Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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NWWMWNWMNWMWWMWWMBNMM^NUWNMMW MM ein. Er ging in Uebereinstimmmrg mit Geiger in so frelidiger ^Zuversicht ans Werk, daß er schon in feurigen Worten zu Subskriptionen anfforderte und solche sammelte. Und nochmals erhob Geiger zwei Jahre später, 1838, in einer besonderen Broschüre seine Stiutme für eine solche Fakultät. Hier rühmt er vor allem die deutschen Universitäten als Sitze der Gesammtwffseuschaft, welche die höhere Einsicht pflegt und, hinausgehend über die Bedürfnisse des praktischen Lebens, wie über die Schranken der Fachgelehrsamkeit, die Cömmilitoneu dazu anleitet, für sich in dem Gefüge des großen Ganzen den rechten Platz zu finden. Daher stimmte Geiger für den Anschluß der jüdischen Theologie an eine Universität, um als organischer Theil derselben in das Ganze harinonisch einzngreifell. Nur so werde der Fortschritt auch der jüdischen Theologie gesichert; denn der Fortschritt, d. h. Freiheit von Banden, aller Art, Freiheit von Vorurtheilen und Befangenheit, welche „die reine Wahrheit sucht", wie diese „als ideelles Ziel für die Menschen" hingestellt ist, sei unmöglich ohne „die lebendige Berührung mit der Gesammtwissenschaft, ohne den immer offenen Zutritt der neuen Forschungen, ohne die alleinige Hingabe' an die Wissenschaft", und nur so könne die Zersplitterung der Kraft in der Verfolgung praktischer Zwecke vermieden werden. Also nicht Rabbiner im Amte dachte sich Geiger als die Lehrer der Wissenschaft das Judenthums, sondern Uuiversitäts - Professoren. „Nur so," sagte er, „kann eine freie Wissenschaft erblühen, wenn Männer, mehr vom praktischen Leben zurückgezogen, sie und nur sie mit begeistertem Streben ergründen und mit beredter Zunge verkünden dürfen." Alle praktischen Fragen, die Reformen des Kultus, des Jugend-Unterrichts n. s. w. sollen nicht beseitigt werden; aber den Beengungen, welche dem Rabbiner im Amte die Rücksichten auferleg.n, dürfe die Wissenschaft nicht znm Opfer fallen. Nun schildert Geiger auch hier in ergreifenden Worten die schwierige Lage, des Jünglings, der sich zum Prediger und Religionslehrer bilden will, die große heilige Aufgabe, der er sich widmet, wobei folgende, alles zusammeufassende Worte über die Jndenheit fallen: „Der Rabbiner wirke für einen Kreis von Menschen (das Wort Menschen hat Geiger selbst unterstrichen), sein Leben sei dem Bestreben geweiht, der Gemeinheit, dem Stumpfsinne/ der feineren Sinnlichkeit ihre Opfer abzuringen und das Höhere auzuregen, eine Gesammtheit,' welche durch, den traurigen Gang der Geschichte tief gesunken ist, mit dem Hauche des Geistes zu beleben und ihr das Wort des Trostes zuzusprechen." Beide Männer, Geiger und Philippson, hatten die hohe Genugthuung, nach Verlauf von etwa 36 Jahren die Gründung unserer Anstalt zu erleben. Es war Philippson vergönnt, als einer der Stifter derselben, an dieser Stätte, wo ich jetzt stehe, die Elöffnnngsrede. zu halten, darin das alte zu sprechen und von hohem Standpunkt aus und mit universellem Blick darzulegen, was sie an sich will und wie sie mit dem allgemeinen Geiste znsammeuhäugt, Jetzt Haben wir die Freude, .den Sohn des Hingeschiedenen, Professor Dr. Martin Philippson, als eifriges Mitglied unseres Curatoriums nennen zu können. Geigsr aber, der indessen Rabbiner unserer Gemeinde geworden.war trat sogleich im ersten Seinester als Lehrer bei uns . ein und blieb dies ohne Unterbrechung bis zu seinem Tode. In einem Briefe an seinen Freund spricht er seine Freude darüber aus, in seinem hohen Alter noch die Annehmlichkeit der Ferien einer Hochschule kennen zu lernen. Was er bei ims vorgetragen hat, ist nach seinem Tode gedruckt erschienen "durch die Pietät seines Sohnes, des Herrn Professor Dr. Ludwig Geiger, unter der Mithilfe eines eifrigen Hörers, des Dr. Immanuel Löw, jetzt Rabbiner in Szegedin. / — Er schließt sein Flugblatt mit einer doppelten Warnung: „Es wäre erstlich," sagt er, „höchst ungerecht, zu behaupten, alles vorher Geleistete sei unnütz und unbrauchbar. Wir haben in jeder Beziehung manche vortreffliche Männer, die mit dem, was ihnen die Schule nicht gegeben, der Geist zwiefach beschenkt hat; und ebenso wäre es thöricht, zu glauben, daß eine jüdisch-theologische Fakultät uns plötzlich Ungesehenes schaffen, ganz neue Resultate bieten, vortreffliche Institutionen, volle^ Einigkeit in der Gemeinde mit einem Male Hervorrufen würde, wozu sie allerdings das allmählich, aber sicher wirkende' Mittel ist." Dies bitte ich Sie, hochgeehrte Anwesende, bei der Benrttzeilung unserer Leistungen in diesen 25 Jahren zu beachten, zumal es sich in dieser Anstalt um ein wirkliches Novum handelt, wo wir ohne Hinblick auf ein vorhandenes Muster fortwährend tastend und versuchend Vorgehen mußten. Denn unsere Hochschule ist doch nicht, wenigstens nicht geradezu, das, was Geiger und Philippson jugendlich beabsichtigten, eine Fakultät irgend einer Universität, welche neben der katholischen und der protestantischen theologischen Fakultät auch noch als dritte die jüdische Fakultät in sich anfgenvmmen hätte. .Jene Männer werden auch wohl bald bemerkt haben, wie aussichtslos ein solches Vorhaben war. Aus dem Munde M Seniors unserer Herren Kuratoren, der sich an der Stiftung seit dem Anftauchen ihres Gedankens eifrig betheiligt hatte, haben Sie gehört, wie viel gescheiterte Versuche gemacht waren,'ehe es gelang, dieselbe ins Leben zu bringen, und namentlich auch, wie diel Dank wir für den glücklichen Erfolg dem sel. Stadtrath Moritz .Meyer schulden, wie auch nach seinem Tode seiner ehrwürdigen Gattin, während beide Söhne im Curatorium sitzen. .. Was wir Lehrer aber litterarisch geleistet, wie viel Schüler wir ansgebildet haben, was von diesen Größeres und Geringeres veröffentlicht ist, liegt Ihnen in unserem Bericht vor. Jetzt bitte ich nur,' mir -zu gestatten, unter welchen Umständen unsere Anstalt gewirkt hat. Ihnen ein wenig näher vorzuftthren. . Die Grundidee, welche in unserer Hochschule verwirklicht werden .sollte, rührt vom Professor Lazarus her. Ihm in seinem unzerstörbaren Idealismus und Optimismus lag es daran, die alte Jeschiba und Ms Beth-Hainidrasch für die heutigen Juden gemäß den neuen wissenschaftlichen Forderungen und Lebensverhältnissen wieder zu belebeil. Lazarus und die mit ihm wirkenden Herren Curatoren, unter denen ja Philippson selbst war (und Geiger während seiner Unterhandlungen mit der Berliner Gemeinde hatte sich andererseits auch das Versprechen geben lasten , daß ihm eine Lehrstätte an utrMer Anstalt gewährt werde), einstimmig also war man der Ansicht, daß hier Freiheit in vollem Sinne herrschen müsse. Zn einer solchen Freiheit aber gehört vor allem eine völlige Unabhängigkeit yonl Staate. wie. von der.Gemeinde. - Materiell mußte eine solche Anstalt nur von der Thätigkeit und den Beiträgen eines nur'zu diesem Zwecke sich bildenden Vereins - getragen - werden; innerlich für die Lehrer und die zu lehrenden Disziplinen ' lnußte nur das Wesen der Wissenschaft maßgebend sein; dem Staate aber.mußte pur die Aufsicht überlasten werden, auf welche er nach de/Idee des Rechtes nicht verzichten darf; die Hörer endlich mußte^die Anstalt Massen, woher sie auch komlnen möchten, sobald sie sich der unvermeidlichen Disziplin fügen. Wenn auch in erster Lipie die Ausbildung-von Rabbinern beabsichtigt war, -so wollten löir doch nicht den jüdischen Gemeinden blos die. Beamten liefern/ Wir Lehrer sollten, jeder nach bestem Wissen und Gewissen, mitMusschluß jeder Rücksicht lediglich das Vorträgen, was uns zur Verbreitung wahrer Erkennlniß des Judenthttins zu führen schien. Wer sich also überJndenthum unterrichten lassen wollte und konnte, auch der Privatmann, sollte uns willkommen sein.