Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228224--53718-3267657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ganz eins ist mit uns, in unserem Denken, Fühlen, "Hoffen und Fürchten. Zum ersten Male nach langen, freudelosen Jahren regte sich "in dem einsamen Manne dieses Gefühl so mächtig,, daß es ihm^ einen fast körperlichen Schmerz verursachte. Einen Moment blieb er zögernd stehen, ehe er, einer äugen-, blicklichen Regung folgend, einen anderen als den bisherigen Weg ein-'- schlagend, der Straße zuschritt, in der er vor wenigen Monatengewohnt. Ehe er die Schwelle des Hauses überschritt, blieb er hoch aufathmend stehen, eine flüchtige Rothe färbte sein Antlitz; es bedurfte noch einer gewissen Kraftanstrengung, ehe er es über sich gewann, die schmale, etwas steile Treppe emporzuklimmen; ehe er die Klingel in Bewegung setzte, vergingen auch noch wenige Minuten, dann ein schneller Ruck, hell klang es durch den kleinen Korridor.? Gleich darauf stand Dr. Klein vor Frau Milde, die halb erstaunt, halb erfreut, den Besucher erkennend, ihn zum Eintreten aufforderte, indem sie ein wenig empfindlich citirte: „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt", und so seien Sie mir herzlich willkommen, aber Ihr spurloses Verschwinden müssen Sie mir noch erklären^ eher kann ich Ihnen keine. Absolution ertheilen. Sophie ist leider nicht zu Hause. Sie müssen daher mit mir alten Frau vorlieb nehmen und eine Taffe Kaffee trinken." Wie von einer Last befreit, athmete der Doktor auf, als er sich in dem wohnlichen Zimmer mit Frau Milde allein sah. Wunderlich?. Die Tochter flößte ihm weit mehr Respekt ein als die Mutter. Ziemlich linkisch machte er von der Einladung, auf dem.Soph.a Platz zu nehmen, Gebrauch. Indem er den Korrekturbogen aus der Tasche zog und ihn neben die Tasse der Dame legte, meinte er ein wenig gedrückt: „Ehe ich mit meinem Werke nicht ganz fertig war, .mochte und konnte ich keine Besuche machen. Ihr Fräulein Tochtet. möglicherweise Sie selbst, liebe Frau Milde, haben mich gewiß für einen recht undankbaren Flegel gehalten. Jetzt habe ich nur noch .Korrektur, zu lesen, und dabei muß ich mir Zeit gönnen. Sehen Sie, das ist der erste Druckbogen, und mein erster Besuch gilt Ihnen. Mir ist so. zu Muthe, als würden Sie sich ein wenig darüber freuen, daß ich so weit bin," setzte er mit einem schüchternen, fragenden Blick hinzu. Frau Milde setzte sich ihre Brille auf; mit einer Art Andacht betrachtete sie den Druckbogen, der mit griechischen und lateinischen Ci taten und Worten förmlich gespickt war. Nachdem sie den Titel : „Plato und die Epikuräer", gelesen, legte sie den Bogen sorgsam zusammen, und ihn dem Verfasser zuschiebend, meinte sie: „Glück auf, mein lieber Herr Doktor. Meine Tochter wird sich herzlich freuen, wenn Sie hört, daß Sie die erste Sprosse zu der Leiter des Ruhmes erklommen haben. Wir nehmeil aufrichtig Theil an Ihnen, und wenn wir Ihnen, irgendwie hilfreich sein können, dann sind wir es gern. Z. B. wenn ich oder Sophie Ihnen die zweite Korrektur lesen sollen, — Ihre Augen bedürfen der Schonung, — dann bringen Sie uns die Bogen." „Solche Pause dürfen Sie in Ihren Besuchen, nicht mehr machen," fuhr sie herzlich fort. „Sie stehen, wie mir scheint, ziemlich einsanr in der Welt. Sie werden uns stets ein willkommener Gast sein, je öfter Sie kommen, um desto willkommeller; nur wenn wir Unterricht geben, können wir Sie nicht gebrauchen, das wiffen .Sie ja selbst. Bitte, essen Sie am Sonntag einen Bissen mit uns zu Mittag. 'Abgemacht? Gut. Die Stunde, die Klein dem Besuche widniete, ging wie im Fluge dahin. . - Er lernte Frau Milde während dieser kurzen Zeit als einej hochgebildete, denkende Frau kennen, welche seinen Bestrebungenein - verständnißvolles Interesse entgegenbrachte. Froh und befriedigt, wie seit langen Jahren nicht, trat er seinen Heimweg an. nachdem er nur zu gern das Versprechen gegeben hatte, so oft es seine Zeit erlaubte, zu den beiden Damen kommen zu lvollell. „Wir können auch eine geistige Erquickung gebrauchen," hatte Frau Milde beim Abschiede gemeint. „Wenn man so tagaus, tagein wie ein Lastthier weiter trottet, dann verlernt man endlich das Denken. Besonders meiner Sophie thut es noth, daß sie einmal ztt einer guten Unterhaltung kommt. Es ist ein sehr bescheidenes Mädchen, lieber Herr Doktor, grundgescheit, — aber wenn man der edlen Frau Musika die meiste Zeit widmen muß, dann kommt man so schwer dazu, auch noch anderen-Göttern zu dienen. — Also nochmals viel Glück, Ehre, Ruhm und Gold. Auf Wiedersehen." „Auf Wiedersehen." Es kam so recht aus seinem innersten Herzen, und Frau Milde sah ihm noch vom Fenster aus recht befriedigt nach, als er auf der gegenüberliegenden Seite rasch vorwärts schritt. „Diesmal hat die große Menschenkennerin Sophie sich doch geirrt. Ich hatte recht; es ist ein lieber, interessanter Mensch und, was mir lieb ist, gar nicht zum Verlieben geschaffen. Ebenso wenig wird Sophie ihm gefährlich werden. In die verliebt sich auch im ganzen Leben kein Mann", seufzte sie auf, indem sie sich zum Fortgehen bereit machte. (Forts, folgt.) Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! Ejhr Wochenbericht, den Rabbiner-Perband i. D. betr., in Nr. 20 der S „Allgem. Zeitung d. Judenthums" ist in vielfacher Beziehung unzutreffend. Vor allem bestehen zur Zeit nicht drei Verbände, sondern nur der eine Allgemeiner Rabbiner-Verband i. D., in dessen Mitte die orthodox gerichteten Kollegen zu einer Art Fraktion unter dem Namen „Traditionell-gesetzestreue Vereinigung" sich zusammengeschlossen haben. Allerdings hat der vormals recht gemäßigte Oberrabbiner Hirsch-Hamburg, dessen Sohn in Karolinenthal in einer sogenannten Orgelsynagoge als Rabbiner sungirt, die Orthodoxen zur Bildung eines eigenen Verbandes aufgefordert; aber es haben sich ihm kaum zehn Kollegen der äußersten Rechten angeschlofsen, so daß sein Unternehmen als mißlungen bezeichnet werden darf. Der beste Beweis für den friedlichen Zusammenschluß beider Parteien innerhalb des Allgemeinen Rabbiner-Verbandes in Deutschland ist die Zusammensetzung seines geschäftsführenden Vorstandes, dessen Vorsitzende die Kollegen Maybäum-Berlin und Horovitz-Frankfurt a. M. sind, und denen die Kollegen Auerbach-Halberstadt, Guttmann-Breslau und Werner- München zur Seite stehen. In der jüngsten Central-Ausschußsitzung am 11. d. Mts. ist das vorläufige gemeinschaftliche Arbeitsgebiet bereits abgesteckt und für die nächste, zu Weihnachten in Berlin stattfindende Generalversammlung die Frage des obligatorischen Religionsunterrichtes, die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde, die Bildung von Bezirksrabbinaten in Preußen rc. rc. als Gegenstände der Berathung festgesetzt worden. X- (Dem gegenüber müssen wir feststellen, daß es in dem Einladungsschreiben zu der Konferenz der „Traditionell-gesetzestreuen Vereinigung" ausdrücklich heißt, daß sie ja nicht etwa als eine Fraktion des „Allgemeinen deutschen Rabbinerverbanöes" angesehen werden wolle. Also nicht „eine Art von Fraktion", sondern ein selbständiger Verband ist diese zweite Vereinigung. Und daß der dritte Verband ebenfalls exifiirt — gleichviel, ob mit zehn Mitgliedern oder mehr —, das giebt der Herr Einsender ja selbst zu. Seine Entgegnung bestätigt also nur, daß unsere Mittheilung in keiner Beziehung „unzutreffend" gewesen ist. Die Red.) Druck und Verlag von'Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.