Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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; Alles dies aber bezeichnet doch nur dasmegative Moment unserer Freiheit, das. was wir von uns fern Halten mußten. Vollen SiNN' und Werth erhält, dies aber erst durch das positive Moment,, das Motiv, welches uns innerlichst trieb. Und welches war dies? : Mancher denkt sich das Judenthum, als eine, gleichviel mit welchem Rechte, in die Gegenwart hineinragende Gestaltung der. Vergangenheit, welche sich ausgelebt hat, und für welche, da sie keine actuelle Bedeutung mehr besitze, sich auch nichts mehr schaffen lasse.' So bedeutet für ihn die Wiffenschaft des Jndenthums nur ein großes und reiches Kapitel der Geschichte — groß, sehr groß, gesteht er zu; er selbst aber, sagen wir, steht klein daneben; reich,'sehr^reich,- gesteht er zu; er aber darbt daneben. Und nicht anders ist es mit Anderen welche das Judenthum nicht minder für ein abgeschlossenes Drama halten, in dessen Schluß wir stehen. Sie wollen befestigen, erhalten \ vergebliche Mühe, sagen wir; wir sagen es erstlich Pessimistisch:datz Abgeschlossene ist todt, und keine Macht kann es erhalten; das Leben bläst es hinweg. Wir aber, die wir-dem/Allgütigen danken, daß er uns die wahre Lehre gegeben, n&K milT-ttf? jDJ ‘IW wir sind auch überzeugt V21N2 '»NI,- daß er damit ein ewiges Leben in unsgepflanzt hat. Das Judenthum lebt und hat sein Leben durch praktische und auch durch theoretische Schöpfungen zu bekundendes lebt, und so hat es sich weiter zu entwickeln, hat seine Lehre -fortdauernd tiefer und umfassender zu gestalten; es ist ein unerschöpflicher Schacht, ans dem immer Neues zu gewinnen bleibt. Freilich, das hat unser Jahrhundert gelehrt, muß alles, was lebendig sein will, an die Vergangenheit anknüpfen.. Unser Ziel aber ist eine Gesammt-Anschaüung von Gott'und Welt, von Natur und Geschichte, und zumal von sittlichem Lebenswandel im Lichte des ewigen Jndenthums. Wiffenschaft des Judenthums ist uns nicht blotz eine Geschichte unserer Vergangenheit, sondern der vom Judenthum gebotene Plan für unsere Zukunft. Wenn es nun darauf ankam, ein. Lehrer-Collegium zu -gewinnen, welches womöglich, jede wissenschaftliche Richtung^ verträt' und nur die der Erkenntniß feindliche von uns ansschloß, so war dies vielleicht unter Juden, welche sich von jeher gern individuell sonderten, nicht allzu schwer. Galt ja hier zu allen Zeiten das Sprichwort: „Das ist Rambams Ansicht; meine Ansicht aber ist diese."/Kurz, wir vier Lehrer, welche an dieser Anstalt zuerst Vorlesungen hielten, waren so verschieden wie möglich. Neben unserem Talmüd- Lehrer Lewy, der einerseits absolut pietätvoll lebte, andererseits ausgezeichnet und ungehemmt kritisch verfuhr, der eifrige, aber streng den historischen Zusammenhang wahrende Reformer Geiger, dazwischejl der besonnen sachliche, aller Geistreichigkeit abholde David Cassel, unendlich ich, dessen Charakteristik ich Ihnen überlassen muß, und der das allseitig verbindende Element abgab. ' J ' Solche Verschiedenheit machte es freilich unmöglich, daß wir, die wir darin sest übereinstinnnten, daß Jeder nach seinem Ermesst lehHWß wir,' sage ich, nach außen hätten ein collegiales Gntacht«! ahgeW können. So lehnten wir z. B. die Beantwortung der Frage ab, die uns von einer Gemeinde gestellt war, ob die'Gemeinde verpflichtet sei, für ein rituelles Bad zu sorgen. ' . Noch weniger schien es uns angemeffen, gemeinsam in politisches und sozialen Fragen das Wort zu nehmen; und als wir vom deutschisraelitischen Gemeinde-Bunde, da eben die Antisemiten-Seuche llnstt theueres Vaterland au verwüsten, begann, aüfgefordert wurden^ gegen dieselbe allfzutreten, lehnten wir ab. Einer Rabbiner- Versaunnluug von ganz Deutschland in unseren MauW hat es wohl angestanden, eine betreffende Erklärung in die Oeffentlichkert 3u senden — mit welchem Erfolg, -das wissen Sie. Wieaber jene Männer von einem angesehenen Universitäts-Professor,:. einem bch deutenden Orientalisten, für ihre That: beurtheilt wurden, dies auszusprechen scheue ich mich aus Ehrfurcht vor der deutschell Wissenschaft. Lieber gedenke ich der Thatsache, daß der Dr. Lewy auch einmal einen Studirenden der protestantischen Theologie als Hörer gehabt hat. Dies erinnert mich freilich - an die bedauernslverthe Thatsache, daß jüdische Studirende der Medizin lind Jurisprudenz nur wenig zu uns gekommen sind, wie sehr auch Lazarus dies"-erwartet hatte. Es mag dies zum Theil an den vielseitigen Anforderungen liegen, welcheheute jede Fakultät au ihre Jünger stellt und bei der Entwickelung der Wissenschaft auf allen Gebieten stellen muß. Doch kann ich mich-eines ehemaligen Zuhörers erfreuen, der heute ein ungewöhnlich, geachteter Arzt und bekannter Physiologeist, uild auf den meine Vorlesungen über Ethik einen tiefen, seinen Charakter gestaltenden Eindruck geübt haben. Vielleicht wissen meine Kollegen noch über andere besonders erfreuliche Erfahrungen zu berichten. Was uns trotz der obwaltenden Verschiedenheit zusammenhielt, war die Liebe zum Judenthum und die Ueberzeugung, daß dieses, weil es Wahrheit in Fortschritt ist, Gegensätze in sich verträgt, und daß Jeder von uns in Wahrhaftigkeit lehrt. Dieses Band ist auch -nicht in den folgenden Zeiteil geschwunden, obwohl in der verhältnißmäßig so kurzen Zeit unsres Bestehens wir nacheinander Vier- Kollegen durch den Tod verloren. Geiger war nach wenigen Jahren seiner hiesigen Wirksamkeit dahingeschieden; der zum Ersatz gewählte Frankel ward zu unferer Betrübniß in kräftigem Mannesalter aus fruchtbarer literarischer und reicher Amls-Thätigkeit allch uns durch den allzu frühzeitigen Tod entrissen, und wir wünschen nun seinem Nachfolger, unserem jetzigen College« Herrn Dr. Maybaum, eine lange glückliche Thätigkeit. An Stelle des nach Breslau gerufenen Dr. Lewy ward der nicht minder gelehrte und verdienstvolle Joäl Müller gewählt, der nun auch schon wieder durch den Tod aus unserer Mitte gerissen ist, und wird jetzt durch Herrn Dr. Baneth ersetzt. Auch der treue David Cassel ist . gestorben, und wir erfreuen uns an seiner Stelle des Herrn. Dr. Schreiner. Ich hörte einmal von dem bekannten Arzt Joseph Meyer:- „Wir sind Alle zu ersetzen!" Ja, meine ich, zu ersetzen fiitb wir in allem, was wir thttn.; aber die dahingeschiedene Persönlichkeit -hinterläßt allemal eine Lücke. Auch von unseren Schülern hat der Tod sein Opfer verlangt. In lebensvoller, hoffnungsreicher Jugend ist in diesem Jahre plötzlich unser Hörer David Bloch aus Rodalben in-der Pfalz, der schon die Doktorwürde mit einer Abhandlung über: Herder als Aesthitiker erworben undbei uns die halachische Prüfung bestanden' Haltesvon einer tödtlichen Krankheit hingerafft, während er dem Vaterlande als treuer Soldat den Sommerdienst leistete. Ich komme zum Schluß. Daß wir vom Staate unabhängig sind, ist mit dem Nachtheil verbunden, daß nun auch der Staat uns materiell nicht unterstützt. Wir sind in dieser Beziehung auf die Hilfe - der Mitglieder unserer Religions-Genossenschaft verwiesen; und wir haben ja auch, wie gesagt, den Staat^nicht nngernfen. Ich weiß, daß man heute meist anders über den Staat denkt als ich! Ich hänge der im vorigen Jahrhundert mit Eifer ausgesprochenen Idee an, daß alles, was durch bloße Vereine zu erreichen ist, auch durch solche erstrebt werden soll. Alles, was der Staat als solcher gestaltet, wird fast nothweudig büreaukratisch, schablonenhaft, mechanisch. Er befiehlt, und mail gehorcht. Was aber die einzelnen Vereine und Gemeinden im Zlisämmenschluß vieler Gleichgesinnter ausführen, trägt die Fruchtbarkeit der Sittlichkeit und inneren Wärme in sich; es erhebt den Mitwirkenden. Aus diesem Grunde freut mich alsEthiker diese Anstalt als lebendiges Zeugniß jüdischen Gerneinsmns und religiöser Hochherzigkeit noch ganz besonders.