Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1Ä&ffl 255r 'v tonnt, als daß sie nochmals wiederholt zu ' werden brauchten. Das' gesammte.Besitzthum daselbst beträgt 201619 Hektar,' wovon aber kaum die Hälfte bisher-besetzt ist. Besser steht es nach den Berichten um die Kolonisation in Kanada, wo die Ernte eine gute war, im Gegensatz zu Argentinien, und wo die Kolonisten sich stetig vermehren. In Rußland sollen vor allem Ackerbauschulen errichtet werden. 'Für die jüdischen Kolonien des Gouvernements Cherson hat das Ministerium der Landwirthschaft eine solche begründet. Die I. K. A. hat selbstverständlich atte dahinzielenden Bestrebungen wirksam unterstützt. Dasselbe gilt von Nordamerika, wo die Verwaltung des Hirsch-Fonds eine ausgebreitete Thätigkeit im Interesse der russischenEinwandererentwicke.lt. Alles in allem gewinnt man den Eindruck, daß jetzt innerhalb der Jewish Kolonisation Association planmäßig und zielbewußt gearbeitet wird, daß man sich bemüht, die alte»! Fehler zu vermeiden und nach Kräften wieder gut zu mache!,. Einem solchen Werke kann das Gelingen nicht fehlen. * Das Reichsgericht hat vor einiger Zeit entschieden, daß im ganzen Umfang der Provinz Hannover und im ganzen Umfange des Königreichs Württemberg das jüdische Ehescheidungsrecht zu denjenigen Gesetzen gehört, auf bereu Verletzung gemäst § 511 der Reichscivilprozeßordnung und 8 1 der Kaiserlichen Verordnung vom 28. September 1879 betreffend die Begründungder Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten das Rechtsmittel der Revision gestützt werden kann. * Wir haben vor Kurzem über die Exzesse gegen die Juden in Chodorow (Galizien) seitens dortiger Bahnarbeiter berichtet. Der antisemitische Abgeordnete Pattai fragte im Wiener Parlament die Regierung hierüber an, aber nicht um die Juden zu schützen, sondern, ob die Regierung im Wege der Gesetzgebung und Handhabung der Verwaltung Maßnahmen treffen wolle, welche eine gröbliche Ausbeutung der Arbeiterschaft und der minder bemittelten Klassen, wie sie in Ehodorow angeblich geübt wurde, hintanzuhalten geeignet sind. Zur rechten Zeit veröffentlicht deshalb Herr Dr. S. R. Landau in der „Zeit" einen Artikel, in dem nachgewiesen wird, was es mit der wirthschaftlichen Ausbeutung der Chodorower Arbeiter durch die dort ansässigen Juven für eine Bewandtniß habe. Auf Grund eines unanfechtbaren authentischen Materials erzählt er: „Der unmittelbare Anlaß zum Streite war dadurch gegeben, daß der Arbeiter Buezek am Sonntag den 4. April ohne jeden Grund die Obsthändlerin Rachla Krolem anrempelte und ihren Korb mit Orangen ausschüttete. Der daneben stehende Samuel Strauchler nahm sich der Frau an und gerieth mit Buezek ins Handgemenge. Darauf entstand eine Ansammlung von Bahnarbeitern und Juden, die zu einer Prügelei ausartete. Die ruthenischen Einwohner haranguirten dabei die Bahnarbeiter gegen die Juden, besonders der Schuster Michael Szmer und der Notariatskandidat Rudnicki. Da sich die Masuren in Chodorow nicht genau auskannten, so bezeichneten die Ruthenen ihre Häuser mit Kreuzen. Nun erfolgte die Metzelei,, wobei ein 81 jähriger Greis todtgeschlagen, 15 Personen schwer und mehr als 50 Personen leicht verwundet worden sein sollen. Die einzige geschäftliche Verbindung zwischen den Bahnarbeitern, die alle ihre Lebensmittel im Wege des Trucksystems von der Bau. Verwaltung beziehen, und den Juden bestand darin, daß sie bei den Juden wohnten.' Aber auch nur zwanzig von ihnen, dafür zahlten sie zwei Kreuzer per Nacht." Zwei Kreuzer für ein Nachtquartier, das ist also die wirthschaftliche Ausbeutung, die der Herr Pattai beseitigt wissen will. Aus einem anderen Grunde erscheint auch der zitirte Artikel der „Zeit" bedeutsam. Er giebt nämlich die sehr beachtenswerthe Antwort auf die Frage, warum die Bahnarbeiter die Juden mißhandelten r und warum Graf Badem dazu schwieg. Die Arbeiter wollten'dafür Rache nehmen, daß die Juden von Chodorow infolge mehr oder weniger sanfter Gewalt ihre Stimmen für die Schlachzizen abgaben. Deshalb prügelten sie die Juden, und die Gendarmen sahen wohlwollend zu. Hätten aber die Juden im Sinne der Arbeiterschaft gestimmt, dann wären sie eben, wie sich dies an anderen Orten Galiziens zeigte, von den Gendarmen geprügelt worden, Die Erklärung, die einer der polnisch-sozialistischen Abgeordneten auf diese Mittheilungen in demselben Blatte abgegeben, ist mehr als schwächlich und kläglich. Was aber das Interessanteste, an den Mittheilungen der „Zeit" ist, das ist wohl die Thatsache, daß der Czernowitzer Ab-, geordnete Dr. Straucher nicht die Stimmen der jüdischen Abgeordneten Galiziens für eine Interpellation über die- Exzesse in Chodorow finden konnte! Die Herren sind eben von Badenis und des Polenklubs Gnaden gewählt. Traurig, fürwahr, sehr traurig. * Wir erhalten eine Einladung zu demKon greß der Religionswissenschaften, der diesmal in Stockholm vom 31. August bis zum 4. September stattfindeu' soll. Das Komitee besteht aus den Herren: Curry Treffenberg, ehemaliger Gouverneur von Fahlu län, Axel Strandell, Rektor der Kirche St. Claire, Vizepräsident des Konsistoriums in Stockholm, Dr. E. Berginan, Rektor der Kirche St. Jacques in Stockholm, S. A. Fries, Lic. Theol., Pastor in Stockholm, A. Björck, Pastor in Stockholm, Dr. G. Klein, Rabbiner und Professor in Stockholm. Aus dem Programm heben wir die folgenden Vorträge hervor: Max Müller über das Studium der Religionswissenschaft. Professor Boldensperger-Gießen über das Urchristenthum, Pastor. Fries-Stockholm über die neueren. Forschungen auf dem Gebiete der israelitischen Geschichte, Pastor Björck-Stockholm über das Themas In welchem Sinne haben wir die Bibel als Wort Gottes aufzufassen? Rabbiner Dr. Klein über die Verbindung von Religion und Moral, Professor Michelet-Christiania über die Propheten Jfryels, Professor Säbatier-Paris: Die Beziehungen der Religion zu den Tendenzen der modernen Weltanschauung. In Algier hat es der Antisemitismus schon zu blutigen Exzessen gebracht. .Das „Wolffsche Telegraphenbüreau" versandte in diesen Tagen folgende Notiz: Mostagariem, 18. Mai. Infolge eines blutigen Angriffs hiesiger Israeliten auf etwa zehn Radfahrer aus Oran entstanden heute gegen die Israeliten Kundgebungen, bei denen die Synagoge zerstört und etwa 15 Läden der Israeliten geplündert wurden. Schade, daß die Notiz in so lapidarischer Kürze abgefaßt und auch nicht ganz richtig ist. Tatsächlich hat die Gesellschaft der Radfahrer, geleitet von Mr. Irr, Munizipalrath in Oran und Führer der dortigen Antisemitenliga, angefangen und zwar mit dem Ruf: „A bas les Juifs.“ Darauf antworteten die Juden mit dem Ruf: „Vivent les Juifs l“ Es kam zu einem Handgemenge, bei dem die Israeliten ihre Gegner gehörig abführten. «Die Aufregung wurde von einer Bande arabischer Straßenräuber benutzt, - um in das Judenviertel einzubrechen und dort zu plündern. Obwohl ein Zuavenkordon das Judenviertel besetzt hielt, wurden doch die Läden ausgeraubt, die Schaufenster zertrümmert und sogar die Synagoge zum Theil zerstört. In Oran gährt es übrigens schon seit einiger Zeit. Erst vor Kurzem kam es dort zu einem Mesierkampf zwischen Antisemiten und Israeliten. Der Vizepräsident der Antisemitenliga wurde am Unterleib verwundet, zahlreiche Israeliten wurden verhaftet.