Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 22. IQtX "ßetltrt, 23. Äai 1897. /Weitage zur „Aktgemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutsch lan-. 3. Berlin, 25. Mai. Soeben erschien das neueste Heft der „Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Bureaus", welches die Ziffern über die Bewegung der Bevölkerung in Preußen aus dem letzten Jahre (1895) enthält. Wir entnehmen demselben diejenigen Daten, welche sich auf die Juden beziehen, und fügen in Klammern jedesmal die Ziffern des vorhergehenden Jahres 1894 bei. In allen Theilen ist das Bild ein dem Vorjahre im Wesentlichen gleiches, nur wenn möglich noch ungünstiger wie damals. Todesfälle unter den Juden kamen vor: Kinder unter 15 Jahren: 1497 (1499), Erwachsene über 15 Jahre; 4086 (3874), zusammen 5583 (5373). Schon 1894wies eine sehr günstige Ziffer für die Sterblichkeit auf, diejenige von 1895 ist trotz der kleinen Steigerung immer noch günstig zu nennen. .Interessant ist ein Vergleich mit der allgemeinen Ziffer. Es starben 1895: Kinder unter 15 Jahren: 364402, es kämen auf die Juden 4081 gegen 1497, Erwachsene über 15 Jahre: 325 227, es kämen auf die Juden 3642 gegen 4086. Diese Gegenüberstellung zeigt also, daß die günstige Gesammtziffer nur von der geringen Kindersterblichkeit herrührt, daß dagegen die Todesziffer bei den Erwachsenen viel höher ist als bei den Nichtjudm. Die letztere Thalsache läßt auf eine ungünstige Bertheilung der Altersklassen bei unseren Glaubensgenossen schließen, offenbar hervorgerufen durch die seit zwei oder drei Jahrzehnten sehr niedrige Geburtsziffer und die Auswanderung derselben im lebenskräftigsten Alter. Dadurch wächst im Verhältniß zur Gesammtzahl der Antheil der höheren Altersklassen und die Zahl der Todesfälle. Die Anzahl der Geburten dagegen ist gering: aus rein jüdischen Ehen: 7811 (8084), uneheliche Kinder jüdischer Mütter 260 (273), aus Mischehen: jüdischer Vater, evangelische Mutter 232 (236), jüdischer Vater, katholische Mutter 59 (49), jüdischer Vater und sonst christliche Mutter 12 (3), evangelischer Vater, jüdische Mutter 212 (205), katholischer Vater, jüdische Mutter 65 (54), sonst christlicher Vater, jüdische Mutter 12 (16), zusammen 592 (663). Die Geburtsziffer ist also wieder herunter gegangen, wie das seit vielen Jahren ständig der Fall ist. Gegenüber der allgemeinen Summe von Geburten 1 208 215 Hütten die Juden 13 532 Geborene haben müssen, sie haben also nur 62 pCt. der Ziffern aufzuweisen. Dementsprechend hätte ihre Quote bei der Kindersterblichkeit auf 2530 statt 4081 heruntergehen sollen. Sie ist indessen bis auf 1497 gefallen, also in der That überaus günstig und ein glänzendes Zeugniß für die Sorgfalt, welche wir Juden unseren Kindern widmen. Die Eheschließungen sind etwas gestiegen; aber auch die Zahl der Mischehen ist neuerdings gewachsen und damit der immer steigende Verlust, den wir Juden dadurch erleiden. Es wurden Ehen geschloffen 1895(1894): rein jüdische Ehen 2502 (2363), Mischehen, jüdischer Mann, evangelische Frau 162 (133), jüdischer Mann, katholische Frau 39 (20), jüdischer Mann, sonst christliche Frau 6 (5), evangelischer Mann, jüdische Frau 115 (113), katholischer Mann, jüdische Frau 48 (34), sonst christlicher Mann, jüdische Frau 7 (5), Summa 397 (310). Wenn wir demnach den 2502 rein jüdischen Ehen noch die Hälfte der Mischehen zurechnen, kommen wir auf die Summe von 27O0, während gegenüber den insgesammt 253 729 Ehen in Preußen auf die Juden 2842 entfallen würden. Die Eheziffer ist demnach keine allzu ungünstige, nur die Mischehen üben diesen Einfluß aus. Noch einen interessanten Vergleich. Auf 2502 rein jüdische Ehen kommen 7811 Kinder, das heißt auf 100 Ehen 312 Kinder, dagegen bei 397 Mischehen nur 592 Kinder oder auf 100 Ehen 148 Kinder, abermals ein interessanter Beweis für die Wirkungen der Mischehe. 2/D Berlin, 25. Mai. In dem letzten Bericht über die von Herrn Sanitätsrath Blumenthal in der Repräsentantenversammlung angeregte Besprechung des Reskriptes vom Polizei-Präsidium, betreffend den jüdischen Religionsunterricht, sind die einzelnen Punkte der Besprechung nicht wiedergegeben. Wir tragen diese auf vielfachen Wunsch nach, damit diese hochwichtige und in die Aufgaben der Gemeinde tief einschneidende Angelegenheit, welche nach dem Gesetz von 1847 seit 50 Jahren schon der Gemeinde obliegt und bis jetzt wenig berücksichtigt worden ist, zur allgemeinen Kenntniß und Diskussion kommt. Die Materie ist in ihrer Ausführung so schwierig und dabei so dringend, daß nur die breiteste Diskussion einen Modus der Erledigung finden wird. — Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal hatte verlangt: 1. Einen Nachweis der Anzahl aller jüdischen schulpflichtigen Kinder in allen Privat-, städtischen und königlichen Schulen. 2. Wie viele dieser Kinder erhalten Religionsunterricht und von wem? 3. Wo sind die Lehrer resp. Lehrerinnen zum Religionsunterricht vorgebildet? Bon wem sind sie nominirt resp. geprüft? 4. Ausarbeitung eines Regulativs für die Vorbereitung von Lehrern und Lehrerinnen und Einsetzung einer Prüfungs- Kommission. (Einstweilen ist die Prüfungs-Kommission für jüdische Seminaristen mit Hinzuziehung eines Deputirten des Provinzial-Schul- Kollegiums zuständig.) 5. Ausarbeitung eines Unterrichtsplanes für die Schulen. (Mädchen-, Knabenschulen, höhere, mittlere, niedere Anstalten.) 6. Kontrole des Religionsunterrichts durch von der jüdischen Gemeinde angestellte Schulinspektoren. (Vielleicht in Verbindung mit den Vorständen und Direktoren der betreffenden Schule.) 22 Berlin, 24. Mai. Die zweite Religio ns sch ule der jüdischen Reformgemeinde in der Louisenstädtischen Oberrealschule, Dresdenerstraße 113, ist mit Beginn des Sommersemesters eröffnet worden. Es nehmen bis jetzt 36 Kinder, und zwar 24 Knaben, 12 Mädchen, an dem Unterricht theil, der von den Herren Predigern Dr. Levin und Klemperer ertheilt wird. Vorläufig sind zwei Klassen eingerichtet; jede Klasse erhält zwei Stunden wöchentlich Unterricht. Wie wir hören, hat die Reformgemeinde die Absicht, auch noch in anderen Stadttheilen Religionsschulen zu begründen. Der Lehrplan, der zunächst für die zweiklasstgen Schulen in der Johannis- und der Dresdener Straße festgestellt wurde, ist folgender: I. Unterklasse. Wintersemester: Biblische Geschichte: Vom Beginne bis zu Josia. Religionslehre: Die zehn Gebote. Die Feste. Gesetze der Heiligung. Ausgewählte Psalmen. Hebräische Leseübungen. Sommersemester: Biblische Geschichte: Die Richterzeit. Saul, David und Salomo. Religionslehre: Moses 'Reden. Ausgewählte Psalmen. Sprüche Salomos. Aus Jzob. Aus Kohelet. Hebräische Leseübungen. II. Oberklasse. Wintersemester: Biblische Geschichte: Von der Theilung des Reiches bis zum zweiten Tempelbau. Die Reden der Propheten. Religionsgeschichte: Der Talmud und seine Lehrer (Sopherim, Tanaim, Amoraim) in Charakterbildern. Die Sprüche der Väter. Sommersemester: Jüdische Geschichte: Von Alexander d. Gr. bis zur Auflösung des Reiches. Die Juden in den asiatischen und europäischen Ländern, besonders in Spanien und Portugal, und deren Litteratur. Religionsgeschichte: Die alexandrinische Litteratur. Die religionsgesetzliche Entwickelung durch die Saboraim, Gaonim und Rabbinen. (Saadia, Maimonides, Mendelssohn.) Außerdem wird in einer besondern Klaffe der Konfirmationsunterricht ertheilt. Lx. Aus der Provinz Posen, im Mai. Anfangs dieses Monats feierte das Rentier F. Magnus'sche Ehepaar in Tuchel das Fest der goldenen Hochzeit; aus diesem Anlasse wurde demselben von dem dortigen Landrath die Ehejubiläumsmedaille überreicht. Der Bürgermeister überbrachte die Glückwünsche der städtischen Behörden. — Im Alter von 51 Jahren starb am 30. v. M. an seinem Geburtstage der israelitische Lehrer Isidor Goldschmidt in Jaratschewo. Der Verstorbene wirkte ununterbrochen seit seinem Amtsantritt an der dortigen einklassigen jüdischen Schule. — Am 4. d. M. feierte das Leiser Elias'sche Ehepaar in Wreschen das Fest der goldenen Hochzeit. — Der Kaufmann Arnold Pilz in Ostrow o hat dem dortigen israelitischen Frauenverein ein Geschenk von 200 M. mit der Bestimmung überwiesen, daß die Zinsen