Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 268 ' --- ' geblieben. Nach wie vor hatten wir an den Prinzipien fest, auf,deren Grund die Anstalt eröffnet worden ist, nnd wir gehen mit dem Bewußtsein dem folgenden Vierteljahr hundert entgegen, daß die Geschichte der ersten- 25 Jahre unserer Anstatt zugleich ein bedeutendes Stück der Geschichte unserer Wissenschaft istdaß wir die edelsten und höchsten Bestrebungen des Judenthums zu vertreten haben." Der eingehende Bericht des Kuratoriums weist auf viel ausdauernde und freudige Arbeit^ aber auch auf mannigfache Sorgen hin, welche die Begründung und weitere Führung der Hochschule gekostet hat Bon den Mitgliedern des Kuratoriums haben sich insbesondere Sanitätsrath Dr. Neumann und' Geheimrath Professor Dr. Lazarus, dessen edle Erscheinung bei dem gestrigen Feste von seinen Verehrern nur zu schmerzlich vermißt wurde, um die Begründung und Leitung der Anstalt verdient gemacht. Professyx Lazarus war 23 Jahre lang Vorsitzender .des Kuratoriums. Seine Verdien ste wurden gestern in warmer Anerkennung hervorgeh oben. Die Daten des Berichts über die Lehrer und Hörer, über die abgegangenen Zöglinge und ihren Wirkungskreis, über die Hilfsveranstaltunge^, Stipendien und Stiftungen möge man an Ort'und Stelle selbst nach-- lesen. Es wurde hier viel zu weit führen, auf diese Einzelheiten einzugehen; wir kommen auch noch gelegentlich darauf zurück.;; Einen weit weniger erfreulichen Eindruck macht der Bericht über die Einnahmen und Ausgaben. Wenn wir das Schlußergebniß in Betracht zieheu/so möchte die Sache fast leidlich erscheinen; es steht aber doch wohl schief darum, denn die materielle Lage der Anstalt ist keine erfreuliche. Das Mißverhältniß zwischen den Erfordernissen und den nothwendigen Mitteln wird von allen betheiligten Faktoren schwer empfunden, hoffentlich trägt die gestrige Feier dazu bei, das Interesse für die Lehranstalt in weite Kreise zu tragen und den Kreis i^rey Wohlthäter und Helfer immer mehr zu erweitern. Es ist das unbedingt erforderlich, soll die Lehranstalt ihren Aufgaben nach allen Richtunge^ hin gerecht werden und zu immer größerer Blüthe sich entwickeln. In diesem Sinne betrachten wir das Fest als einen Markstein ist der Geschichte der Anstalt, mit dem eine neue. Epoche allgemeiner Theilnahme für die Lehranstalt innerhalb der deutschen: Judenheit beginnen möge! . .. Dem Bericht ist noch ein Verzeichniß der Vorlesungen beigeg&err> welche an der Lehranstalt während der abgelaufenen 56- Semester gc**' halten worden sind. Ferner eine namentliche Liste der nach Domiztt und Berufsstellung bekannten ehemaligen Hörer, eine Uebersicht Fonds, der Einnahmen und Ausgaben, und zum Schluß ein Rückblick auf die litterarische Thätigkeit der Dozenten und der ehemaligen Hörer der Lehranstalt, der für Fachkreise von -besonderem Interesse sein dürfte. , Der Abend des Festtages vereinigte Lehrer, Hörer und Freunde der Anstalt zu einem solennen Festkommers in dem großen Saale des „König von. Portugal". Herr Dr. M. Warschauer leitete densklböst in sehr geschickter Weise. Er hielt auch die Einleitungsrede, welche füx die Anschauungen, von denen die Hörer der Lehranstalt erfüllt sind, voy symptomatischer Bedeutung war. Hierauf folgte eine lange Reihe ernster und launiger Toaste, bei denen manches gediegene Wort wie ein Saatkorn in die Herzen der Hörer fiel. Die Trinksprüche der Herreü Professoren Philippfon und Geiger, der Herren Dozenten Banetch und Schreiner, der Hörer der Lehranstalt Herren DDr. Joseph? Lewit, Walter, Cohen, W or ms und vieler Anderer galten zunächst der alma matsr und dann dem greisen Jubilar, Herrn Professox Steinthal, ferner dem Kuratorium, dem Lehrerkollegium, den Ehren? gasten, den Frauen, kurz, dem ganzen Kreise Derer, die in irgend welcher Beziehung zur Lehranstalt stehen. Erst in später Nachtstunde trat ditz Fidelitas in ihre vollen und gleichwohl unverkürzten Rechte. Es ist eine abgebrauchte Reporterphrase, die den Eindruck jedes Festes alß „unvergeßlichen" bezeichnet. Aber wenn je, so ist dieses Wort - hier berechtigt. Allen, die das Glück und die Ehre hatten, an der Feier theilzunehmen, wird sie unvergessen bleiben. Möge aber auch die Be^ geisterung, die gestern alle Theilnehmer gleich erfüllte, noch lange fortwirken und Früchte tragen, die unserer Lehranstalt zu güte kommen,'der wir in herzlicher Theilnahme ein „Vivat, örsseat, kloroat!" zurnfen. k Zum 25 jährigen Jubiläum der Lehranstalt für -ie Wissenschaft des Iudenttzums. Bon Prof. Dr. H, Steinthal. Hochgeehrte Anwesende! (9jj®jVeine Kollegen, die Lehrer dieser Anstalt, deffen 25jähriges Bestehen Mr heute-feiern, haben mich beauftragt, in ihrem Namen an dieser Stelle zu sprechen... Ich soll vor allem Ihnen danken, dem eifrigen Curatorium und den hochherzigen Mitgliedern, für das Wohlwollen, welches Sie uns/bisher bewiesen haben;.sott Sie ferner bitten, dieses Wohlwollen uns zu bewahren, auch in' dem Kreise Ihrer Freunde zu verbreiten; und soll hauptsächlich den.Grundgedanken aussprechen, der die-Gründer dieser Anstalt vor 25 Jahren beseelte, und dem wir, wie die Herren Curatoren, trotz.des Wechsels der Personen, unentwegt treu geblieben sind. Diese Beharrlichkeit soll und kann auch nur der einzige Dank sein, den wir den Wohlthätern der Anstalt widmen. Mir aber ist die Aufgabe, all dies hier auszusprechen, von meinen Kollegeir deshalb ansgetragen, weil ich in unserem Collegium der Aelteste an Jahren und auch der. Einzige bin, der schon bei der Eröffnung bis heute Mitglied desselben war. Außer mir ist nur noch. Einer am Leben, der damals die Lehrstätte mit uns betrat, Herr Dr., Israel Lewy, heute in Breslau Vertreter des talmudischen Faches an dem dortigen jüdisch-theologischen Seminar. Auch den Hörern lmserer Anstalt soll ich danken — den älteren, die längst oder unlängst in Amt und Würde sind, für das treu bewahrte Andenken; denMngeren, die heute noch unsere Lehren suchen, für ihren Fleiß und ihre Aufmerksamkeit. Letztere werden aber auch am leichtesten entschuldigen, wenn wir sie gerade bei. dieser Feierlichkeit besonders ermahnen, so viel Mühe und Liebe, wie ihnen hier gewidmet wird, durch eifriges Entgegenkommen zu lohnen. . Der Gedanke, eine Stätte für die Wissenschaft des Judenthums zu schaffen dürfte, wenigstens in Deutschland, so alt sein, wie der Gedanke der Wisienschaft des Inder,ithun.s, und ist gewiß von manche»« jener lebhaft strebsamen Geister unter jenen jungen Rabbinern des 3. und 4. Jahrzehnts unseres Jahrhunderts als frommer Wunsch erfaßt, und ist deffen Verwirklichung auch auf den abgehaltenen Rabbiner-Versammlungen besprochen und ersehnt worden. Zwei Männer aber, die sonst im Leben einander nicht nahe, standen, waren es, welche der Ausführung dieses Gedankens näher getreten waren. Zuerst war es Dr. Abraham Geiger, der schon.1836 den zweiten Band seiner „Zeitschrift für jüdische Theologie", als er noch Rabbiner in Wiesbaden war, mit einem Aufsatz begann über „die Gründung eurer jüdisch-theologischen Fakultät, ein dringendes Bedürfnis; unserer Zeit". Er geht aus von „dem Umschwung der Ideen, von der Veräußerung der . ganzem Anschauungsweise" beim jüngeren Geschlecht der wissenschaftlich gebildeten Juden im Vergleich zum „Glaubensbewußtsein" der früheren Geschlechter. Er klagte über die Mängel, von denen sowohl die jüdische Theologie an sich bedrängt sei, als dieselben auch die Schüler ängstigen müssen, .die im Suchen nach dem, was ihnen Roth thut, halb blind umhertappen. Darum also eine jüdisch-theologische Fakultät! Aber „nicht ein für sich bestehendes Seminar", das wohl, abgerichtete Beamte Herstellen, aber nicht für Wissenschaft und Religion glühende Männer cmsstatten könne. Kurze Zeit darauf trat dann auch der Rabbiner in Magdeburg, Dr. Ludwig Philippson, der 1837 .das erste Wochenblatt für jüdische wrffenschastliche und soziale Interessen begründet hatte,. das ja heute noch besteht, für die Gründung eirier jüdisch-theologischen Fakultät