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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-28 · Heft 22 (28.5.1897) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 durch die grüne Patinirung außerordentlich gewinnt. Auch die in Bronze von A. Kaan ausgeführte Büste des Erfinders und Bahnbrechers der Lichtbildkunst, Louis Jacques M. Daguerre. lohnt eine längere Betrachtung. Von den sonst in der Skulpturenhalle häufigen Werken, die dem Stoffgebiet des alten Testaments angehören, ist dieses Mal nichts Besonderes zu berichten. In diesem Zusammenhang sind die „Eva" von Hans Satt - Charlottenburg in' Bronze und die beiden Gips - Evas von W. Jacöby - Berlin und A. Kraus-Berlin an dieser Stelle kaum zu erwähnen. Auch hier vermissen wir in diesem Salon nicht nur Antokolsky, dem es ja bei der Fülle künstlerischer Aufträge inmitten einer komplizirten Kulturwelt nicht möglich gewesen ist, seine jüdische Eigenart in einem größeren, dem heimischen Stoffgebiet entnommenen Werke auszuprägen, sondern wir finden an der Stelle, wo auch einheimische Talente der Skulptur sonst biblische Stoffe gewaltig anfaßten, dieses Mal lauter Nippsachen und einige Werke überspannter religiöser Schwärmerei, zu denen auch Minca Boschs (Amsterdam) „Jmploration" zu rechnen ist. Die interessante Bronzebüste Heinrich Heines von Frische-Düsseldorf, die den jugendlichen Dichter mit etwas kurzsichtigem,i nachdenklichem Blick zeigt, befindet sich im Saal 34, sie entspricht ungefähr der Schilderung, die Ludolf Wienbarg von Heines Gesicht zu Ende der zwanziger Jahre entwarf: „Ein schönes, weiches, dunkelbraunes Haar umgab ein ovales, völlig glattes Gesicht, in welchem eine zarte Blässe vorherrschte. Zwischen den einander ge-, näherten Wimpern seiner mehr kleinen als großen Augen dämmerte für gewöhnlich ein etwas träumerischer Blick, der am meisten den Poeten verrieth. Faunisches war nichts in ihm und an ihm. Die faltenlose Stirn leicht und schön gewölbt, die Lippen frei; das Kinn rundlich, doch nicht stark" ... Im Profil gesehen, erinnert diese Heine-Büste mehr an das von Ludwig Gassen 1828 in München kurz vor Heines italienischer Reise gemalte Originalbildniß des Dichters als an das von Moritz Oppenheim 1831 gemalte Porträt des „jungen Heine". Hoffentlich stoßen sich Antisemiten, welche. die Büste im Saal 34 sehen, nicht an der stark gebogenen Nase des ihnen so verhaßten Unsterblichen. Flüchten wir von dieser Unnatur schnell hinüber in den nahen Saal 3 der Gemälde-Abtheilung, wo uns Max Rabe auch ein Gebet, und zwar die bekannte Andacht der an einer Außenmauer des altehrwürdigen. Tempelplatzes in Jerusalem klagenden Juden, darstellt. An4 diesen riesigen, eyklopenhaften Steinblöcken der Kaussel maarowith des herodianischen Tempels klagen eine Anzahl Palästinensischer und einige zum Besuch der heiligen Stadt anwesende Glaubensgenoffen aus der Fremde über die Zerstörung des Heiligthums, doch sie ergehen sich nicht in erregten, lauten Ausbrüchen des Schmerzes, sie beten innig. Zwei Greise mit langen, weißen Bärten, der eine ein Jeremiaskopf, beides vorzügliche Typen sephardischer Juden, sitzen am Boden, zwischen dessen Fliesen brennende Lichter befestigt sind, und lesen in tiefer Andacht ihre Gebete ab. Nicht minder innig beten die beiden, ganz zu den mit hebräischen und arabischen Inschriften bedeckten Quadern gewandten Juden von polnischem Typus, mit runden Hüten und langem Kaftan bekleidet. Mit der Gelaffenheit des echten Orientalen wendet ein anderer betender Glaubensgenosse dem Beschauer sein geistig bewegtes Antlitz zu, er sieht wohl einen Augenblick, daß der Maler die intereffante Szene auf die Leinwand bringt, doch weder er noch die anderen Beter lassen sich in ihrer Andacht stören. Eine Frau mit buntem Kopftuch hat sich tief in ein schmerzvolles Gebet versenkt, wir.können ihr Antlitz nicht sehen, wohl aber schauen wir, wie sie die ehrwürdigen Steine in religiöser Inbrunst betastet. Da ist nichts Theatralisches in diesem herrlichen Bilde. Die heilige Stadt verklärt mit ihrem Glanze die Aermstrn der Armen, ui ihren Zügen spiegelt sich echtes Gottvertrauen. l> Wilhelm Gentz, der bekannte Orientmaler, hatte in seiner Darstellung der Westmauer den Hauptnachdruck auf die Architektur gelegt. Bei Wassili Wereschtschagin, dessen Bild „Trauernde Juden am Freitag Abend" vor Jahren in seiner Ausstellung von Palästinabildern Aufsehen erregte, stört ein leicht karikaturistischer Zug, — daß die Beobachtung des sonst so scharfblickenden Künstlers keine durchaus zutreffende war, zeigten die Tefillin, welche noch dazu in ungewöhnlicher Größe hier am Freitag Abend die betenden Juden schmücken sollten. — Max Rabes Gemälde wird unter den unzähligen Darstellungen der Kaussel maarowitlL stets einen hervorragenden Platz behaupten. Der Maler ist auf unserer Ausstellung noch mit einigen Aquarellen vertreten, unter denen der Studienkopf „aus Jerusalem" sich durch gute Charakteristik auszeichnet. Ob der alte Mann mit dem Turban Jude ist, cbi Io sa, jedenfalls gehört er den höheren Ständen an, und dem Typus nach ist es wahrscheinlich. — Von Saal 3 lenken wir unsere Schritte nach Saal 8. Hier weist Edmund Edel-Berlin mit seinem Bilde „Tröstungen" namentlich bezüglich der Komposition bedeutende Fortschritte auf. Das Bild, das uns einen halbblinden Greis zeigt, dem ein Knabe auf einem alten Spinett etwas vorspielt, gewinnt, wenn man etwas weiter zurücktritt, auch perspektivisch, wenn uns auch einzelne Farbentöne im Vordergründe rechts nicht zusagen wollen. In Beziehung auf das Kolorit verdient das in demselben Saale auf der gegenüberliegenden Wand hängende „Gebet" von Fanny Levy-Berlin weitaus den Vorzug. Der fieberhaft abgehärmte Gesichtsausdruck der betenden Mutter ist meisterhaft gemalt, wenn auch die Komposition als Ganzes trotz des ergreifenden Vorganges nicht frei von einem theatralischen Zug ist. Jedenfalls steht das Talent der Künstlerin, die früher aus ihrem Atelier in Königsberg bereits hervorragende Genrebilder ausstellen konnte, in technischer Beziehung weit über dein Mittelgut, das auch in diesem Salon reichlich vertreten ist. Eva xal Hovza kann man auch von dem Damenbildniß (Nr. 1399 des Katalogs) sagen, das im Saal 42 Trante Steinthal als einziges Werk dieses Mal ausgestellt hat. Ob mehr die Wiedergabe des fein beobachtenden Auges, der Stirn und des energischen Kinnes als die technisch vorzüglich durchgeführte Behandlung des ganzen Interieurs, der Toilette mit der prachtvoll durchgeführten erhabenen Stickerei anzuerkennen ist, bleibe dahingestellt. In der Technik ebenbürtig, bezüglich der leuchtenden Farben der Robe vielleicht noch . gefälliger ist das „Damenbildniß" von Ernst Nelson-Berlin, das in Saal 51 anzutreffen ist. Der Unterschied für den unparteiischen Beobachter besteht darin, daß man von jenem fein durchgeistigten Frauenantlitz sich schwerer trennt und. in der psychologischen Feinheit der Charakteristik jenen geistigen Genuß findet, der ein Kunstwerk adelt. In dieser Beziehung enttäuscht uns dieses Mal Josef Block, jetzt in Berlin, früher in München, der auf der vorigen Ausstellung gerade durch seine Kunst, zu individualisiren und einen tieferen seelischen Vorgang fein herauszuarbeiten, mit seinem „Neuen Herrn" einen vollen Erfolg errang. Das verlebte Gigeclantlitz in dem neuen Bilde „Zwischenakt" ist nicht nur schaal und nichtig, der ganze Vorgang in der Theaterloge wirkt erbärmlich und trivial. — Wenn in der diesjährigen Ausstellung mit Recht das Moderne überwiegt gegenüber dem Retrospektiven und dem Spielen mit alten abgebrauchten Motiven, so ist es doppelt zu bedauern, daß Künstler ihr Talent an solche Nichtigkeiten und Albernheiten verschwenden. Es ist wahr, die Kunst geht nach Brod. Allein wir glauben, daß sich eher ein Mäcen findet, der ein mit ernster Auffassung und mit der den Malern unseres Stammes eigenen Innigkeit des Gemüths gemaltes Genrebild kauft,

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