Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228225--53725-3267665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
254k „Börseiijuden"> als „Cohns und' Levys" zu verspotten. Solches wäre nicht möglich, wenn wir immer'mit der Würde und Vornehmheit, welche unsere Alten in-solchen. Fällen besessen .- haben, unseren - Gegnern gegenüber das r^lhKxGleichmaß bewahrt^ und ein stärkeres Rückgrat den SchmeHeleiew Die?den Verfolgungen gegenüber' gezeigt hätten. Ein altes Sprichwort sagt/ daß die Noth beten lehrt. Vielleicht^ lehrt sie aber auch arbeiten und sich rühren,, vielleicht bewirkt sie auch, daß die -Inden in dem Kampfe, den .sie nicht unter-' nommen, sondern der . ihnen, gewaltsam aufgezwüngen wurde, trotz alledem und alledem nicht erlahmen und diesen Kampf siegreich zu; Ende führen. Aus allen diesen traurigen und beschämenden Ersahrungen,die.wir hier nur kurz angedeutet, müßten wir ja, wenn wir nur ein wenig darüber Nachdenken, großen Nutzen ziehen. Wir sollten-daraus wenigstens lernen, durch die-Musik starker Worte uns ... nicht so leicht berauschen zu laffen, wir sollten daraus lernen, unser Vertrauen nicht leichtsinnig hinzugeben und den Werth der höchsten Güter, um die unsere Ahnen Blut und Leben gelassen haben, höher abzuschätzen, als dies leider vielfach in unseren Kreisen der Fall ift: ' Seit jeher galt in Israel das Gesetz: „Ehre Gott und den König und menge dich nicht unter die Aufrührer!" Dies Gesetz galt zu jeder Zeit heilig und unverbrüchlich und wird es auch ferner bleiben. Es ist eine der nichtsnutzigsten Verleumdungen, wenn man das Judenthum, das als solches jede Auflehnung gegen König" .oder Vaterland entschieden verdammt, mit den sozialdemokratischen und ähnlichen Bestrebungen in irgend welche Verbindung zu bringen sucht. Aber aus der entschiedenen Theilnahme der Juden an den Hoffnungen und Bestrebungen der liberalen Parteien können ihnen nur" Diejenigen einen Vorwurf machen, die nicht die geringste Einsicht in die wirkliche Sachlage haben. Wenn wir in unseren heiligsten ' Rechten gekränkt und verletzt werden, so müssen wir unsere Interessen als Staatsbürger sicheren Händen anbertrauen, und solche sichere ' Hände sind unter den heutigen Verhältnissen mm einmal für uns diejenigen der Vertreter des liberalen Gedankens. Es bleibt dabei völlig gleichgiltig, welcher Schattirung der liberalen Parteien wir^ uns änschließen. Wäre die nationalliberale Partei nicht mit einem ' Tropfen antisemitischen Oels gemischt, so würde ihr, bei deren Begründung so viele hervorragende Deutsche jüdischen Glaubens thätig gewesen sind, auch ein großer Theil der deutschen Juden zugefallen sein. Nichts ist aber verkehrter als die Politik, welche mit dem Schlagwort: „Schlimmer kann es nicht mehr werden", öoit jeder Betheiligung am öffentlichen Leben überhaupt sich zurückziehen und den Dingen freien Lauf laffen möchte. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen erscheint dies geradezu als ein Verbrechen. Dieser Jndifferentismus geht zumeist mit dein religiösen Jndifferentismus \ Hand in Hand. Wie jener, ohne sich aufzuraffeu, die heiligsten Güter unseres Glaubens gefährdet sieht, so läßt dieser unsere höchsten , Bürgerrechte in den Staub treten, ohne sich zu erheben und sein; gutes Recht zu fordern. Dieser Jndifferentismus ist unser gefähr-; lichster Feind. Ihn müssen wir mit aller Kraft bekämpfen. Es giebt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn .man nur. den rechten Willen dazu mitbringt. Wir müssen nur den Freimuth haben, unser Recht zu fordern und es um so stärker zu fordern,; je eifriger man sich bemüht, es uns zu entziehen. „In der Gefahr wächst der' Muth", so lautet ein altes > deutsches Sprichwort, und wenn es ein Wahrwört ist, dann müssen -. Wir vor allem unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht die . Gefahr blind übersehen, sondern sie sehend überwinden, . nicht j demüthig zurückweichen, sondern bescheiden, aber entschieden uns am öffentlichen Leben betheiligen. Wir wärendann, wenn wieder einmal ein solcher ^Sturmgegen uns losbricht, wie der in ' den letzten zwanzig Jahren, anders, gerttste.t, undunsere-Sache würde dann, bester vertreten seich, als! sie-,es> innerhalb dieser -Periode gewesen .ich - - : - v. : Ein stärkeres Rückgrat, etwas, mehr Zurückhaltung auf der einen, eine größere Entschiedenheit in der Vertretung der eigenen Jntereffen auf der andern Seite, etwas weniger Jndifferentismus und viel mehr Opferfreudigkeit für die Institutionen, denen wir unser Vertrauen und die Sorge um unsere Zukunft übergeben, das sind die drei Forderungen, welche in den - gegenwärtigen bewegten Zeitverhältnissen an die deutschen Juden ergehen. Wenn sie diesen Forderungen genügen, dann brauchen sie keinen Feind zu scheuen, dann können sie, wie einst ihr edelster Vorkämpfer, wie Gabriel Rieß er, all ihren Feinden gegenüber es. aussprechen: „Daß wir die Freiheit anders, auffassen, daß wir .nach der Erlangung einer höheren Freiheit auf einem anderen Wege, als der ist, den man uns zeigt, mit allen Kräften ringen und streben und bis zum letzten Lebenshauche zu ringen und zu streben entschlossen sind, das ist es, glauben wir, was uns würdig macht, Deutsche zu sein und zu heißen. Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge' deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt; der Hauch der Freiheit, der über die^deutschen Gaue zog, hat unsere schlummernden Freiheitshoffnungen geweckt, und manche frohe Aussicht ist ihnen schon seitdem geworden. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, werden, ihm allerorten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern— nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird!" ' - Die Woche. Berlin, 25. Maijüdische Kolonisationsgesellschaft (Jewish.Kolonisation Association) hat am 9. d. M. ihre Generalversamm-. lung in Paris abgehalten. Der Verwaltungsrath besteht. gegenwärtig nach dem Ableben des Barons Hirsch aus den Herren S. H. Goldschmidt, N. Leven, S. Neinach in Paris, Alfr. S. Cohen,. H.. G. Lousada in London, ferner als Vertreter der Alliance Zadoc Kahn, als Vertreter der Anglo-Jewish-Association C. Montefiore, endlich aus den Herren Generalkonsul Franz Philippson-Brüssel, Dr. E. Lachmann-Berlin und Rechtsanwalt Plotke-Frankfurt a. M. Die Versammlung beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Jahresbericht über das Kolonisationswcrk in Argentinien, der uns zugegangen. Schade, daß aber nur die Berichte der Direktoren Vorgelegen haben — die Berichte der Kolonisten lauten ganz anders. Ferner wurden die russischen Angelegenheiten besprochen. Es liegt die Thatsache vor, daß die russische Regierung dem Kolonisations-; unternehmen der Gesellschaft nicht unsympathisch gegenübersteht.. Endlich wurden auch die Kolonisationsbestrebungen in Amerika unterstützt. ' In Argentinien, wo sich 1895 nach 1222 Familien - befanden, sind gegenwärtig, in den fünf Kolonien nur noch 910. Die Gründe für den Rückgang dieses groß angelegten Unternehmens sind zu be-