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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-06-04 · Heft 23 (4.6.1897) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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<271- Alles Ideelle aber bedarf der festen materiellen Grundlage, - und so - auch die Wissenschaft, und -sie/ je strenger sie ist,, je höher sie strebt, umsomehr. Auch in älterer Zeit kostete unseren Gemeinden, in denen ein berühmter Lehrer Hunderte von Schülern an sich zog, die Erhaltung der Jeschiba nicht wenig, und der Reiche ließ bedeutsame Werke auf eigene Kosten drucken. Das jüdische Herz hat sich ja Gottlob auf uns vererbt, aber,, wie es -scheint, nur einseitig in Hinsicht auf Wohlthätigkeit. Die Armen, die Wittwen und Waisen, die Kranken und Alten sollen es gut haben — wer wird sich dessen nicht freuen? Wie viele aber sind es denn, welche sich der Wissenschaft annehmen? Seitd^n man unter den Juden nicht mehr im spezifischen Sinne „lernt", ist das/Interesse für die jüdische Wissenschaft erlahmt. Ich bitte Sie, , gedenken Sie unserer Wissenschaft, und bringen Sie dieselbe Ihren Freunden in Erinnerung. Hochverehrte Versammlung, feien Sie überzeugt, daß die Männer, welche sich der Wissenschaft des Judenthums widmen, heute noch aus demselben Baume stammen, fast hätte ich gesagt, aus demselben Holze geschnitzt sind, wie ihre Vorgänger. Dieselben würden auch heute ungefähr ebenso sprechen wie einst jener Rabbi in einer kleinen Gemeinde, der auf die Frage eines. Gönners, wie sein Gehalt sei, die Antwort gab : „Sehr , knapp; man müßte verhungern, wenn das liebe Fasten nicht wäre". Auch wir Lehrer und Schüler verstehen, und sogar in mehrfacher Beziehung, zu fasten, zu entsagen und zu ertragen. Militär seelforge. Von Dr. Heinrich Lewy, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen i. E. f m Reichstag-hat der preußische Kriegsminister am 12. Februar 1897 erklärt : „Die Devise in der Armee ist: Mit Gott für König und Vaterland! ... Während wir in der Armeeauf die religiöse Erziehung der Soldaten besonderen Werth legen, weil Gottesfurcht die Basis der Treue ist gegen das Vaterland und gegen die Person des Königs." Diese schönen und ohne Einschränkung gesprochenen Worte werden bestätigt durch 8 28 der Garnisondienstvorschrift, wo es heißt: „Soldaten jüdischer Religion sollen an den jüdischen Feiertagen.möglichst vom Dienst befreit bleiben." Ein Satz, der leider nicht in allen Kreisen zur Genüge bekannt scheint! Wie dem aber.auch sei, so ist für die religiöse Erziehung der jüdischen Soldaten noch etwas anderes erforderlich. Es giebt unter ihnen ja natürlich, wie unter den christlichen, auch solche, die im bürgerlichen Leben, theils infolge mangelhafter Erziehung, theils durch eigene Verirrung, der Religion entfremdet sind und das Gotteshaus so gut wie niemals betreten. Diese werden eine Dienstbefreiung au jüdischen , Feiertagen schwerlich erbitten und, falls sie ihnen dennoch gewährt werden sollte, ihre freie Zeit gewiß nicht zum Besuche des Gottesdienstes verwenden. Wenn nun wirklich auch alle jüdischen Soldaten, ebenso wie ihre christlichen Kameraden, religiös erzogen werden sollen, so müssen sie in sämmtlichen Garnisonen seitens der Vorgesetzten A uw eisun g erhalten, an den jüdischen Feiertagen und wenigstens an einem Sabbnth in jedem Monat den Hauptgöt tesdienst zu besuchen. Es würde sich alsdann empfehlen, die betreffenden Tage rechtzeitig dem Rabbiner mitzutheilen, damit er jedesmal eine Predigt vorbereiten und so den Gottesdienst für diese selteneren Besucher besonders erbaulich gestalten könnte. Ueberall, wo jüdische Soldaten in Garnison stehen, liegt dem Seelsorger der jüdischen Gemeinde die unabweisbare Pflicht ob, bei der-Militärbehörde in diesem- Sinne vorstellig zu werden. Es ist zu hoffen/daß solche Vorstellungen ein geneigtes Ohr finden. Vor -einigen ^Jahren hat der Prediger der jüdischen.Gemeinde Gumbinnen ein derartiges Gesuch eingcreicht und folgenden Bescheid erhalten ..(f. Allg. Z. d. Jud. 1895, S. 195): „Euer Wohlgeboren theilt--das .-Garnison-Kommando auf das Schreiben vom IG d. Mts., betreffend den Klrchenbesuch der Mannschaften jüdischen Glaubens, ergebenst mit, daß die Truppentheile der Garnison allgewiesen worden - sind, die Mannschaften am ersten Sonnabend in jedeul Monat zum Besuch des Gottesdienstes in der hiesigen Synagoge zu kominandiren." ,,, Auf die religiöse Erziehung der jüdischen Soldaten wäre ferner bei Gelegenheit des Fahneneides zu achten. Die christlichen Mannschaften werden allgemein vom Geistlichen vorbereitet und -in der Kirche vereidigt. Weshalb ninlmt die Militärbehörde nicht sprechend für die jüdischen überall den Rabbiner und den Tempel in Anspruch? Grundsätzliche Hindernisse kömlen kaum vorliegeu, -da hier in Mülhausen tatsächlich der Rabbiner die jüdischen; Rekruten vorbereitet, und in einer bäurischen Stadt nach dem letzten ^Thronwechsel die -jüdischen ..Reserveoffiziere und Mannschaften zur Ableistung des Fahneneides in den Tempel geführt worden sind. Die Verwerthullg dieser Anregungen läge ebenso im wohlverstandenen Interesse des Vaterlandes, wie sie weiten Kreisen der jüdischen Staatsbürger einen langgehegten Herzenswunsch erfüllen würde. Mit Gott für Kaiser und Reich! Neue Fragmente der jüdischen Farnitienpapiere von Wilhelm Kerchrrg, .Aufgefunden und eingcleitet von Prof. Dr. D avid. Kaufmann. lhelm Herzberg gehört zu den Wenigen, die keines hastigen Nachrufs bedürfen, deren Gedächtniß nicht, erlischt mit ihrem Tode, sondern als bleibendes Besitzthum aller .Fühlenderl wachsend in ewigem Nachruhm durch die Zeiten geht. Er kann ruhig warten, bis sein Tag gekommen sein imb ber .Schmerz ob seines Heimganges, der heute noch Denen, die ihn wahrhaft gekannt haben und darum lieben mußten, die Lippen schließt,, sich gemildert haben wird. Er hat auch für feiii Denkmal genugsam selbst gesorgt. Man errichtet keine Denkmäler den Frommen, weil ihre Werke, wie die Alten lehren, ihre Denkmäler sind oder .ihre Seelen, wie der tiefdeutige hebräische Ausdruck sagt. Wilhelm Hcrzberg war aber wirklich einer von Denen, die ihre Seele in ihren Werken zurücklassen, in denen er unter uns wandeln, wird als ein Unsterblicher/ dem die wechselnden Monde nichts chinwegnehmen können. aber jemals dieser Seele im Leben näher getreten ist und dieses Meer von. Liebe für Israel beobachtet hat, wie es in rveihcpollen Augenblicken aus diesem großen und.tapferen Herzen hervorbrach. der kann die Trauer ob dessen, was uns nun für immer vorenthälteu bleibt, den Jammer ob des unendlichen Schatzes, den wir vetloren haben, nicht durch den Hinblick auf das kostbare Erbe beschwichtigen, das uns bewahrt worden ist. .c Ein unvollendet Lied, steigt er ins Grab, Der Verse schönsten nahm er mit hinab. / Darum soll zur stillen Feier seines Andenkens am nächsten Wochen feste sein eigenes Wort Hier laut werden, ein abgerissener Klang von dem hohen Liede, das er in.Jahrzehnten des Exils und des schwersten Kampfes mit dem Leben wie eine süße Verheißung

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