie ein Zeichen!" Todteustille herrschte in dem Häuschen und auf dem Platze, wo eine aus dein Bahlihofe, der Fabrik und der Schänke herbeigekommene, nach Hunderten zählende Menge sich in unglaublicher Raschheit gesammelt hatte. Kein Laut ließ sich vernehmen. „Er ist todt," sagte der Zugführer beklommen. „Gott ist mein Zeuge, daß ich unschuldig bin. Ich sah ihn zuerst, als er höchstens zweihundert Schritte von der Maschine entfernt war. Ich that mein Möglichstes, um bcn Zug zum Stehen zu bringen. Es ist ein wahres Wunder, das; nicht der ganze Zug über ihm hinweg gegangen ist." - Wieder herrschte einige Augeilblicke tiefe Stille, bis Nawratil sich einen Weg durch die dichtgedrängten Massen bahnte und mit lautem Schluchzen rief: „So eine gute, brave Herr!" dann warf er sich neben die Leiche nieder und bedeckte die noch warme Hand mit Küssen. Während die Anwesenden mit tiefer 'Rührung auf die Szene sahen, erhob sich Nawratil zu kuieender Stellung, nahm seine Mütze unter den Arni, bekreuzigte sich und begann mit lauter Stimme in böhmischer Sprache ein „Vaterunser" zu beten. Von der kindlichen Frömmigkeit des schlichten Mannes ergriffen, zog einer der Arbeiter die vor dem Hänschen befindliche Fabrikglocke; die Arbeiter knieten nieder, und in ihrer schlichten Einfalt bekreuzigten sie sich,, beteten ihr „Vaterunser" und den „Englischen Gruß". Selbst die welliger kirchlich gesinnten Männer, wie' der Buchhalter, der Waagemeister,- und der Zugführer standen mit entblößten Häuptern in stummer Rührung da. _ . " ~SnsmirtJ)en* luciren^ber o¥iottielcöen man sofort gerufen hatte, und der. Polizeikommisfar gekommen. Die Menge wurde entfernt; der Doktor konstatirte, was man ohnehin gewußt hatte»-.mmd der Polizeikommissar nahm ein vorläufiges Protokoll auf, indem er die Aussagen des Zugführers und der Zeugen des Vorfalls zu Papier brachte. Dann ließ er die Kleider des Verstorbenen durchsuchen, und versiegelte die bei ihm Vorgefundenen Werthsachen in ein Päckchen, das er mit sich nahm, hierauf entfernte er sich, indem er zugleich den strengen Auftrag gab, alles so zu lassen, wie es sich befinde, bis die Gerichtskomlnission eingetroffen sei. Alles begann nach und nach einen prosaischen Anstrich zu nehmen. Der Doktor bedauerte innerlich, daß man ihn aus dem Kasino abgeholt hatte, wo heute Honoratiorenabend war und wohin er zurückzukehren versprochen hatte, um über den Unglücksfall Bericht zu erstatten. Der Buchhalter konnte ihn nur fragen, was man bei Juden in einem Todesfälle zu thun habe, und erhielt die Auskunft, daß man dein alten Reb Bär — wie ihn die ganze Stadt nannte — Meldung zu erstatten habe. Es war inzwischen Tag geworden, als der Buchhalter die nöthigsten Anordnungen in der Fabrik getroffen.hatte und sich auf den Weg machte, um den alten Reb Bär aufzusuchen. Nicht ohne Mühe fand er sich in dem Labyrinth von Gäßchen zurecht, bis er vor dem Häuschen stand, in dessen Erdgeschoß der alte Mann mit seiner Schwester eine aus zwei Stuben bestehende Wohnung inne hatte. An der altmodischen schweren Thür hing ein eiserner Klopfer, den der Buchhalter schüchtern in Bewegung setzte, aber auf den ersten Schall rief es aus dem . Häuschen: „Wer ist's?" „Walter, der Buchhalter aus der Zuckerfabrik!" war die Antwort. „Ich muß den Herrn Reb Bär sprechen." „Gleich komme ich," rief er heraus, aber es dauerte doch einige Minuten, bis der alte Mann, der offenbar wach im Bett gelegen hatte, sich erhob, seinen kattunenen Schlafrock aulegte, in seine Pantoffel schlüpfte .und' schlürfenden Schrittes sich nach der Thüre begab, deren schweren eisernen Riegel, schwer genug für eine Gefünguißthiir, er mit einiger Anstrengung zurückschob. Der Buchhalter trat in einen schmalen, stockfinstern Hausflur, zu dem man drei Treppen hinabsteigeu mußte und in welchem rechter Hand die offene Thür zu Reb Bars Wohnung sichtbar wurde, nachdem das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Ihr gegenüber führte eine halsbrecherische Treppe in das obere Stockwerk, welches von einer anderen Familie bewohnt war. Im Ghetto war Noth an Raum und trotz des sprichwörtlichen Reichthums der Juden Noth an Geld. Wenn ein Sohn heirathete, trat ihm der Vater sein Haus ab und baute für sich ein Hinterstübchen in den engen Hofraum hinein. Heirathete ein zweiter Sohn, wurde dem Häuschen ein Stockwerk aufgesetzt. In der nächsten Generation wurde von diesem oberen Stockwerk aus ein Erweiterungsbau aufgeführt, indem man dem Hause des Nachbars ein Stockwerk aufsetzte und dieses mit dem ersteren verband, so daß ein Haus in dem Ghetto sich schwerer entwirren ließ als der gordische Knoten und den Beiwohnern, die nach zwei Generationen einander fremd geworden waren, die unliebsamsten Streitigkeiten über ihre Besitz- und Rechtsverhältnisse, über Wasserausguß und Dachrinne, über Hofraum und Dachboden, über Benützung des Hausflurs und des Kellers brachte und ihr ohnehin freudloses Dasein durch ewige Prozesse noch mehr verbitterte. Reb Bär führte trotz seiner Begierde, den Grund des ungewöhnlichen Besuches zu so ungewöhnlicher Stunde zu wissen, den Besucher zuerst in die. Stube und'ersuchte ihn, auf dem altväterlichen, etwas