Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-28 · Heft 22 (28.5.1897) · p. Seite 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228225--53735-3267675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

264 „Sind Sie unwohl," rief der Buchhalter, selbst vor Aufregung , zitternd, „soll ich den Arzt holen lassen?" t Awrom schüttelte abwehrend den Kopf. „Wasser!" hauchte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Der Buchhalter eilte nach dem Alkoven und brachte das Ver--.- langte. Mit matter Bewegung tauchte Awrom seine Fingerspitzen in das Glas und benetzte sich Stirn und' Schläfen. Walter, der' seine Fassung wiedergewounen hatte, stellte das Wasserglas auf den Schreibtisch, nahm von dem Tische ein halbgefülltes Weinglas, tauchte sein Taschentuch darin ein und rieb damit des Freundes Gesicht und Handgelenk, der mit stummem Kopfnicken dafür dankte. Dann holte er eine Flasche Cognac, füllte ein Glas und zwang den Freund, der seinen Kopf müde an die Stuhllehne fallen ließ, davon zu trinken. „Danke, es ist schon besser," sagte Awrom endlich. „Soll ich nicht den Arzt holen oder Sie nach Hause bringen?" fragte der Buchhalter besorgt. „Nein, nein," erwiederte Awrom entschieden, „es ist nur die moinentane Aufregung. Eiu Unglück kommt nicht allein. Verzeihen' Sie, mein Freund, daß ich nicht deutlicher sein kann. Es ist nicht Mangel an Vertrauen. Ich muß erst mit mir selbst einig werden." Nach diesen Worten griff er wieder in das vor ihm stehende Wasserglas und ließ die aufgefangenen Tropfen von seinen Fingern auf seinen Scheitel fallen. „Lassen Sie mich doch Sie nach Hause begleiten," bat der Buchhalter inständig. „Ich will Franz rufen, damit er bei Ihnen bleibe, während ich auf einen Augenblick zur Wage hinübergehe." «Ich gehe mit Ihnen," sagte Awrom, während er sich mit Mühe von feinem Stuhle erhob. „Die frische Luft wird mir gut,thnn. Es ist auch nothwendig, den Arbeitern zu zeigen, daß man es sichnicht leicht macht." Der Buchhalter versuchte keinen Einwand, und den Chef beim Arme haltend, stieg er mit ihm langsam die Treppe hinab in den ' stillen, von traulichem Sternenlicht matt erleuchteten Fabrikhof. Als-, sie an dem Magazin vorüberschritten, in welchem die Kasse war,.-, blieb Awrom plötzlich stehen, und mit wilder Geberde nach den dunklen Fenstern deutend, rief er: „Für Mörder errichtet man Galgen; für die, welche mit kalter Ueberleguug unser Leben untergraben und uns unter langsamen Qualen lobten, Qualen, denen ' gegenüber die Grausamkeit eines Kannibalen Barmherzigkeit ist, hat das Gesetz keine Strafe. Wenn Sie wüßten, welch schändlicher Bube. dieser Aspernfeld ist!" „Regen Sie sich nicht uunöthig auf," bat der Buchhalter, indem er den Freund mit sanfter Gewalt von dem Platze wegzog. „Wir dürfen über unserem Zorn nicht die wirksamste Rache vergessen —? das Unternehmen zu retten und die Schändlichkeit der Gegner 311 entlarven." Der Zorn hatte die Schwäche überwunden. Awrom löste seinen Arm aus dem seines Begleiters und schritt festen Fußes neben ihm ihrem gemeinsamen Ziele zu. Sie hatten fast das Thor erreicht, als der Wagemeister auf sie zukam und mit einem devoteren Tone, als man sollst an ihm gewohnt war, meldete: „Ich habe bis jetzt auf den Herrn Bürgermeister gelvartet und war gerade im Begriff, Sie aufzusucheil. Die Wagen silld beladen,; aber der Magazinaufseher verweigert die Uebernahme, und der Zug muß jeden Augenblick eiufahren, welln ihn: nicht ein Haltsignal ' gegeben wird." „Haben Sie ihm die Meldung rechtzeitig gemacht?" fragte der Buchhalter. „Gewiß!" war die Antwort. „Und was sagte er?" „Muß ich das wiederholen?" „Ich bestehe darauf!" sagte Awrom in bestimmtem Tone. „Er sagte: „Ich habe die Judenwirthschaft schon satt bei Tag und Nacht. Ich lasse mich dem Herrn Bürgermeister empfehlen, und wenn feine Gnädige kein Bedürfniß nach seiner Gesellschaft hat, so will doch ein anderer Christenmensch auch einmal einen Abend bei Weib und Killd zubringen." „Das hat er gesagt." „Uild Sie haben diese Unverschämtheit hingehen lassen, ohne mich sofort zu rufen?" schrie der Buchhalter außer sich. „Sie sagten doch, daß sie bald herüberkommen würden," war die trotzige Antwort. „Sie sind eiltlassen," schrie der Buchhalter noch heftiger, „und Ihre Wagebücher werden wir morgen vom Gericht untersuchen lassen." „Ruhig!" sagte Awrom entschieden, seine Aufregung niühsam niederkämpfeild. „Ich will selbst mit dem Manne reden." Damit walidte er sich zu dem geöffneten Gitterthore, bei welchem der Wächter stand, der es soeben für den Wagemeister geöffnet hatte. „Der Zug, Herr Bürgermeister!" schrie der Wächter, iildem er den Vorbeieilenden zurückzuhalten versuchte, aber schon war dieser an ihui vorübergestürmt unb hatte das Geleise erreicht. „Der Zug fährt ein!" schrie der Wächter nochmals. Die Erde bebte, man hörte das Keuchen und Pseifen der Lokomotive, das Zischen des Dalilpfes, das Kreischen der Bremseil, man sah das Schwingen der rothen Laternen. Mit einem Male ertönte der schrille Pfiff des Nothsignals, die Bremsen wurden mit aller Macht angezogell; der Zug hielt vor der Drehscheibe. Bahnwächter und Fabrikarbeiter kamen ■ mit ihren Laternen, der Wächter eilte athemlos herbei, ohne, wie es Vorschrift war, das Thor zu schließen; der Buchhalter brach mitten in seinem Wortwechsel ab unb rief in angstvollem Stottern: „Herr Bürgermeister, um Gotteswillen, wo sind Sie?" Ehe er noch zur Stelle kam, hatte der Zugführer, der rasch von der Lokoniotive abgesprungeil war, zwischen den Rädern des Tenders die furchtbar verstümmelte Leiche eines Mannes erblickt. Das Gesicht war fast unkenntlich, aber Jeder wußte sofort, wer der Getödtete war. Sproctzscrat. Verehrter Herr Redakteur! #egenüber den Bemerkungen des Herrn X. in Nr. 21 d. Bl. erlaube ich mir die Frage: Was soll das heißen, wenn mair^nicht nur Herrn Oberrabbiner Hirsch, der stets der gemäßigten aber konsequentesten Orthodoxie angehört, und dafür überall, wo er gewirkt, die materiellen Vortheile preiszugeben bereit war, ohne jede Begründung als „vormals recht gemäßigt" bezeichnet, sondern ihm auch vorwirft, daß sein Sohn in Karolinenthal an einer „Orgelsp nagoge" wirkt? Letzteres ist nebstbei gesagt unrichtig. In Hochachtung Prag, 21. Mai. Dr. A. Kisch Rabbiner an der „Orgelsynago ge" in Prag und trotzdem ein Freund von Hirsch sen. u. jun. * Briefkasten der Redaktion. A. H. in K.: Leopold Adler, Ottilie Bach, von der wir ja jetzt eine Erzählung bringen, Marco Brociner find Juden, E. Bloch dagegen nicht. Druck und Verlag von Nnvols Mvsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.