Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228225--53724-3267664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gin unparteiisches Organ Mr alles jüdische Interesse. 61, Jahrgang. Kr. 22, Berlin, 28. Mai 1897. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHUippson-Äonn. Verlags-Vrpeditwn: LerÜn, Jerufalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint, wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaetcur: Gustav K arpeles. Alle Zusendungen fltr Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthumS*, Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Ilnhnkk. Leitartikel: Zeitfragen. — Die Woche. — Ostpreußen voran! Von Jacob Bähr. — Bilschon. Von Dr. B. Plaezek. — Der Salon 1897. Von M. Friedeberg. — Feuilleton: Weder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach (Forts.). — Andere Zeiten. Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten r Berlin, Aus der Provinz Posen, Breslau, Aus Thüringen, Wolfenbüttel, Köln, Vom badischen Oberlande, Wien, Budapest, New-York. — Bon Nah nnd Fern. Aeitfragen. B-rlin, 25. Mai. f er Erfolg, den die judenfeindliche Bewegung seit etwa zwei Jahrzehnten erreicht hat, besteht für uns hauptsächlich darill, daß sie viele Juden selbst kopsscheu gemacht hat. Wahrend diese früher mit aller Entschiedenheit'und auf allen Gebieten ihr gutes Recht geltend zu machen gewußt, sind sie jetzt oft furchtsam, mißtrauisch, in ihren Zielen und Wünschen zersplittert, in ihrer Stellung zu den Streitfragen ohlle Einigkeit und vielfach unentschieden, Und doch ist es gerade unter beit gegenwärtigen Zeitverhältnissen überaus nothwendig, daß die deutschen Juden vor allem vollständig klar und zielbewußt Vorgehen. Obwohl unser Blatt mit der Politik als solcher absolut nichts zu thuu hat und sich von der Berührung politischer Fragen, soweit sie nicht die deutsche Judenheit selbst angehen, streng fern gehalten hat und auch tveiter fern zu halten gedenkt, erscheint es uns doch nothwendig, daß wir über die Stellung der Juden zu diesen Zeitfragen uns einmal unumwunden aussprechen. Daß die Inden im Grunde genonunen konservativ gesinnt sind, liegt in ihrer religiösen Tradition und ihren geschichtlichen Ueberliefernngen. Wir zweifeln nicht daran, daß auch Juden unserer Tage, wenn innerhalb der politischen Parteien alle Unterschiede anfgehört hätten, längst in großer Zahl im konservativen Lager zu finden wären. Sind doch die Begründer der konservativen Partei in Preußen aus dem Judenthum hervorgegangen! Daß aber, so lange die konservative Partei auf dem Tivoliprogramm feststeht, welches die Juden nicht nur ausschließt, sondern sogar bekämpft, diese der konservativen Partei nicht beitreten können, ist selbstverständlich. Es bleibt ihnen also nichts übrig, wenn sie nicht ganz abseits stehen wollen, als die liberalen.Parteien zu verstärken. Es ist dies nicht nur ein Akt der Nothwehr, der sie dazu treibt, sondern der Ansdruck aufrichtiger Ueberzeugung, daß der Liberalismus allein den Willen besitzt, die verfassungsmäßigen Rechte aller Staatsbürger, also auch der Juden, zu wahren. Die Sache der Juden ist daher die Sache des Liberalismus heute und wohl noch auf lange Zeit hinaus. Wenn man vor 50 Jahren gesagt hat: Die Emanzipation der Inden ist, eine Forderung der Freiheit, so kann man heute sagen: Ihre völlige Gleichstellung ist eine Sache des Liberalismus. Der Liberalismus vertheidigt sich selbst .und vertritt sein eigenes Lebensinteresse, wenn er die Interessen der Juden vertritt. Wir sind, ihm nicht einmal dafür zu Dank verpflichtet,. denn es ist dies für ihn. eine heilige Pflicht, 'wenn er nicht . dem Grundprinzip, aus dem er hervorgegangen, untreu werden will. Die heftigen Angriffe, welche in den letzten zwanzig Jahren gegen uns von verschiedenen Seiten erhoben worden sind, haben den Standpunkt in dieser Beziehung wesentlich verrückt. Es ist deshalb dringend nothwendig, daß von unserer Seite immer wieder darauf^ hingewiesen werde, daß es eine Rechtsfrage sei,. um die es sich ^handelt, wenn von unseren Angelegenheiten die Rede ist. Wir verlangen nichts als das positive Recht, das durch die Verfassung uns gewährleistet ist. Wir klagen nicht, wir drängen nicht, wir wünschen, daß dieses Recht in seinem vollen Umfange erfüllt und geübt werde. Einzelne Konzessionen haben deshalb für uns gar keinen oder doch nur einen geringen Werth; sie machen den Eindruck, als wollte man die alte Schmach durch neue Demüthigungen verlängern. Wir haben das Recht, zu fordern, daß die Judenfrage nur als ein Glied in der Kette der Forderungen angesehen werde, welche in dem allgemeinen Kampf um die Güter der Freiheit erhoben werden. Wir sind Preußen, wir sind Deutsche und haben als 'solche nicht nur das Recht, sondern auch im höheren ethischen Sinne ibie Pflicht, unsere ehrliche Ansicht ebenso ehrlich zu bethätigen und für diese alle Opfer zu bringen, welche ihre praktische Durchführung erheischt. Diese Forderungen vertritt in der Gegenwart hauptsächlich und ffast allein der Liberalismus. Und schon daraus erhellt mit innerer Raturnothwendigkeit, daß die Juden schon aus dem Prinzip der Selbsterhaltung die Sache des Liberalisinus fördern und unterstützen müssen. Man darf nicht um Mitleid betteln, wenn man sein gutes Recht zu verlangen hat. Es giebt in iniserein Vaterlande keine Staatsbürger erster und zweiter Klaffe, und jeder Staatsbürger hat das Recht, seiner Ueberzengnng vollen und klaren Ausdruck zu geben. Es stünde anders um die Sache der Juden, sie hätten nicht so vieles zu beklagen, was in den letzten Jahrzehnten vorgefallen, wenn sie diese durch die Geschichte bezeugten Thatsachen immer hätten im Äuge behalten wollen, wenn sie vor allem etwas mehr Stolz -besessen und vornehm in einer. Zeit sich zurückgehalten hätten, in der man von so vielen Seiten gegen ihre heiligsten Rechte anstürmt, wenn sie sich immer in Erinnerung gebracht hätten, daß man, wenn 'man sie von gewisser Seite braucht, sie als „liebe Mitbürger" an- T€bet, um kurz darauf, wenn sie ihre Schuldigkeit gethan haben, sie als