Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ Gleich nach diesen Worten trat sie mit -dem duftigen Tranke-, herein. Indem sie die Gläser füllte, fuhr sie munter fort : „Eine! hübschere Hebe könnte für diesen Göttertrank gerade nichts schaden,' aber Sie nehmen eben mit mir vorlieb. Also zuerst auf Ihr Wohl; dann auf das Gedeihen Ihres Erstlingswerkes und zuletzt auf unsere gegenseitige Freundschaft" Die drei Gläser klangen hell an einander. „So, und nun Hörer; wir, wo Ihre Wiege gestanden, welche Schicksale Sie erlebt und was Sie mit Ihren vorherigen Worten, die mir nicht ganz verständlich waren, gemeint haben. Sophie, schenke dem Herrn Doktor sein Glas wieder voll; mir unb Dir auch. Bei so einem frühlingsduftigen Tranke plaudert es sich noch einmal so gut, und wenn Sie erzählt haben, dann spielt uns Sophie eine Beethovensche Sonate vor, ich denke, dann haben wir den Tag ganz würdig gefeiert." Mutter und Tochter saßen auf dem Sopha. Jede mit einer Handarbeit beschäftigt./ Dr. Klein saß auf dem einzigen Lehnsessel, der vorhanden war, neben der älteren Dame; die Lampe ergoß ihr mildes Licht über das freundliche Zimmer und die drei so eng befreundeten Menschen. Ein paar Minuten vergingen lautlos; dany begann Klein mit einem tiefen Athemznge: „Ich weiß nicht, in welchen Verhältnissen Sie, meine Damen, gelebt uni), ob Sie je das furchtbare Gespenst Nahrüngssorge kennen gelernt haben. An' meiner Wiege hat es gestanden, mich hat es in den Knabenjahren begleitet; die Kindheit und Jugend meiner einzigen, ach, so holden Schwester wie die meine, vergiftet; meiner guten Mutter vorzeitig die Haare gebleicht; ihr und meinem armen Vater, meiner Schwester ein frühes Grab bereitet, Lasten. Sie mich schnell über dieses Thema hinweggehen. Die Erinnerung an jene Zeiten waren oft im Stande, mein Denken und Hoffen zu lähmen. Es. bedurfte meiner ganzen Kraft, um sie zurnckzuscheuchen. Wie viel die Mensch? heit sündigt, wenn sie den Angstschrei der Armen überhört, wenn sie die voll berechtigten Wünsche der „Enterbten", wie die große Gemeinde der Verbitterten nicht grundlos genannt wird, nicht zu erfüllen versucht, kann nur der ermessen, der von Kindesbeinen an den nutzlosen Kampf des Einzelnen gegen die Macht der Verhältnisse mit angesehen und selbst durchgemacht hat. O, dieses, ewige Ringen mit der Armuth, dieses ewige sich Sträuben gegen die furchtbaren Konsequenzen dieses so brutalen Unglücks, das die edelsten Keime erstickt, die besten Vorsätze umwirft; die geistige Schwungkraft lähmt und im Stande ist, von, Natur aus harmlose, gute Menschen zu Verbrechern zu machen." (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Vierunddreißigstes Kapitel. Der Abschiedsbrief. arf ich Sie begleiten. Herr Bürgermeister?" sagte Walter, als dieser sich znm Gehen wandte. „Gewiß, ich wollte Sie darum bitten." Die beiden Männer schritten die kurze Strecke zwischen bein Bahngeleise entlang und gaben dem Wächter strengen Auftrag, darauf zu achten, daß kein Fremder die Fabrikgründe betrete oder auch nur durch das Gitter mit den Arbeitern verkehre, und waren min allein in dem spärlich beleuchteten Fabrikhofe, der in dem Sternenlichte der kühlen Frühsommernacht ein romantisches Bild bot, in dem der ruhig glitzernde Teich und die alte Kirchthurmspitze über dem Magazin zu dem Geräusch des Maschinenhauses einen merkwürdigen Gegensatz bildeten. ,; „Was meinten Sie mit der Anspielung auf den Gewichtsabgang." unterbrach Awrom das Stillschweigen. „Ich wollte dem Manne eine Andeutung machen, daß ich ihm nicht traue," erwiederte der Buchhalter. „Die Beschwerde mit dem Gewichtsabgang ist eine Thatsache. jedoch glaube ich, daß sie mehr dazu dienen soll, den Verdacht davon abzulenken, daß Kreimer mit einem der Gutsbeamten unter einer Decke steckt und das Gewicht bei der Rübenschnitte, die wir liefern, geringer, hingegen bei der Rübe, die uns von Loneschitz geliefert wird, höher angiebt. Ich fand nämlich bei der Revision der Bücher, daß die von Loneschitz gelieferten Rüben im Durchschnitt schwerer sind als die von anderer Seite gelieferten." „Mir ist der Mann seit Langem verdächtig," sagte Awrom nachdenklich, indem er eine Weile stehen blieb. „Ich bum mir. nur nicht zurechtlegen, warum er, falls Ihre Vermnthung richtig ist, gerade den Loneschitzer Auftrag verzögert haben soll. Noch , weniger kann ich einen Grund finden, warum er die Arbeiter zum Streik mindestens ermuthigt hat." „Beides bestärkt Ihren Verdacht, Herr Chef," erwiederte Walter, „doch sind wir bei der Kanzlei angelangt, und ich setze voraus, daß Sie den Notar in so später Stunde nicht warten lasten wollen. Ich sehe mich hier noch ein wenig um und spreche in einer halben Stunde wieder vor." „Thorheiten!" rief Awrom, indem er den Buchhalter vor sich in das Haus schob. „Es ist gar kein Geheünniß, und am allerwenigsten vor Ihnen. Ich habe mein Testament gemacht." „Wie, was, Sie werden doch nicht!" stammelte der Buchhalter. „Sterben," ergänzte der Andere, während er die Treppe Hinaufstieg. „Nicht, wenn es nicht sein muß, aber man muß feine Maßregeln treffen in bewegten Zeiten. Uebr'igens will ich es Ihnen verrathen. Meine Absicht geht dahin, eine Vermögeusübertragung vorzunehmen, um die Jntriguen unserer Gegner zu Nichte zu machen. Ihre Pläne gehen dahin, die Fabrik zu ruiniren, indem sie mich verdächtigen. Ein Anderer tritt an meine Stelle; die Panik wird Aktien, die in festen Händen sind, auf den Markt werfen, mein Erbe, Substitut, Strohmann — wie Sie wollen — wird sie kaufen, und mit Buchmaiers und des Pfarrers Hilfe werden wir zwei Drittel des Aktienkapitals in den Händen haben, jedenfalls genug, um die Gntsverwaltung mit ihrem Anhänge nicht fürchten zu müssen. Dann sitzen wir auf dem Kutschbock, und Dr. Helbing mit dem Major mögen zusehen, wie sie Nachkommen." Ehe der Buchhalter ein Wort des Beifalls äußern konnte, hatte Awrom schon die Thüre geöffnet. war . auf den Notar, der am Tische in eine Zeitung vertieft war, zugeschritten und hatte sich, indem er ihm beide Hände reichte, tausendmal entschuldigt, daß -er einen solchen Gast so lange warten ließ. Er erzählte ganz unbefangen von dem Arbeiterausstande, hörte geduldig zu, als der Notar gegen die überhandnehmende Demagogie donnerte, die den Unterschied zwischen Herrn und Diener ganz verwische und den Arbeitern weiß mache, daß sie mit ihren Brodgeberu auf gleicher Stufe stünden. Man sprach dann von den trüben Zeiten, Der Notar drückte die Hoffnung , aus, daß die Fabrik die gegenwärtigen Schwierigkeiten bald überwunden haben werde. Awrom dankte ihm für die Sympathie und sprach die Ueberzeugung aus, daß die unnatürliche Panik bald vorüber gehen müsse. Der Buchhalter brachte seinen geliebten Nierensteiner und die Cigarren.. Man trank sich gegenseitig, in heiterster Laune zu. Dann brachte der. Notar das bestellte Dokument aus der großen Tasche hervor. Awrom las es