Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-28 · Heft 22 (28.5.1897) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228225--53734-3267674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

263 rasch durch, holte das Schreibzeug vou dem Schreibtische und Unterzeichnete; der Buchhalter fertigte als Zeuge. Franz wurde gerufen, und es machte den drei Herren viel Spaß, zu sehen, wie er die Feder mit der hohlen Seite nach außen hielt und bei . seiner gewaltigen Anstrengung, die Schlinge des „F" nach oben zu ziehen, einen Archipel von Tintenflecken über das Papier spritzte, die er beinahe mit seiner Zunge ausgewischt hätte, wenn der Notar nicht noch rechtzeitig das allzu eifrige Organ durch einen Schlag an seine natürliche Stette zurückgebracht hätte, was natürlich allgemeine Heiterkeit hervorrief. Der Notar ließ dann die Tintenflecke von einem Löschblatt aüsfangen und gab Franz die Feder in die Hand, der endlich nach saurer Arbeit seinen Namen zusanimenkritzelte und erneuerte Heiterkeit hervorrief, als er fragte, ob er auch „katholisch und Wittwer" dazusetzen müsse, eine Heiterkeit, in die Franz um so aufrichtiger einstimmte, als er für seine Mühewaltung mit einem Glase Wein und einer Cigarre belohnt wurde. Das Geschäft war beendigt, und der Notar entschuldigte sich daniit, daß er in das Kasiiw zu einer Whistpartie gehen müsse, was wieder Awrom zu einer erneuerten Betheuerung seines Bedauerns für die verursachte Störung und den Notar zu einer Betheuerung. seiner jederzeitigen Bereitwilligkeit, dem Herrn Bürgermeister zu dienen, veranlaßte, worauf man sich mit herzlichem Händeschütteln trennte: Die beiden Freunde waren nun wieder allein, und kaum war Awrom, der den Notar vor die Thüre begleitet hatte; in das B§reau zurückgekehrt, als der Buchhalter, nachlässig in seinem Fauteuil ausgestreckt, begann: „Sie wollten wissen, warum Kreimer den Lvneschitzer Auftrag nicht ausgeführt hat. Ich habe darüber nur Ber- : muthungen, aber höchst gegründete. Der gute Mann merkt, daßman ihm nicht traut, und darum zeigte er gerade darin eine gewisse Nachlässigkeit. Noch wahrscheinlicher aber ist es, daß er zur Ausführung eines derartigen Auftrages eine Zeit wählt, wenn er. nur ' solche Arbeiter um sich hat, deren Verschwiegenheit er gewiß ist." ' „Das ist nur eine Vermuthung," fuhr der Buchhalternach einer , kleinen Pause fort, „aber ganz sicher bin ich, daß er mit dem Major, welcher der Organisator der ganzen — na, sagen wir — . Oppositionspartei ist, unter einer Decke spielt. Er hat unter dem ' Major als Wachtmeister gedient und hat durch dessen Verwendung seinen jetzigen Posten bekommen. Ein Mann, der als Wachtmeister gedient hat und Besitzer der Tapferkeitsmedaille ist, sieht nicht gern — Sie verzeihen meine Offenheit — in einem Juden seinen Herrn. Was der Fabrik Schwierigkeiten macht, ist ein Pflaster auf sein verwundetes Ehrgefühl." „Sie mögen Recht haben, Walter," sagte Awrom verstimmt. „Ich bin derlei gewohnt. Dieselben Leute, die meine Gönner waren, als ich einem kleinen Kramladen Vorstand, hassen mich jetzt wegen meiner kaufmännischen Erfolge. Die Bürgerpartei würde auf Fabrik und Eisenbahn trotz des großen Vortheiles, den diese der Stadt - bringen, gern verzichten, wenn sie nur mich ruiniren könnte." „Wir müssen den Kreimer beobachten," begann der Buchhalter wieder. „Seine Entlarvung wäre eine werthvolle Waffe gegen die Jntrizuen der Gutsverwaltung. Ich habe nämlich den Verdacht,^ daß die Streitkräfte, welche Dr. Helbing kommandirt, es auf den Konkurs abgesehen haben, wie Sie, Herr Chef, es ihm heute andeuteten, um den Grafen, der sich außer um Politik und Rennsport um nichts kümmert, ein vorteilhaftes Geschäft machen zu lassen, bei dem sie selbst natürlich auch ihre Rechnung finden werden." Der Angeredete saß in dumpfes Brüten versunken da. Unwillkürlich fielen ihm die Worte seines Vaters ein, der von dem Glücke der einfachen alten Zeiten mit ihrer gemüthlichen Enge gesprochen hatte. Warum drängte mall sich nach Reichthum und < Ehren mit aller Verantwortlichkeit und all dem Haffe und Neide, die sie im Gefolge haben? Hat man jemals in dem elterlichen Hause mit-den zwei engen. Räumen-das Bedürfniß nach einem Empfangszimmer und einem Speisezimmer, gefühlt? Konnte aller Komfort der Erde, konnte der Luxus aller Kontinente jene Behaglichkeit ersetzen, welche Mordche empfand, wenn er am Freitagabend die ' Sabbathengel begrüßte und sich zu dem Teller mit dampfender Graupensuppe, zu der Gans und dem „Barches" niedersetzte? Konnte ein Theater- oder Kasino-Abend dem Sohne jene Arbeitsfreudigkeit geben, die der Vater empfand, wenn er am Ausgange des Sabbaths die „Hawdole" verlöschte und seille ersehnte Tabakspfeife in Brand setzte? Awrom saß eine geraume Weile in Gedanken versunken da, als der Buchhalter, bedauernd, daß er dem Gespräche eine solche Wendung gegeben hatte, mit einer erzwmlgenen Gleichgiltigkeit sagte: „Ich will doch zur Vorsicht Nachsehen, was die Arbeiter in der Schnittengrube machen." „Ich will selbst mitgehen," sagte Awrom, indem er sich müde - von seinem Fauteuil erhob. In diesem Augenblick klopfte es, unb der Briefträger trat ein. „Ergebenster Diener! Einen Expreßbrief für den Herrn Bürgermeister!" rief er, indem er Awrom ein Schreiben überreichte. Dieser unterschrieb gleichgiltig den Empfangsschein und besichtigte l zuerst Poststempel und Adresse. Die Adresse war vou Leonorens Hand, der Poststempel bewies, so undeutlich er war, daß der Brief in einem Eisenbahnzuge aufgegeben war. Was konnte sie ihm so Wichtiges mitzutheilen haben? Warum hatte sie den Brief in einem ^'fahrenden Zuge geschrieben? Seit drei Wochen war sie in Wien zu ihrer Zerstreuung, wie der allezeit gefällige Arzt, dem sie diesen Vorschlag machte, gerathen hatte, und auch, um einen Spezialisten der Nervenheilkunde zu Rathe zu ziehen. Seit dieser Zeit hatte sie allwöchentlich einige Zeilen geschrieben, ganz kalt und formell, immer klagend über ihre Gesundheit, ohne etwas von einer Absicht der Rückkehr oder einer anderen Reise zu erwähnen. Ihr Gatte hatte diese Briefe ebenfalls flüchtig und mit Hinweis auf geschäftliche 'Schwierigkeiten beantwortet, die ihin zu seinen persönlicheil Angelegenheiten keine Zeit ließen. Was bedeutete dieser Brief?. Sollte sie von den Vorgängen der letzten Tage gehört haben und zu einem / Bewußtsein ihres Pflichtgefühls erwacht sein, um an die Seite ihres Gatten zu eilen? Ein Gefühl von HoffllMlg, gemischt mit einer unerklärlichen Angst, hielt ihn gefangen, während er. eine Minute lang mit dem Briefe in der Hand da stand. Endlich riß er hastig dem Umschlag auf und las: „Lieber Adolf! Mit schwerem Herzen mache ich Dir diese Mittheilung. Drei Wochen reiflicher Ueberlegung haben mich von der Nothwendigkeit meines Schrittes überzeugt. Dein Stillschweigen an jenem Abende sagte in beredterer Weise, als heftige Vorwürfe es vermocht hätten, daß Du Dich durch mich unglücklich gemacht siehst. Mir war es von diesem Augenblick an zur Gewißheit geworden, daß wir nicht für einander gemacht sind. Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich weit weg von Dir. .Ich gebe Dir jede Vollmacht zu gerichtlichen Schritten und wünsche Dir das häusliche Glück, daß Du ersehnst, von ganzem Herzen. Leonore." Awrom las und ' las wieder. Er konnte seinen Augen nicht trauen. Das Zimmer schien sich mit ihm zu drehen. Der Buchhalter, der die ganze Zeit über unschlüssig all der Thüre. gestanden hatte, sah, wie er bleich wurde und mit zitterildeil Händen, nachdem er den Brief zerknittert in die Tasche gesteckt hatte, sich all der Lehne des Schreibtisches eine Weile festhielt und sich dann mit einem " schweren Seufzer in den Armstuhl, der davor stand, sinken ließ-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.